Mein Märchen

Mein Märchen

Welches ist das Lieblingsmärchen von Michelle Hunziker? Welche Märchenfigur möchte Wim Wenders sein? Und was ist für Boris Becker ein märchenhafter Moment? Entdecken Sie die Antworten von Persönlichkeiten aus Deutschland und Italien.

Und was bedeutet „märchenhaft“ für Sie? Wir haben einen entsprechenden Wettbewerb organisiert – hier finden Sie die Gewinner und ihre Antworten.

    Wim Wenders

    © Regisseur

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Hans im Glück“. Weil da einer nach allen Spielregeln des Kapitalismus ein Idiot ist, und gerade deswegen ein glücklicher Mensch, also ein Held.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Eben jener Hans.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn Menschen Hand in Hand zusammenarbeiten und keiner der Anführer ist, keiner bevorteilt, keiner benachteiligt.

    Andrea Camilleri

    Schriftsteller © Orecchio Acerbo


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    Mein Lieblingsmärchen ist eindeutig „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, weil es als eines der ganz wenigen gut ausgeht, auch wenn am Ende die Königin einer schrecklichen Folter ausgesetzt wird und daran stirbt. Außerdem war es vermutlich eines der ersten Märchen, das mir als Kind erzählt worden ist.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Da ich aus offenkundigen Gründen nicht Schneewittchen sein kann und weder über die Berufung noch über den nötigen Körperbau für den Prinzen verfüge, hätte mich ich folgerichtig einen der sieben Zwerge auswählen müssen. Im Grimmschen Märchen sind die sieben Zwerge jedoch nicht mit den später hinzugefügten, disneyartigen Charakteristika ausgestattet, sondern relativ anonym. Deshalb ziehe ich den Spiegel vor, der immer die Wahrheit sagt. Das ist ein Luxus, den ich mir mit 86 Jahren durchaus erlauben kann.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Jedes Mal, wenn ich mich verliebt habe.

    Michelle Hunziker

    © LaPresse/Saragò Moderatorin

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Der Wolf und die sieben Geißlein“, weil meine Tochter Aurora es vier, fünf Jahre lang jeden Tag hören wollte, als sie klein war. Während ich es ihr erzählte, zog ich Gesichter und machte Geräusche nach, um das Märchen noch lebendiger zu machen. Sie war jedes Mal begeistert und ich mit ihr!

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Schneewittchen.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Märchenhafte Momente sind für mich Augenblicke der familiären Einheit, in denen du die Wärme der am Tisch versammelten Familie spürst, der Menschen, die du liebst. In diesen Momenten wird dir klar, dass mit ihnen alles perfekt ist.

    Wolfgang Porsche

    Unternehmer ©


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Brüderchen und Schwesterchen“. Dieses Märchen erzählt in einem steten Auf und Ab von Flucht und Verwünschung, Sehnsucht und Verwundung, königlicher Hochzeit und glücklicher Geburt, Intrige und Mord. Doch am Ende überwinden die Liebe und der Zusammenhalt der Geschwister den Fluch der bösen Stiefmutter.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Das Brüderchen: von zu Hause geflohen, durch den Fluch der Stiefmutter verwandelt in ein Reh, und am Ende erlöst durch die Liebe der Schwester.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn ich in einen 911er einsteige.

    Franco Maresco

    © Paolo Caravello Regisseur


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    Meine Kindheit wurde von mindestens zehn Märchen geprägt, nicht nur von einem einzigen. Allerdings war „Rotkäppchen“ sicher das erste, das ich je gehört habe. Meine Mutter erzählte es mir und flüsterte mir dabei ins Ohr, dass der böse Wolf kommen würde, wenn ich nicht das hart gekochte Ei essen würde, das ich eklig fand oder die panierte Leber, die ich noch mehr hasste. Woher hätte die gute Frau wissen sollen, dass ich mich hingegen ganz besonders nach der Ankunft des Wolfs sehnte, von wo auch immer er kommen würde? Ich erinnere mich noch heute, dass ich dafür selbst auf Nudeln mit Linsen verzichtete, die ich besonders mochte, um herauszufinden, wie dieser wunderbar böse Wolf aussähe, der sich leider nie blicken ließ und deshalb bis heute zur brennenden Enttäuschung meines Lebens wurde. Deshalb habe ich dreißig Jahre später beschlossen, selbst nicht nur einen, sondern viele sehr böse Wölfe zu erfinden, um sie gemeinsam in ein entlegenes, mysteriöses Land namens „Zyniker-TV“ zu schicken.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Natürlich der böse Wolf, wie sich leicht aus meiner ersten Antwort ersehen lässt. Ich hasste Prinzen und Prinzessinnen, Feen und Ritter, Könige und Königinnen, alle immer gleich schön, blond, mutig und selbstverständlich gut. Und dann war da noch dieses „Und sie lebten glücklich und zufrieden“, auf dass die alten Palermitaner mit resignierter Ironie antworteten: „Und wir putzen uns die Zähne“. Ich machte jedenfalls nicht mit beim Happyend dieser adligen Trottel. Schließlich war ich gezwungen, mir die Kaninchenzähne zu putzen, denen keine noch so großzügige Fee jemals mit ihrem Zauberstab zur richtigen Größe verhalf. So wurde mir der Wolf zum idealen Anti-Helden: Hässlich wie ich, rebellisch, frei, mithin ein Verlierertyp, der sich nie zum Opfer macht. Darüber hinaus war er die einzige wirklich komische Märchenfigur, ein bisschen wie Willy der Kojote im Zeichentrickfilm, inmitten einer Welt tugendhafter Helden und Heldinnen, die aber langweilig sind und dabei ein unverschämtes Glück haben, wie der super schnelle Strauß Beep Beep. Nicht gerade das Maximum an Sympathie.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Ich glaube nicht an märchenhafte Momente in meinem Leben. Stattdessen könnte ich alptraumartige Augenblicke beschreiben, aber das wäre vermutlich am Thema vorbei.

