Heinz Rölleke

„Rumpelstilzchen“
Zum Verständnis eines Grimmschen Märchens

Schon vor dem April 1808 hatte Jacob Grimm einen offenbar im hessischen Kassel volksläufigen Text unter dem Titel Rumpenstünzchen festgehalten. Wer der Beiträger war, lässt sich nicht ermitteln. Grimms Niederschriften dieser Fassungen gingen 1808 an seinen akademischen Lehrer Savigny und im Oktober 1810 an dessen Schwager, den seinerzeit schon berühmten romantischen Dichter Clemens Brentano. In beider Nachlässe sind sie erhalten.

Als im Dezember 1812 die erste Auflage der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen (künftig KHM) erschien, stand unter Nr. 55 ein Märchen mit dem Titel Rumpelstilzchen – dieser Titel und der Name des Dämons wurden der Benennung eines Kinderspiels in Johannes Fischarts Gargantua-Roman von 1575 nachgebildet und bedeutet ein kleinwüchsiges einbeiniges Wesen, das undefinierbare Geräusche (Gerumpel) hören lässt. Der gegenüber der ursprünglichen Niederschrift Jacob Grimms vielfach variierende Drucktext ist eine Kontamination einer Erzählung der Hessin Dortchen Wild (geboren 1793), der späteren Ehefrau Wilhelm Grimms, mit einem Beitrag der Hugenottin Marie Hassenpflug (geboren 1788). Den drastischen Schluss mit der Selbstzerstörung des Dämons hat die älteste der Apothekerstöchter Wild (Lisette, geboren 1782) erst später erzählt: In der KHM-Zweitauflage ersetzt er das ursprüngliche Finale, wo der Dämon auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Diese Überlieferungslage zur Zeit der ersten Sammeltätigkeit Jacob und Wilhelm Grimms (geboren 1785 bzw. 1786) bezeugen, dass das Märchen in Hessen verbreitet und offenbar gut bekannt war. In der Grimmschen Fassung wurde es zu einem der berühmtesten der Weltliteratur und so ungewöhnlich häufig wie unterschiedlich unter verschiedenen Gesichtspunkten (vor allem psychoanalytischen oder archetypischen) gedeutet. Hier sollen im Folgenden einige Verständnishilfen aus historischen, literaturwissenschaftlichen und volkskundlichen Perspektiven geboten werden.

© Anne Anderson„Es war einmal ein Müller“ – ein scheinbar alltäglicher Märcheneingang, der die Geschichte gattungstypisch im Allgemeinsten verortet: Es werden im charakteristischen Gegensatz zur Sage oder zur Legende keine Zeit- und Ortsangaben gemacht, es treten keine Individuen auf, sondern Typen (Typus des Müllers, des Königs, der Müllerstochter resp. Königin), die ein breites und einfaches Identifikationsangebot bilden, das jeder Märchenhörer nach seinen Erfahrungen oder Vorstellung fast beliebig 'besetzen' kann. Indes wirkte der Erzähleingang durch die Berufung des Müllers in früheren Zeiten nachweislich anders als heute: Die Müller gehörten zu den verfemten Berufen, wie gesellschaftliche Wirklichkeiten und unzählige volksliterarische Dokumente bezeugen. Die Müller wurden wegen ihres Reichtums beneidet, wegen ihrer Wohnung außerhalb der Stadtmauern beargwöhnt und schließlich aller denkbaren Untaten verdächtigt, waren aber für die sonst autarken Bauern gänzlich unverzichtbar, so dass man sie zähneknirschend ertrug.

Bei diesem Erzähleingang erwarteten also frühere Hörer mindestens einen Schurkenstreich des Müllers, und diese Erwartung wird im Rumpelstilzchen nicht enttäuscht. Mit einer faustdicken Lüge (um sich als ausnahmsweise armer Müller zumindest vor dem König doch „ein Ansehen zu geben“) liefert er seine unschuldige Tochter in den scheinbar sicheren Tod. Der König stellt sie nämlich sofort auf die Probe und droht ihr die Hinrichtung an, wenn sie diese nicht besteht. Die Märchenheldin, die sich weder dem Vater noch dem König gegenüber irgendwie zur Wehr setzt oder auch nur in Sicherheit bringt, gelangt nun in die für jeden Märchenhelden typische Isolation, wo ihnen – und hier eben auch ihr – das Numinose in Form eines Märchenwunders begegnet. Der König hat sie am Abend eingesperrt (isoliert) in eine Kammer seines Schlosses voller Stroh, das sie bis zum Morgen - gemäß der Prahlerei ihres Vaters - ganz zu Gold verspinnen soll. Das heißt aus dem goldgelben Stroh soll strohgelbes Gold, aus dem Wertlosesten (gemäß dem alten Alchemistentraum) das Wertvollste werden: Märchendichotymien, wie sie auch in der Aussicht, entweder getötet oder des Königs Frau zu werden, gegeben sind. Das Märchen liebt überdeutliche, drastische und so signifikante wie einprägsame Extreme. Wie alle Helden des europäischen Volksmärchens reagiert die Müllerstochter auf ihre scheinbar total ausweglose und todbringende Notlage: Sie setzt sich auf den Boden und weint, und im selben Moment kommt jemand – gänzlich überraschend, aber ohne beim Märchenhelden das geringste Erstaunen, Erschrecken oder Wundern auszulösen.

