Graphic Novel

7 Fragen zu den Erfahrungen von Ulli Lust in Italien

Ulli Lust wurde 1967 in Wien geboren. Dort machte sie eine Lehre an eine Fachschule für Design und Modezeichnung und arbeitete als Kostümbildnerin. Sie kam erst mit Ende Zwanzig zum Comic. Seit 1995 lebt Ulli Lust in Berlin. Sie nahm bereits am Projekt „Comic-Transfer“ des Goethe-Instituts teil. Außerdem sind ihre Werke aktuell in der Ausstellung „Italien – Deutschland 4:4“ zu bewundern. Mit Goethe.de sprach Lust über Palermo, Comics und italienische Männer.

Ulli Lust


Mit siebzehn sind Sie alleine durch Italien bis nach Palermo gereist. Dort haben Sie auch einige schlimme Erfahrungen gemacht, die Sie in „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ verarbeitet haben. Haben Sie sich inzwischen mit Palermo wieder versöhnt?

Ich möchte mich jetzt nicht zum Opfer stilisieren. Ich wollte mich damals ja Gefahren aussetzen. Ich war ja auch auf Abenteuersuche und ich bin mir dessen bewusst, dass ich es auch einfacher hätte haben können, wenn ich das Geld gehabt hätte. Dann mietet man sich eben ein Hotel. Auf der Straße zu leben, ist nirgendwo einfach. Das grundsätzliche gesellschaftliche Problem war, dass die Frauen hier keine echte Stimme hatten und auf den Körper reduziert wurden, außer wenn sie Mütter oder Töchter waren. Das sehe ich ja immer noch. Das wird sich wahrscheinlich zwar ein bisschen gebessert haben, aber so richtig hundertprozentig traue ich dem Frieden nicht.

Aber es ist mir ein bisschen unangenehm, wenn vor allen Dingen gelesen wird, dass es mir so schrecklich ging in Palermo, weil ich hier auch schöne Sachen erlebt habe. Ich fand es zum Beispiel irrsinnig, unfassbar, dass man in Palermo als bettelnder Mensch immer etwas geschenkt kriegt, also dass die Menschen wahnsinnig großzügig sind. Und wenn jemand Hunger hat, kann er – oder konnte er – in Palermo in jedes Restaurant gehen und sagen „Ich habe Hunger“ und man hat zu essen bekommen. Das passiert einem in Deutschland nicht. Das heißt, es gibt hier auch eine Solidarität gegenüber den Armen, die ich sehr bemerkenswert finde.

Wie erleben Sie Italien heute und wie haben Sie es während Ihrer Reise vor 25 Jahren erlebt?

In Bologna habe ich mich gefühlt wie in Nordeuropa. Bologna scheint für mich dem nordeuropäischen Kulturkreis anzugehören, während Neapel und Palermo immer noch eine Parallelwelt darstellen. Ich kann nicht wirklich beurteilen, was es hier noch zu tun gibt, weil ich nicht hier lebe.
Aber ich habe es zum Beispiel heute beim Frühstück wieder mal gemerkt: Ich stehe am Frühstückstisch, wie eben eine Frau, die alleine im Hotel ist, und bediene mich an den Speisen. Und da steht der Frühstückskellner und starrt mich die ganze Zeit an. Ich, gelernte Frau, die ich bin, weiß, dass ich ihn nicht böse zurück anstarren soll, weil ich das nämlich gewöhnt bin, so indiskret angestarrt und mit den Blicken ausgezogen zu werden, sondern ich tue einfach so, als würde ich es nicht bemerken. Da hat sich offensichtlich nichts geändert an dieser Impertinenz, mit der man als Frau angeschaut wird. Ich hätte gerne hoch geschaut und ihn böse angeschaut, aber das bringt ja nichts. Dann bin ich nur die hysterische Touristin. Er hätte nicht verstanden, warum ich böse schaue.
Ich habe das Gefühl, dass viele der Männer hier immer noch glauben, dass sie die Könige der Welt sind. Und das gefällt mir auf gar keinen Fall. Da rührt sich sofort wieder der Widerstand.

Sie betonen sehr stark, dass die Gesichter hier interessant sind. Ist das Aussehen der Menschen so anders als in Berlin?