    Boris Becker

    Sportler ©

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Der gestiefelte Kater“, da es ein schönes positives Märchen ist, welches einem zeigt, dass man immer das Beste aus einer Situation machen sollte.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Hans im Glück.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Die Geburt eines Kindes.

    Franco Scaldati

    © Pietro Motisi Regisseur

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, weil sie ein Bewusstsein tiefer Harmonie ausstrahlen.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Der Diener, der im gleiche Märchen stolpert, und so dafür sorgt, dass Schneewittchen den vergifteten Apfel wieder ausspuckt.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn ich Schneewittchen und die sieben Zwerge inszenieren werde...

    Sasha Waltz

    Choreographin © S. Bolesch


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Spindel, Weberschiffchen und Nadel“. Weil das Bild des goldenen Faden so ein edles Bild für Schicksal und Lebensfaden ist.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Aschenputtel.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn man bei Abenddämmerung in starkem Nebel allein in einem kleinen Ruderboot über einen See fährt, das Ufer verliert und nur seinem inneren Kompass trauend das Ufer findet. Das Land in weiße Schwaden getaucht ist und nur ab und zu ein Lichtlein in der Ferne blinkt, angekommen am Ufer man durch einen einsamen Wald muss, der einen düster und kalt anhaucht.

    Ennio Morricone

    © Komponist

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    Schwer zu sagen, welches wirklich mein Lieblingsmärchen ist. Ihnen allen ist ein Bezug zum Leben, zu den Wesenszügen und Gegensätzen der Menschen von gestern, heute und morgen gemeinsam. Trotz dieser schlichten Voraussetzung habe ich mich für „Aschenputtel“ entschieden. Meine Vorliebe gründet nicht zuletzt auf der besonders markanten Charakterisierung der Figuren. Damit wird der, für alle Zeiten und alle gesellschaftlichen Entwicklungen auch heute gültige Bezug deutlich.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Ich kann mich mit keiner besonderen Figur identifizieren. Sicher müsste es eine gerechte, ehrliche, respektvolle und faire Persönlichkeit sein. Lieber noch möchte ich eine Person sein, die außer- und oberhalb der anderen steht, um die Schlechten besser zu machen und alle gemeinsam zu einem freudigen Ende zu führen. Dabei würde ich negative und grausame Auflösungen wie das Auspicken der Augen der Stiefschwestern durch die Tauben vermeiden. Dies ist ein rein persönliches moralisches Eingeständnis, ich möchte keineswegs eine Geschichte verändern, die ich als Meisterwerk verstehe.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Für mich wäre dann ein märchenhafter Moment erreicht, wenn alle Menschen sich wohl gesinnt wären und jeder seinen Beruf liebte, auch den einfachsten, dem er ehrlich nachgeht… und wenn auch die Musik geschätzt würde!

    Klaus-Dieter Lehmann

    Präsident Goethe-Institut © Goethe-Institut


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Rapunzel“. Trotz der Verführbarkeit von Menschen, trotz der Vorbestimmung durch Dritte, die Kraft der Liebe ist groß genug, um eine Selbstbestimmung zweier Menschen – nach einigen Leidenswegen – zustande zu bringen. Das stimmt optimistisch.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Das tapfere Schneiderlein. Mit Gelassenheit, Selbstbewusstsein, Einfallsreichtum und Pfiffigkeit überwindet man Gewalt und Bösartigkeit in der Welt.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Die Geburt unserer Kinder.

