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„Wie Deutsch fühlst du dich?“
Ada Mukhina über das Maxim Gorky Theater in Berlin

Sonderprojekt von Gorki X // Fallstudien mit 102 SchülerInnen aus 6 Schulen (2015). Foto: Ute Langkafel

Ada Mukhina, Regisseurin, Kuratorin und Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" (St. Petersburg), lebt derzeit in Berlin und beschäftigt sich im Rahmen eines Programms der Alexander von Humboldt-Stiftung mit der Erforschung des europäischen sozialen Theaters. "Eine Praktikerin, die sich die Arbeit von Praktikern anschaut", so beschreibt Ada ihre Erfahrungen, die sie beim Kennenlernen von Theatermachern und den Gesprächen mit ihnen macht.

In Frankreich werden Sie kein Goethe-Theater zu Ehren des deutschen Schriftstellers finden, und auch in Belgien ist keines nach dem amerikanischen Dramaturgen Tennessee Williams benannt. Mitten in Berlin allerdings, zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor, stoße ich unerwartet auf ein Theater, das den Namen des russischen Literaten Maxim Gorky trägt. Seinen Namen sowie seine Entstehung aus der einstigen Singakademie verdankt das Theater der Teilung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg: Das Gebäude fiel in den sowjetischen Sektor. „Die Stadt lag in Trümmern. Die Russen, und insbesondere die Leningrader unter ihnen, verstanden, dass als allererstes, vor allem anderen, ein Orchester in den Ruinen entstehen muss, das Beethoven spielt – das überhaupt irgendetwas spielt, was am Leben erhält. Das wurde dann auch zum Impuls dafür, das halbzerstörte Gebäude im Zentrum Berlins nicht in ein Krankenhaus zu verwandeln, sondern in ein Theater, in dem früher sowohl Kino als auch Theater und Musik Platz gefunden hatten. Später wurde das Maxim Gorky Theater unter der Leitung von Maxim Vallentin zur Hochburg des psychologischen Theaters, in der Stücke von Tschechow und Gorki, aber auch von jungen deutschen Autoren inszeniert wurden, von Heiner Müller beispielsweise“, erzählt Dramaturg Holger Kuhla auf seinem monatlichen Rundgang durch das Theater.

2014 wurde das Maxim Gorky Theater in einer Umfrage der Zeitschrift Theater heute von Kritikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Theater des Jahres gewählt. Das geschah bereits ein Jahr nach dem Wechsel in der Theaterleitung, nur ein Jahr also, nachdem Shermin Langhoff und Jens Hillje eine neue Richtung eingeschlagen hatten. Das Schauspielensemble wurde um „neue Berliner“ erweitert: um Migranten der ersten, zweiten oder dritten Generation (aus der Türkei, Russland, Israel, Serbien, Kasachstan, Frankreich u.a.) und Zugezogenen aus anderen Städten Deutschlands. Shermin Langhoff treibt schon seit Jahren ihr Konzept des „Postmigrantischen Theaters“ voran. Alle Stücke werden mit englischen Untertiteln unterlegt, was internationales Publikum anlockt, während auf der Bühne – wie auch auf den Straßen Berlins – neben der deutschen Sprachen aus der ganzen Welt zu hören sind. In diesem Sinne ist das Maxim Gorky Theater als ein Abbild des heutigen Berlins zu verstehen, einer bunten, facettenreichen und polyphonen Metropole mit einer gewissen Ähnlichkeit zum alten Babylon. Das Theater ist übrigens für alle Bewohner der Stadt geöffnet: für die, die in Berlin aufgewachsen, und auch die, die dort als Flüchtlinge, Migranten oder Staatenlose im Exil gelandet sind. In seiner Herangehensweise lädt das Theater frisches Publikum zu seinen Stücken und spricht damit ebenso eine aktuelle Problematik an: den Identitätskonflikt des Individuums in der Diskussion um das Miteinander in unser modernen, von Diversität geprägten Gesellschaft.

«„Gorki X“ arbeitet heute in drei grundlegenden Richtungen: die Durchführung der „Mitternachts-Schauspiellabore“ für Schauspieler und Zuschauer, Schülerprojekte und das Werk der zwei hauseigenen Clubs…»

Auf dem theatralen Herbstsalon des vergangenen Jahres beispielsweise, der dem Thema „Flucht“ gewidmet war, präsentierten dreißig KünstlerInnen und AktivistInnen aus verschiedenen Ländern ihre Arbeiten zur Frage danach, wohin Menschen fliehen, wenn sie nach Berlin fliehen. Sebastian Nüblings „In unserem Namen“ wurde zur zentralen Theaterpremiere des Herbstsalons. Die Texte von Aischylos’ „Schutzflehenden“ und Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“ überlappen im Stück mit Originalbeiträgen der SchauspielerInnen sowie dem Stenogramm der 42. Sitzung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, die sich mit der Frage um die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland befasst. Viele der Schauspieler sind einst selbst als Flüchtlinge nach Berlin gekommen, um dem Krieg oder der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Sie winden sich im Publikum zwischen den ihrer üblichen Sitze beraubten Zuschauern; in verschiedenen Sprachen sprechen sie Monologe im Namen von Flüchtlingen und Abgeordneten und stellen dem Zuschauer schließlich die Schlüsselfrage: „Wer spricht und was geschieht heute in unserem Namen?“

Eine der Protagonistinnen dieses Kanons treffe ich im „Mitternachts-Schauspiellabor“ im Rahmen einer anderen Vorstellung. Diese Mischung aus Workshop und Publikumsgespräch findet jeden Monat im Maxim Gorky Theater statt. Teilnehmen kann am Schauspiellabor jeder, der eine Karte für die Vorstellung erwirbt und der bereit ist, mit einem der Schauspieler, die an diesem Abend auf der Bühne stehen, zu „mitternächtigen“.