Definitiv! Man hat ja hier in Italien eine massive Völkervermischung spätestens seit dem Römischen Reich. Das heißt, man hat sehr viele unterschiedliche Gesichtstypen. Und ich finde, durch das Dunkle, Schwarze gibt es eine größere Schärfe, während im Norden die Leute nicht nur blass sind, sondern auch die Konturen der Gesichter nicht so scharf geschnitten sind.

Es gibt natürlich auch viele unterschiedliche Gesichter im Norden, aber die sind nicht so stark und scharf. Die haben nicht so eine Schärfe wie hier im Süden. Ganz viele Männer hier haben extrem kräftige Augenbrauen. Und Augenbrauen machen einen starken Ausdruck. Das weiß man als Comic-Zeichner. Wenn man keine Augenbrauen zeichnen würde, würde einem die Hälfte des Ausdrucks im Gesicht fehlen. Das ist etwas, was hier in Sizilien sehr ausgeprägt ist, so ausgeprägt, dass es ganz viele Männer hier gibt, die sich die Augenbrauen zupfen, was wiederum sofort etwas feminin und grotesk aussieht. Ich habe dann immer das Gefühl, das sind eigentlich geheime Transvestiten, sind sie aber gar nicht. Dann diese schwarzen Haare - das macht es auch noch prägnanter als das Blonde, Helle.

Und dann gibt es noch diesen faszinierenden Kontrast: Unter den jungen Männern gibt es wahnsinnig schöne Menschen. Ich habe mehrere Vater-Sohn-Pärchen gezeichnet. Und es war leider Gottes immer etwas erschreckend, wie hässlich die Väter waren und wie wahnsinnig schön die Söhne. Das heißt, die Bandbreite ist eben viel größer: In der Jugend extrem schön - und es scheint dann in den folgenden 20 Jahren irgendwie ein massiver Verfall stattzufinden. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber der Unterschied war extrem! Ich dachte: „Es kann doch nicht sein, dass all diese Söhne nach der Mutter kommen!“

Reden wir über Ihr autobiographisches Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. Es stellt schon alleine vom Umfang her einen Meilenstein in Ihrer Arbeit dar.

Es ist das dickste Buch, das ich jemals gemacht habe. Und ich habe lange darauf hingearbeitet, dass ich die Fähigkeit erlange, ein so umfangreiches Werk auch tatsächlich zu realisieren. Das ist ja gar nicht so leicht: Man fängt mit vielen Kurzgeschichten an. Ich wollte aber einfach immer mehr Platz haben, mehr Raum, um eine gute Geschichte entwickeln zu können. Kurzgeschichten liegen mir eigentlich nicht.

Es ist auch das erste Werk, mit dem ich wirklich großen Erfolg hatte. Ich hatte zwar immer so meine Achtungserfolge, aber es war nicht ganz sicher, ob das auf die Dauer tatsächlich eine Basis für die kreative Arbeit ist. Es war immer noch vom Scheitern bedroht, immer noch diese leichte Unsicherheit. Und seit dieses Buch so eingeschlagen hat, kann ich zuversichtlich in die Zukunft blicken, weil ich weiß: es gibt Interesse, es gibt Leser und wenn ich wieder Bücher mache, werde ich auch Verlage finden.

Jetzt wurde gerade ein neues Buch fertig, das auch 360 Seiten hat. Ich möchte hier nicht mit dem Umfang prahlen, sondern klar machen, dass mein Hauptinteresse in langen Geschichten, mit sich langsam entwickelnden Szenarien liegt. Mit diesem Buch habe ich einen Status erreicht, den ich so für die nächsten 30 Jahre halten möchte.

Was hält das Graphic-Novel-Format noch für Sie bereit? Was gibt es für Entwicklungsmöglichkeiten?

Ich lebe ja in einer sehr interessanten Zeit, in der man weiß, dass ein Autor noch wirklich Pionierarbeit leisten kann. Comic ist ein junges Medium, das vor etwas über hundert Jahren gemeinsam mit dem Film erfunden wurde. Und erst in den letzten Jahrzehnten hat es sich aus der Nische heraus entwickelt. Inzwischen wollen ganz viele junge, avantgardistische oder experimentalistische Autoren mit dem Medium Comic erzählen. Und diese Autoren haben andere Themen, als es im klassischen Comic der Fall war.