    Bruno Bozzetto

    © Federico Buscarino Zeichner und Karikaturist

    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Die zwei Brüder” wegen der reichen Phantasie, der Komplexität des Geschehens und der Vielfalt der Figuren, aber auch wegen des gelungenen, immer durchscheinenden Humors. Möglicherweise fasziniert mich das Märchen auch, weil seine Handlung sich wie ein moderner Phantasy-Film entwickelt, allerdings mit einer wesentlich größeren Dosis Wahnsinn.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Hänsel, der Bruder von Gretel. Eine positive, mutige und unternehmungslustige Figur. Als kleiner und schüchterner Junge hätte ich vermutlich wie er sein wollen. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass die geniale Idee, den Weg im Wald, wie mit einem Ariadne-Faden, mit Hilfe der Steine wiederzufinden, die Figur ins Gedächtnis einprägt.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn ich mich in den Augen meiner Enkel spiegele und in ihnen jene Unschuld und Schlichtheit wahrnehme, die allein den Kindern vorbehalten ist. In solchen magischen Momenten löse ich mich für einen Augenblick von der Realität und genieße den Eindruck, in eine andere Dimension vorzudringen.

    Roger Willemsen

    Publizist und Fernsehmoderator ©


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Gevatter Tod“ ist mein Lieblingsmärchen, ich sehe das Kellergewölbe voller Kerzen, die die Lebenslichter repräsentieren und das Bäuerlein, das vor seinem kurzen Stummel steht und erbleicht – ein unvergessliches, tief eingeprägtes Bild aus meiner Kindheit.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Rumpelstilzchen liegt mir: Allen unbekannt, den ganzen Tag im Wald, in frischer Luft, dann und wann ein bisschen tanzen und leidenschaftlich genug sein, um fuchsteufelswild zu werden und darin unterzugehen. Nicht schlecht, und dann noch Meister im „Inmitten-entzwei-Reißen“!

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn der erste Schnee des Jahres fällt.

    Emma Dante

    © Carmine Maringola Regisseurin


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    Die Märchen der Brüder Grimm sind für mich eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Viele von ihnen mag ich besonders gern, aber vielleicht fasziniert mich „Dornröschen“ am meisten. Der wundersame Schlaf, in den die Prinzessin verfällt und in den sie ihr gesamtes Reich mit hinein zieht, sind eine sehr schöne Metapher für die typische Trägheit einiger Volksgruppen wie der meinen. Tomasi di Lampedusa würde dies als ein dem Tod ähnliches Gefühl eines genussreichen Stillstands definieren.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Ich wäre gern einer der sieben Zwerge, abwechselnd, versteht sich. Einen Tag Brummbär, der sich über alle anderen aufregt; einen Tag Schlafmütze, der immer und überall gedankenlos einschläft und an einem weiteren Tag Happy, der sich über den Mond entzückt.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn am Ende die Bösen bestraft werden. Das klingt sicher nach einem Märchen, denn dieses Vorgehen ist nicht mehr aktuell, aber die Moral erforderte einst Strafen. Die Auflösungen der Märchen wurden mit der Zeit abgeschwächt, man bot sie den Kindern in einer milderen Version dar, ohne allzu viele Traumata, ohne Erschütterungen, aber ich bin überzeugt, dass Märchen erst dann einen Sinn haben, wenn sie einer Werteskala entsprechen, wenn sie eine Moral anbieten und eine Lehre, auch wenn diese keine Vergebung vorsieht. Im Finale von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ der Brüder Grimm etwa werden die Stiefschwestern am Ende auf schreckliche Weise bestraft. Beim Auszug aus der Kirche picken ihnen zwei Tauben nach Schneewittchens Hochzeit die Augen aus und lassen sie so für den Rest ihres Lebens erblinden.

    Jürgen Trittin

    Politiker


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Die Bremer Stadtmusikanten“. Sie kamen ja nur bis Bremen-Vegesack und da bin ich geboren. Das Märchen gefällt mir, weil es zeigt, dass man nie aufgeben darf. Und dass es besser ist, sich selber zu kümmern als das Schicksal zu erwarten. Und wenn man sich zusammentut, kann man sogar Räuber verjagen – und auch Silvio Berlusconi.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Die von dem, der auszog, das Fürchten zu lernen – er hat es nie gelernt!

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn dort, wo ich zu Weihnachten bin, über dem Meer die Sonne aufgeht – gelegentlich sieht man auch Delphine!

    Markus Witzel alias Mawil

    Comiczeichner


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    Die „Die sieben Raben“. Ich weiß gar nicht mehr, worum es dabei ging, aber es war irgend wie gruselig, grausam und spannend und ich würde es gern mal wieder lesen.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Ich wäre gern irgend so ein einsiedlerischer Köhler im Wald.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
    Wenn man mal nix organisiert und geplant hat und sich trotzdem etwas Schönes und Funktionierendes ergibt – ein gelungener Abend, zum Beispiel.

