Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur

Illustration in Deutschland – eine unverwechselbare Kunst



Die Illustratorenkunst erlebt in Deutschland eine Renaissance. Für die Künstler ist es wichtig, zwischen Smartphones und Internet einen individuellen Stil zu entwickeln.

Die Kinderbuchmesse in Bologna ist das wichtigste internationale Treffen der Illustratorenbranche. Dass Deutschland für 2016 zum Ehrengast der Messe ernannt worden ist, zeigt die internationale Aufmerksamkeit für deutsche Illustratorinnen und Illustratoren. Denn in Bologna genießt die Buchillustration besondere Beachtung. Bislang blieb die einheimische Wertschätzung hinter der internationalen zurück, obwohl die Illustration im vergangenen Jahrzehnt auch in Deutschland deutlich an Reputation gewonnen hat.

Experimentieren mit dem Computer

Gerade angesichts des immer weiter wachsenden Einsatzes von Computertechnik ist die Bewunderung für klassisches Handwerk gestiegen. Das gilt für Illustrationen genauso wie für Disziplinen wie Schriftsatz oder Layout, wobei die entsprechenden Protagonisten dieser Rückbesinnung keineswegs generell auf den Gebrauch von Computern verzichten, sondern die Möglichkeiten der Informationstechnologie meist mit ihrem jeweiligen individuellen Stil verbinden. Ein besonders prominentes Beispiel dafür ist Wolf Erlbruch, der als einer der international erfolgreichsten Illustratoren jüngst besonders intensiv mit Computergrafik experimentiert hat, ohne dass dadurch seine spezifische Handschrift in den Hintergrund getreten wäre.

Dennoch beklagt die Illustratoren-Organisation, mit 1.300 Mitgliedern der größte Interessenverband für Illustratoren im deutschsprachigen Raum, die schlechten Arbeitsbedingungen für die von ihr vertretene Berufsgruppe. Die Honorare stagnieren, obwohl seit Beginn des 21. Jahrhunderts Zeitungen und Zeitschriften vermehrt wieder auf Illustration setzen, auch zur Abgrenzung von der längst inflationär eingesetzten Fotografie.

Trickfilme aus Ländern mit niedrigem Lohnniveau

Doch in besonders arbeitsintensiven Feldern wie Bilderbuch, Animationsfilm oder Comic geht die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit nicht einher mit besserer Bezahlung, während die Erwartungen an schnelle Anfertigung unter dem Druck der rechnerbasierten Produktion steigen.

Die Trickfilmherstellung erfolgt im Massensegment fast ausschließlich in Ländern mit niedrigem Lohnniveau. Auf dem deutschen Buchmarkt haben illustrierte Werke, ob Comics oder Bilderbücher, immer noch nicht denselben Stand wie etwa in Frankreich, Italien, Japan oder den Vereinigten Staaten. Deshalb sind die meisten Illustratoren in Deutschland dazu gezwungen, ihre Beschäftigung breit anzulegen. Das erschwert es ihnen, einen eigenständigen Stil zu entwickeln.

Persönliche Linie, unverwechselbarer Stil

Der aber ist die wichtigste Voraussetzung für individuelle Reputation. Mit den bekanntesten derzeit aktiven Illustratoren verbindet das Publikum jeweils eine bestimmte Herangehensweise und meist auch eine klar erkennbare persönliche Linie: Wolf Erlbruch, Rotraut Susanne Berner, Christoph Niemann, Jutta Bauer, Philip Waechter, Franziska Neubert, Nikolaus Heidelbach, Sabine Wilharm, Volker Pfüller, Anke Feuchtenberger, Klaus Ensikat, Sabine Friedrichson, Axel Scheffler, Tatjana Hauptmann, Michael Sowa, Henriette Sauvant, Hans Traxler, Binette Schroeder oder Hendrik Dorgathen.

Es ist kein Zufall, dass sich in dieser schmalen Aufzählung kaum Animationskünstler und Comiczeichner finden. Denn immer noch wird die Wahrnehmung der Illustration geprägt vom Buch- und Zeitschriftenmarkt, wenn auch für jüngere Vertreter der Zunft – zu nennen wäre hier exemplarisch Christoph Niemann – die Grenzen längst gefallen sind. Heute muss ein Neueinsteiger auf dem Illustrationsmarkt vor allem daran denken, sich mit seinen Zeichnungen im Internet und auf den Smartphones zu etablieren, was sehr häufig auch bewegte Elemente erfordert.

Das Prinzip des „schönen Buchs“

Die Illustration löst sich zunehmend von dem, was früher einmal ihr Bezugspunkt war: dem Wort. Die Herkunft des Begriffs vom lateinischen „illustrare“ spricht die ursprüngliche Funktion an: die Erklärung eines Textes durch Beigabe von Bildern. Heute aber soll Illustration im Idealfall wortlos verständlich sein, weil sie weltweit gesehen und vermarktet werden kann. Das macht die Illustratoren zu unabhängigeren Künstlern als bislang, weil es nunmehr vor allem eigene Ideen sind, die als Grundlage ihrer Werke dienen, nicht mehr fremde Texte.

Zugleich aber hat die Herausforderung des E-Books eine Rückbesinnung in Deutschland auf das Prinzip des „schönen Buchs“ ermöglicht, von der gerade auch Illustratoren profitieren. Sorgfältige Buchgestaltung und -ausstattung sollen Argumente für den Kauf eines gedruckten Werks bieten, und die Zahl illustrierter Bücher aus klassisch-literarischen Verlagen ist in den vergangenen Jahren signifikant gewachsen.

Ein neues Gemeinschaftsgefühl

Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass es für Buchillustration im Gegensatz zu Animation oder Comic keinen speziellen deutschen Branchentreff neben den Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig gibt.

Die traditionelle Vorstellung vom isoliert arbeitenden Illustrator aber wird durch Ateliergemeinschaften wie Labor in Frankfurt am Main oder Monogatari in Berlin korrigiert, und der Zuwachs an Mitgliedern der Illustratoren-Organisation zeigt gleichfalls, dass in Deutschland ein neues Gemeinschaftsgefühl unter den Vertretern einer Kunst entsteht, die nun auch hierzulande ihre Renaissance erlebt.
Andreas Platthaus
ist stellvertretender Feuilleton-Chef bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Comic-Experte.

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Juli 2015

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