Was die Bilderzählung alles vermag, szenisch oder dramatisch, das ist noch lange nicht ausgereizt. Und wir werden irgendwann auch ein Themenspektrum haben wie in der geschriebenen Literatur. Es gibt einfach noch viel zu wenige Werke. Formal zum Beispiel gibt es keinerlei Einschränkungen: Zeichnung muss nicht zwangsläufig übertrieben sein. Ich mag zum Beispiel sehr reduzierte Zeichnungen, in denen Hauptdarsteller gar nicht groß gestikulieren, in denen sehr viel Stille herrscht, sodass sich gerade aus der kleinen Bewegung ein sehr starker Ausdruck entwickelt.

Also allein das Verständnis dafür, was comic-haft wäre, zeigt schon wie beschränkt die Vorstellung der Leute davon ist, was Zeichnung kann. Wenn man sich die verschiedenen Zeichnungen anschaut, die im freien Kunstbetrieb gemacht werden, sieht man unendlich viele Bildsprachen. Und genauso eine Bandbreite könnte man anwenden, wenn man Bilder aneinanderreiht, um eine Erzählung zu inszenieren.

Wie sieht die Szene aus? In welchen Räumen muss man denken, wenn man von Comic-Szene spricht, und wie stark ist der Austausch und auch die Konkurrenz?

Es ist kein Vergleich mit der Literatur- oder Kunstszene. Wir sind tatsächlich sehr familiär und da es bis jetzt in der Comicszene nicht so viel Geld zu verdienen gab, gibt es auch keine großen Ressentiments. Man hilft einander tatsächlich und arbeitet zusammen. Es gibt inhaltliche Unterschiede. Auf den Comicfestivals zum Beispiel gibt es immer wahnsinnig viele Tische mit diesen Superhelden und diesen eskapistischen Comics. Und dann gibt es diese paar kleinen Tische, die man vor wenigen Jahren immer irgendwo im Abseits untergebracht hat, mit den Leuten wie mir zum Beispiel, die nur ganz wenig Zuspruch bekommen, bei denen ab und zu mal einer vorbeikommt und dann so mitleidig in einem Heft blättert. Das sind dann aber dummerweise die Bücher gewesen, über die die Zeitungen dann geschrieben haben.

Das heißt, diese kleinen Indie-Verlage haben in den letzten Jahren heftige Medienaufmerksamkeit bekommen, was wiederum zu Ressentiments geführt hat bei denen, die vorher das große Publikum angesprochen haben, also das Unterhaltungspublikum mit den eher einfach gestrickten Inhalten. In dem Moment, in dem einer erfolgreich ist, gibt’s dann auch immer die Neider. Das zeichnet sich auch ein bisschen im Comicbereich ab, aber das ist natürlich total irrational, weil wir immer noch weniger Bücher verkaufen als, keine Ahnung, Batman. Es ist überhaupt kein Vergleich, aber trotzdem ist noch so ein Gemeinschaftsgefühl da nach dem Motto: „Wir gegen den Rest der Welt!“

Und wie ist dieses Gemeinschaftsgefühl? National, lokal,...?

Nein, das ist absolut international! Das ist so eine große Comiczeichner-Künstler-Familie. Ich fahre gerne auf Comicfestivals und ich freue mich immer, wenn ich Kollegen aus dem Ausland treffe, weil man als Comiczeichner sehr introvertiert arbeitet, alleine an seinem Schreibtisch.

Das gefällt mir auch gut, deshalb habe ich mir den Job ausgesucht, weil ich sehr introvertiert bin. Aber es ist trotzdem eine Erleichterung, wenn man alle paar Monate mal auf ein Festival kommt und dann auf Kollegen trifft, die genau die gleichen Probleme haben, die sich mit denselben Dingen beschäftigen. Und dann tauscht man sich über die Verleger, die Kollegen aus und dann ist man wahnsinnig happy, weil man ja auch ein bisschen durstig ist nach der Gesellschaft.

Roman Maruhn
führte das Interview.

Copyright: Goethe-Institut Rom
Online-Redaktion
Juni 2013

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