Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur

Identität und Kulturaustausch: Was ist ein gutes Kinderbuch?

Foto: Jutta Bauer; © Martin Bruch


Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Spanien und Deutschland kamen die vier Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion, die das Goethe-Institut auf der Frankfurter Buchmesse veranstaltete. Über das Buch als „Fenster zur Kultur“, blonde Prinzessinnen und Tabus in der Kinder- und Jugendliteratur sprachen Marwa Al Aqroubi, Balsam Saad, Patricia Hansel und Jutta Bauer mit der Moderatorin Ute Wegmann.

Kinder- & Jugendliteratur im kulturellen Kontext

„Inspirieren, bilden und Hoffnung geben“ sollen die Bücher, die im ägyptischen Verlag Al-Balsam erscheinen. Ein wenig ungewöhnlich klinge dieses Ziel für deutsche Ohren, bemerkt Moderatorin Ute Wegmann und hakt nach: Ist der Anspruch an Kinderbücher in den arabischen Ländern ein anderer? Balsam Saad muss es wissen, denn sie ist Verlegerin und eröffnete 2010 die einzige Kinderbuchhandlung ganz Ägyptens. Hoffnung ist in ihren Augen ein universelles Bedürfnis, das im Buch Erfüllung finden kann. Eine gute Geschichte habe Einfluss, sie könne junge Menschen dazu auffordern, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und im besten Fall aus Schwächen Stärken machen.

Und doch kann nicht jedes Buch überall auf die gleiche Weise wirken. Wenn Marwa Al Aqroubi von ihren Aktivitäten als Präsidenten des UAE Board on Books for Young People (UAEBBY) spricht, betont sie immer wieder, wie wichtig ihr die Verankerung des Buches in der Lebenswelt des Kindes ist. „Wir glauben, dass das Buch ein Fenster zur Kultur ist“ – auch zur eigenen Kultur. Aus welchem Grund etwa solle eine Prinzessin in einem arabischen Kinderbuch blond und blauäugig sein?

Prinzessinnen lehnt Patricia Hansel vom spanischen Takatuka Verlag ganz ab: „Wir glauben, dass man die Welt auch ohne Prinzessinnen erklären kann. Das kann auch ein ganz normales Mädchen machen.“ Anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur findet sie immer wieder in den Programmen der deutschen Verlage, die in Spanien einen exzellenten Ruf genießen. Die Vermittlung ins Ausland hänge jedoch vom Engagement Einzelner ab – und oft auch von finanziellen Mitteln. So seien zahlreiche Übersetzungen ins Spanische und Katalanische ohne eine Förderung des Goethe-Instituts nicht möglich gewesen.

Jugendliteratur im arabischen Raum

Dass es in der Literaturförderung eines großen Engagements und manchmal der Hilfe von außen bedarf, bestätigt auch Marwa Al Aqroubi. Sie war maßgeblich an der Organisation des Projekts „Made in UAE“ beteiligt, das von UAEBBY und dem Goethe-Institut mit dem Ziel initiiert wurde, originär emiratische Kinderbücher in Workshops zu erarbeiten. Sechs der sieben entstandenen Bücher wurden bereits veröffentlicht, in diesem Jahr ging das Projekt in die zweite Runde, diesmal mit Jugendbüchern.

Wie Al Aqroubi erzählt, handle es sich bei arabischer Literatur für Jugendliche in den meisten Fällen um Übersetzungen oder Titel, deren Charaktere aus amerikanischen Geschichten übernommen wurden. Der Mangel an Büchern, die im Kulturraum relevante Themen behandeln, soll durch das Projekt zumindest ein wenig ausgeglichen werden. Al Aqroubi berichtet zudem vom Etisalat-Award, einem Preis für Kinderbücher aus der arabischen Welt, der vor kurzem eine eigene Kategorie für Jugendliteratur geschaffen hat.

Tabus und persönliche Grenzen

Wovon handeln nun die Bücher in den verschiedenen Ländern, oder: Wovon sprechen sie nicht? Die Autorin und Illustratorin Jutta Bauer nähert sich der Frage von Seiten der Bilder. In Deutschland gebe es kaum Dinge, die nicht gezeigt werden dürfen. Lediglich im Rahmen von Lizenzverkäufen sei sie mit Tabus konfrontiert worden. So sei es in den USA z.B. schwierig, stillende Frauen oder Nacktheit im Allgemeinen abzubilden.

Auch Balsam Saad sagt zunächst: „Als ägyptische Verleger unterliegen wir keiner Zensur.“ Dennoch gebe es persönliche Grenzen, die sie sich als Mutter oder als Ägypterin selbst auferlegt. Als sie in einem Fall erst nach der Übersetzung bemerkte, dass die Heldin des Buches am Ende Suizid begeht, nahm sie den Titel kurzerhand wieder aus dem Programm. Ebenso wenig denkbar sei z.B. ein aufmüpfiger Umgangston von Kindern ihren Eltern gegenüber. Marwa Al Aqroubi nennt Sexualität und Gewalt als Tabus. Gewandelt habe sich in den letzten Jahren hingegen der Umgang mit dem Tod – heute stirbt in arabischen Kinderbüchern durchaus auch manchmal der Held der Geschichte – Kinder können in der Hinsicht einiges vertragen, betont sie.

Letztlich kämen die Tabus ohnehin von Seite der Erwachsenen, sagt auch Jutta Bauer. In Workshops auf der ganzen Welt stellte sie immer wieder fest, dass Kinder in ihrer Darstellung der Welt kaum Grenzen kennen; sie zeigen in ihren Bildern Nacktheit, Blut und Tod, wie sie die Dinge in der Welt eben wahrnehmen – ein Problem seien häufig eher die in den Workshops anwesenden Erzieher.

Was ist ein gutes Kinderbuch?

Und schließlich die Kardinalfrage: Was ist denn nun ein gutes Kinderbuch? Die vier Gäste sind sich einig, dass die Antwort darauf letztlich nur eine intuitive sein kann. „Das gute Buch ist das, das bei dir bleibt, nachdem du es gelesen hast“, fasst Balsam Saad zusammen. Natürlich könne man Kriterien wie Inhalt, Idee, Illustration und Produktion zur Beurteilung heranziehen, so Al Aqroubi, dies sei jedoch keinesfalls ein Garant für die Wirkung, die ein Buch bei Kindern hinterlässt. Als sie einmal im Rahmen des Etisalat-Awards eine Lesung mit allen nominierten Titeln veranstaltete, wählte das junge Publikum mit großer Mehrheit einen anderes zum „besten Buch“ als die professionelle Jury. Der Erfolg bei Kindern sei ohnehin unberechenbar – so brauche es vor allem mutige Verleger, die für eine Auswahl guter Inhalte sorgen.
Sarah Ehrhardt

Sarah Ehrhardt hat Germanistik, Französisch und Angewandte Literaturwissenschaft in Bonn, Paris und Berlin studiert. Sie war neben ihrem Studium unter anderem für das Literarische Colloquium Berlin tätig und arbeitet jetzt im Bereich Literatur und Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts in München.

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