Dieser im Märchen immer wiederkehrende und auch hier dreimal wiederholte Handlungsschematismus kann als unbewusste bildliche Spiegelung des ersten Rettungs- und Erfolgserlebnisses in jedem Menschenleben gedeutet werden: Der Säugling sitzt oder liegt hilflos (es gibt keinen Märchenhelden, der im Stehen weinen würde!), er fühlt sich bedroht oder sonst in einer unangenehmen bis aussichtslosen Lage und weint, das heißt, er artikuliert nicht seine wirkliche oder vermeintlich oder nur vorgetäuschte Notlage, sondern er appelliert durch Haltung und Rufen an den Brutpflegeinstinkt, und das funktioniert in der Zeit der ersten menschlichen Erfahrungsbereiche so ausnahmslos wie im Märchen: Auf diese Signale hin kommt immer jemand, und die scheinbar ausweglose Geschichte kann ihren Fortgang nehmen. Kein Mensch kann sich an dieses erste, geradezu gewaltige Erfolgserlebnis seines Lebens erinnern, aber sein Unbewusstes wird es lebenslänglich speichern, so wie es das Märchen in seinen rational nicht ausdeutbaren Bildern tut.

Das unter anderem macht Märchen so eingängig und so wertvoll, indem sie allgemeinmenschliche Erfahrungen und Werte in zeitlosen Bildern anschaulich damit auf ihre Weise verständlich machen. Auf das Weinsignal der Müllerin kommt ein kleiner Kobold durch die verschlossene Tür und bietet seine zauberkundige Hilfe an. Die Müllerstochter nimmt das Angebot an, ohne nach dem eigentlichen Preis zu fragen, denn jemand, der Gold machen kann, muss ja nicht am Fingerring oder Halsband einer armen Müllerstochter Interesse haben. Sein eigentliches Ziel wird – wie immer im Märchen – in der dritten Nacht artikuliert: Die Königin in spe muss ihm ihr erstes Kind versprechen. Der König hat nun drei Kammern voll Gold (nach einer vierten Kammer oder nach späteren Neuauflagen des Goldmachens wird er wie alle Märchenfiguren auch sonst nicht verlangen: Dreimal ist das Äußerte und kann keine Steigerung mehr finden) und eine schöne junge Frau. Auch für sie scheint das typische Märchenhappyend schon erreicht: Die Heldin heiratet einen König und wird Königin.

Tatsächlich könnte das Märchen hier zu Ende sein, und was wäre dann der finale Status von entmenschtem Vater und mörderischem König? Ein glücklicher und reich belohnter. Diese Überlegung führt die törichte Behauptung, in allen Märchen werde der Böse bestraft und der Gute belohnt ad absurdum (welche Tugend würde denn im Märchen vom Froschkönig mit dem Gewinn eines schönen jungen Prinzen „belohnt“, wo das Mädchen sein Versprechen bricht, das Gebot des königlichen Vaters total missachtet und schließlich den Tierhelfer und Bräutigam in spe brutal ermordet? - Es lohnt sich, darüber nachzudenken, auch wenn die Vorbildfunktion der Märchen für Kinder diskutiert wird).

© Anne AndersonRumpelstilzchen hat eine Fortsetzung, da das Versprechen der Müllerstochter noch „auszutragen“ ist. Sie erschrickt, als der Dämon das Kind gemäß der alten Absprache abholen will, das heißt, sie hatte die ganze vergangene Affäre vergessen (so verhalten sich alle Märchenhelden), sonst hätte sie sich ja vorbereiten können. Der Dämon gibt ihr überraschenderweise noch eine Chance (nicht aus „Mitleid“, wie Wilhelm Grimm in den späteren KHM-Auflagen irrig erläutert), weil er nach den Gesetzen der Dämonologie handeln muss: Da er im ersten Teil unberufen gekommen ist und die Müllerstochter übertölpelt hatte, müssen beide noch einmal mit nun offenem Visier gegeneinander antreten. Und ihr gelingt in letzter Minute, was (vor allem dem siegessicheren Dämon selbst) gänzlich unmöglich schien: Sie kann ihn mit seinem geheim gehaltenen Namen konfrontieren, und damit hat er das Spiel und sein Leben verloren. Denn mit der öffentlichen Preisgebung seines Namens verliert der Dämon seine Macht. Es geht zuletzt um uralten und in allen Kulturen verbreiteten Namenszauber, der vor allem für den Umgang mit Neugeborenen bis heute eine Rolle spielt: Die zu frühe Nennung des Namens ruft einen Dämon auf den Plan, der das Kind stiehlt oder gegen seine Missgeburt austauscht (Wechselbalg).