    Reinhard Kleist

    Comiczeichner ©


    Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
    „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, weil ich mich auch gern grusele.

    Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
    Rapunzel. Dann hab ich keinen Haarausfall mehr.

    Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?

    © Reinhard Kleist

      Ricci / Forte

      © Andrea Pizzalis Autoren_Regisseure


      Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
      Hänsel und Gretel haben immer einen subtilen Reiz auf uns ausgeübt, besonders wegen dem Bedürfnis, einen Ort zum Wohnen zu finden - in den Wipfeln der Bäume oder den Tiefen des Ozeans. Eine Familie nach eigenen Vorstellungen und Erwartungen wieder aufzubauen. Verhext werden vom Bedürfnis, Zuneigung zu erfahren, und dadurch der Täuschung und Ausnutzung derer ausgeliefert zu sein, die davon leben, andere zu verschlingen. Wie vielen Hexen sind wir in unserem Leben begegnet, die uns mit einem Lächeln in den Käfig sperren und unseren kleinen Finger befühlen, ob wir schon bereit sind, gekocht zu werden? Wie vielen unmenschlichen Stiefbrüdern, die nur zu ihrem eigenen Vorteil mit uns zusammenarbeiten? Eine Welt enthüllen, entdecken dass die Dächer aus Schokolade und Marzipan ein scheußliches menschliches Antlitz ohne jegliche Moral verbergen, parasitäre Gewächse der Erde, bereit die Träume und Sensibilität anderer zu fressen, um die eigene Leere auszufüllen. An diesen Herausforderungen zu wachsen und sich dabei eine Reinheit zu bewahren, die jede heuchlerische und arglistige Annäherung zersetzt, war immer unser Trumpf.

      Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
      Der Prinz von Rapunzel versucht, etwas sehr Wertvolles zu retten, das aus Gründen seiner Gewöhnlichkeit eingesperrt wird, um zu versuchen, ihm die Lebenskraft auszusaugen. Der Prinz verliert sein Augenlicht, bekämpft von der kläglichen Dummheit der alten Hexe, die sich ob ihrer Nichtigkeit damit tröstet, die Güte und Anmut anderer zu beflecken. Der aufmerksame Blick, die Fähigkeit, einzigartige, versteckte Schätze wie die im Turm eingeschlossene Schönheit mit dem blonden Zopf funkeln zu sehen, der Kampf darum, das Licht dieser Schönheit auf seine Umgebung scheinen zu lassen – es mit denen zu teilen, die es weniger gut sehen können- sind dieselben Bemühungen, die wir erleben, wenn wir Unterschiede davor bewahren, in einem trostlosen, nationalpopulistischen Nichts aufzugehen.

      Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
      Wenn die unmenschliche Anstrengung, aus dem Wald zu finden, sich in ein Wunder verwandelt, das Veränderung ermöglicht. Wenn es uns gelingt, für einen Augenblick den Sonnenstrahl einzufangen, der durch das Dickicht dringt und uns, die Feuchtigkeit des Unterholzes trocknend, den Weg zeigt.

      Nora Gomringer

      Dichterin und Performerin © Anny Maurer


      Welches ist Ihr Lieblings-Märchen und warum?
      Die liebsten Märchen waren mir die mit „R“ lustigerweise: „Rumpelstilzchen“, „Rapunzel“ und „Rotkäppchen“. Die mochte ich, weil sie Action-Charakter haben. Da passiert etwas und es gibt Frauen, die mutig handeln. Mein all-time-favourite ist aber „Die Gänsemagd“ mit dem herrlichen Pferd Fallada. Heute lese ich immer noch sehr gerne vom „Sternthaler“ und das – ich will es gestehen: nicht Grimmsche, aber das Bechsteinsche-Märchen vom „Tränenkrüglein“.
      Das ist eine sehr tröstliche Geschichte über eine trauernde Mutter.
      Diese beiden Märchen sind sehr… elegant und klar.

      Welche Märchenfigur möchten Sie gerne sein?
      Nachdem man ihr Schicksal kennt, ist der Wunsch ein etwas gehemmter, aber eigentlich finde ich das Leben der Prinzessin, BEVOR sie die goldene Kugel versemmelt und den Frosch im Brunnen kennen lernt, ziemlich gut.

      Was ist für Sie ein märchenhafter Moment?
      Etwas Erstaunliches zum ersten Mal wahrnehmen…
      etwa wie ein Schwein, das einen durch Kaffeeschaum hindurch ansieht…