Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur

„Irgendetwas ploppt immer“ – Andreas Steinhöfel im Gespräch

Andreas Steinhöfel; ©  Joachim BoeppleAndreas Steinhöfel; ©  Joachim BoeppleAndreas Steinhöfel gehört zu den renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Seine Geschichten haben heute einen festen Platz im Schulkanon – und zugleich schreiben sich seine liebevoll erdachten Figuren in die Herzen der Leser. Goethe.de sprach mit dem Autor.

Herr Steinhöfel, Sie haben für Ihre Jugendbücher viele große Preise erhalten, 2009 etwa den Erich-Kästner-Preis für Literatur für Ihr Gesamtwerk. Welche Ziele haben Sie noch als Schriftsteller?

Ich möchte mich noch in der Belletristik umsehen. Nicht, weil ich das Kinder- und Jugendbuch weniger attraktiv fände, und auch nicht, um „auch mal ein richtiges Buch zu schreiben“, wie es oft unterstellt wird – und was diese Form der Literatur genauso degradiert wie deren Autoren und Leser.

Warum dann?

Weil es ein anderes inhaltliches Erzählen ist. Junge Leser sind – nicht immer, aber oft – ungeduldige Leser, die erzählerische Tiefe bisweilen als lästig empfinden.

„Ohne Konflikt keine Geschichte“

Sind Sie ein Moralist?

Cover von `Beschützer der Diebe´; © Carlsen VerlagJeder Autor ist Moralist. Das bedingt schon das dramatische Erzählen an sich: Ohne Konflikt gibt es keine Geschichte, weshalb wir Erzähler, gleich was wir transportieren, dies immer vor dem Hintergrund eines Wertgefüges tun, das wir entweder in Frage stellen oder stützen.

Gute Erzähler bieten dem Leser dabei aber so viele Optionen, dass er zwischen den unterschiedlichen Positionen wählen kann. Das Kinderbuch wurde und wird leider häufig dafür missbraucht, einseitig Stellung zu Gunsten der „besseren“ Moral zu beziehen. So ist es, im Kern, ja auch historisch entstanden.

Was reizt Sie gerade am Schreiben für junge Menschen?

Das Wissen, auf offene Ohren und einen wachen Verstand zu treffen.

„Geschichten reifen“

Die Ideen für Ihre Geschichten kommen Ihnen einfach so – „plopp“, sagen Sie. Und wenn keine kommen?

Cover von `Rico, Oskar und die Tieferschatten´; © Carlsen VerlagIrgendetwas ploppt immer. Und es ist ja weniger das ausbleibende Plopp, das Autoren erschreckt, sondern die Erkenntnis, dass beileibe nicht aus jedem Plopp eine erzählerisch runde Geschichte wird. Ich habe gelernt, mit beidem zu leben. Das kostet mitunter sehr viel Zeit, aber diese ist nie wirklich vertan.

Manche Geschichten reifen, von der Grundidee ausgehend, langsam, über Jahre. Das macht sie nicht automatisch zu guten Geschichten, aber wenigstens zu gründlich durchdachten.

Sie haben einmal gesagt, es gäbe „nichts Schrecklicheres als ein Buch, das in den Dialogen Sprache authentisch abbildet.“ Wie kommt es, dass Ihre Dialoge trotzdem so echt wirken?

Das ist relativ einfach. Ich nutze Alltagssprache abzüglich aktueller Trend- und Modewörter. Merke ich, dass ein bestimmter neuer Ausdruck langfristig Eingang in unsere Sprache gefunden hat, kommt er in den Fundus.

Ich habe mich zum Beispiel jahrelang gegen das eigentlich sehr coole Wörtchen „cool“ gewehrt. Inzwischen lasse ich es meine Figuren verwenden – aber nie, um dem Zeitgeist Tribut zu zollen, sondern da, wo die Figur es auch im wirklichen Leben benutzen würde. Ansonsten bin ich ein entschiedener Gegner der weit verbreiteten These, dass Literatur nur die Wirklichkeit abbilden darf.

Archtetypus und Moderne

Ihr jüngster Erfolg sind die Geschichten rund um den „tiefbegabten“ Jungen Rico, der oft mit dem Chaos in seinem Kopf zu kämpfen hat. Gleichzeitig besticht er mit seiner außergewöhnlichen emotionalen Intelligenz – und wächst dem Leser damit, ruckzuck, ans Herz. Wie entsteht eine solche Figur?

Cover von `Dirk und ich´; © Carlsen VerlagSie entsteht durch ein Plopp: in diesem Fall durch die Beschäftigung mit Hochbegabung und der Auseinandersetzung mit der Frage, vor welchen Problemen Kinder stehen, die mental anders geartet sind.

Der Schritt zur Tiefbegabung kam durch den Umkehrschluss zustande: Dass wir jemanden als dumm bezeichnen, liegt vielleicht manchmal an unserem eigenen Unvermögen, unter etwas mehr Zeitaufwand um die Ecke zu denken. Außerdem: Schließt vermeintliche Dummheit automatisch ein gutes Herz aus?

Der reine Tor steht als Figur in einer sehr langen historischen Tradition. Und dann hat man als Autor plötzlich etwas Reizvolles, nämlich das Aufeinandertreffen eines Archetypus mit den Herausforderungen der Moderne.

„Ich bin ein sehr langsamer Schreiber“

Gibt es ein Wunschprojekt, an das Sie sich noch nicht herangewagt haben?

Cover von `Rico, Oskar und das Herzgebreche´; © Carlsen VerlagJa, aus Faulheit. Es ist eine historische, recht komplexe Geschichte, die im 19. Jahrhundert spielt. Ich befürchte, ich würde mich bei der Recherche so gründlich verzetteln, dass mir der Spaß am Erzählen verginge. Es wäre außerdem eine sehr lange Geschichte, und ich bin ein sehr langsamer Schreiber.

Und verraten Sie uns Ihre nächsten Schreibpläne?

Vor etwa zehn Jahren habe ich mit der Arbeit an einem belletristischen Roman begonnen. Vor fünf Jahren habe ich das Projekt auf Eis gelegt, weil ich mich ihm erzählerisch nicht gewachsen fühlte. Erfreulicherweise bringt aber das Älterwerden nicht nur Haarausfall und andere Gefahren, sondern auch eine gewisse Reife mit sich. An den Roman begebe ich mich daher nächstes Jahr wieder – schon weil ich es hasse, einmal Begonnenes liegen zu lassen.

Vorher bringe ich den dritten Band um Rico und Oskar ins Trockene. Dann brauche ich womöglich noch einmal fünf Jahre für meinen Roman. Und dann bin ich vielleicht reif genug für das 19. Jahrhundert. Falls nicht irgendein anderes Plopp dazwischen kommt.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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November 2010

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