Darum tun Verschweigen existenziell Not, und noch sicherer steht man da, wenn man im Gegenzug den Namen des dämonischen Widersachers erfährt. Die junge Königin erfährt ihn und die Rettung ihres Kindes erst, als sie einmal ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und einmal Aktivität gezeigt hat: Sie schickte gezielt einen Boten zum Namenraten aus. Bis dato hatte sie geschwiegen oder geweint, hilflos die Schandtat ihres Vaters, die Morddrohung ihres Königs und der Erpressung ihres nur scheinbar selbstlosen Retters aus dem numinosen Bereich ertragen. Am Ende aber ermannt sie sich und durchbricht den Teufelskreis der männlichen Mutationen vom Beschützer zum Schädiger.

Viele Grimmsche Märchen kann man als Aufforderung an die weiblichen Rezipienten lesen, sie sollten nicht immer, wie es die alten Gesellschaftsordnungen jahrhundertelang vorschrieben, von ihren männlichen Vormündern (Vater, Bräutigam, Regierende) abhängig bleiben, sondern sich im rechten Moment über die Vorschriften und Usancen hinwegsetzen, selbstbestimmt, selbst aktiv, emanzipiert werden – die Märchen belohnen diese Emanzipation, auch schon in Zeiten, denen dieser Begriff und die Sache noch völlig unbekannt und andere literarische Gattungen noch weit davon entfernt waren, unbedingt, sofort und wie selbstverständlich.

Das Grimmsche Rumpelstilzchen bietet außer einer ungewöhnlich dichten Fülle von Lebensfragen (neben vielen andern von der Gefährdung des Säuglings durch sudden death, über die Verhaltensanweisung bei aussichtslosen Notlagen bis hin zu Fragen weiblicher Emanzipation) auch die Gestalt eines vollendeten sprachlichen Kunstwerks, was allein schon der thematische und motivliche Aufbau erweist. Beide Handlungsteile basieren auf dem Motiv der Elternschuld: Der Müller und seine Tochter spielen mit dem Leben ihres Kindes. Den drei Probenächten im ersten Teil entsprechen die drei Ratetage im zweiten: Im ersten Teil glaubt sie sich auf der sicheren Seite, im zweiten der siegessichere Dämon. Beide irren und werden eines Besseren oder Schlechteren belehrt.

In feiner Ironie und offenbar mit innerer Freude gibt die Königin das zurück, was ihr Rumpelstilzchen angetan hatte: Er wusste von Beginn an, dass er sie unentgehbar in seiner erpresserischen Gewalt haben würde, spielte aber zwei Nächte hindurch den harmlosen, uneigennützigen Helfer. Sie weiß am dritten Ratetag seinen Namen, hat damit ihren Triumph schon sicher, spielt aber mit dem Bedroher ihres Kindes, indem sie zweimal absichtlich falsch rät. Auch sie wird am Ende belohnt, nicht weil sie „gut“ wäre oder gehandelt hätte, sondern weil sie endlich „richtig“ gehandelt hat. Der Dämon straft sich am Ende selbst, nicht weil er „böse“ wäre oder gehandelt hätte (wie auch der Wolf oder die Hexe im Märchen kann er naturgemäß gar nicht anders handeln), sondern weil er sich durch seinen Selbstverrat beim Tanz um sein Feuerchen im Sinn seiner Ziele „falsch“ verhalten hat.

Das Märchen zeigt die Welt auch mit all ihren Gefährdungen und Grausamkeiten. Aber es lehrt einen fundamentalen Optimismus: Alle Gefahren, alle Schädiger sind überwindbar, wenn der Märchenheld es richtig anstellt und sich selbst hilft oder sich durch andere helfen lässt. So ist er nie irreversibel tot, sondern verkörpert zeitlos einen bestimmten Typus Mensch und zeigt ein bestimmtes Menschenschicksal. Seine Erlösung und sein immerwährendes Glück aber basieren nicht auf dem Eingriff religiös vorgestellter Mächte oder seiner eigenen Tugenden (seien sie nun christlich oder aufklärerisch oder bürgerlich definiert), sondern auf der Bewältigung der ihm gestellten Aufgaben, an denen er wächst und letztendlich zu einem erfüllten und humanen Dasein reift.
Prof. Dr. Heinz Rölleke
Bergische Universität Wuppertal

     


    Heinz Rölleke

    Prof. Dr. Heinz Rölleke, Jahrgang 1936, gilt international als der renommierteste Grimm-Forscher. Er studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Köln und Zürich. Es folgten Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Düsseldorf, Cincinnati (USA) und Trier. 1974 erhielt er einen Ruf an die Universität Wuppertal und übernahm den Lehrstuhl für Deutsche Philologie einschließlich Volkskunde. Prof. Rölleke hielt Gastvorträge an über 90 Universitäten in aller Welt und übre 1800 außeruniversitäre Vorträge, veröffentlichte über 70 Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, sowie weit über 300 Aufsätze. Er gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der Brüder Grimm-Gesellschaft an und ist Präsident der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft. Prof. Rölleke erhielt zahlreiche Auszeichnungen, so 1985 den Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach und den Staatspreis des Landes Hessen. 1999 wurde ihm der Brüder Grimm-Preis der Universität Marburg verliehen, 2006 der Reichelsheimer Märchenpreis. 2004 erhielt Prof. Rölleke das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.