Orit Nahmias ist erst vor einigen Jahren aus Israel nach Berlin gezogen, weshalb sie nach ein paar Grußworten gleich den Übergang zum Englischen bevorzugt. Auch im Schauspiel „In unserem Namen“ spricht sie ihre brillanten, treffenden und scharfsinnigen Monologe auf Englisch. „Anfangs war vorgesehen, dass ich die Texte aus der Bundestagssitzung auf Deutsch vortrage“, erzählt Orit. „Da ich aber weder auf Deutsch noch auf Englisch verstand, worüber die Abgeordneten sprachen, ist mir klar geworden, dass ich das nicht schaffen werde. Da ist mir der Gedanke gekommen, einfach meine eigenen Gedanken zu dem Thema aufzuschreiben. Der Regisseur hat meine Idee unterstützt. So ist doch eine eigene Rolle für mich entstanden, die Rolle eines Beobachters, der das Geschehen auf der Bühne aus der Perspektive seines eigenen gesunden Menschenverstandes kommentiert. Das war für mich ein ganz persönlicher Sieg über mich selbst. Als ich schon fast verloren hatte, habe ich es geschafft, eine Lösung zu finden!“

In diesem „Mitternachts-Schauspiellabor“ gibt es nun die Möglichkeit, sich mit dem Schauspieler über die Inszenierung des jeweiligen Abends auszutauschen. Vor allem aber hat man die Gelegenheit, eine der Übungen, die in der Vorbereitung des Stückes eingesetzt werden, selbst auszuprobieren. Unterstützt werden die Zuschauer sowie Schauspielerinnen oder Schauspieler dabei von Mitarbeitern des Theatersonderbereiches „Gorki X“. Einst pädagogische Abteilung, wurde diese jedoch im Rahmen der neuen Richtung des Theaters, im Zuge derer das Handlungsspektrum deutlich erweitert wurde, umbenannt. Ganze 14 Jahre lang ist Janka Panskus schon Leiterin des „Gorki X“, und das als eine der ersten Theaterpädagogen, die ihre Tätigkeit in Berlin an einem bestimmten Theater begonnen hatten. „Gorki X“ arbeitet heute in drei grundlegenden Richtungen: die Durchführung der „Mitternachts-Schauspiellabore“ für Schauspieler und Zuschauer, Schülerprojekte und das Werk der zwei hauseigenen Clubs, DIE GOLDENEN GORKIS – Ensemble 60+ und DIE AKTIONIST*INNEN – Jugendclub. „Es geht darum, dass die Teilnehmer unserer Clubs und die Schüler, mit denen wir arbeiten, das Theater nicht nur als eine spannende Kunstform betrachten, sondern als einen Gesprächsort über die Gesellschaft“, berichtet mir Jana Panskus von ihrer Arbeit. „Wir stellen zum Beispiel die Frage, die momentan für das ganze Haus in allen Inszenierungen zentral ist: ‚Wie Deutsch fühlst du dich? Was ist für dich Deutschland? Welches Bild hast du?’ Der eine kann zum Beispiel sagen: ‚Hallo, ich bin hier geboren’; das ist also sein Kriterium. Dann gibt es aber andere Leute, die sagen: ‚Ich bin zwar hier geboren, sehe mich aber trotzdem eher als Europäer.’ Und plötzlich kommst du dann ins Gespräch.“

«„Gorki X“ begegnet seiner Arbeit mit den Clubs genauso seriös wie derjenigen mit dem Ensemble.»

„Gorki X“ begegnet seiner Arbeit mit den Clubs genauso seriös wie derjenigen mit dem Ensemble. Bereits sein erstes Stück „Kritische Masse“, das im Jugendclub Aktionist*innen unter der Leitung von Regisseurin Suna Gürler entstanden ist, wurde zur Teilnahme am Jugendtheaterfestival Theatertreffen der Jugend in Berlin eingeladen. Unter ihrer Leitung ist diese Saison ein neues Theaterstück entstanden. „Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft“ widmet sich den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern des Jugendclubs und ihren Eltern. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler haben sich in einem unangenehmen Gespräch mit ihren Eltern die verschiedensten Fragen gestellt – Fragen zu familiären Werten, zur Jugend, zum Zeitpunkt ihrer Zeugung und Geburt, zu ungeschriebenen Gesetzen und Tabus innerhalb der Familie, zu ihren Träumen und ihrem Platz in der Familie und in der Welt. Die Aufzeichnungen der Gespräche mit den Eltern klingen nach von der Decke hängenden Diktiergeräten und werden auch genauso von den Schauspielern vorgetragen. Ähnlich wie auf der Großen Bühne des Maxim Gorky Theaters erklingen auch hier Sequenzen neben der deutschen in den verschiedensten Sprachen: Rus-sisch, Türkisch, Polnisch, Arabisch und vielen weiteren, denn das spiegelt die Realität der jungen Schauspieler und ihrer Familien aus Berlin wider.

«Wir versuchen das nicht zu unterteilen in "es gibt Kunst" und "es gibt da noch das Andere"…»

Die Schauspielpremiere von „Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft“ findet auf der kleinen Bühne des Studio Я statt, eines weiteren Bereiches des Maxim Gorky Theaters, der seine Bühne Aktivisten und Profigruppen aus Konfliktbezirken für politische oder künstlerische Statements zur Verfügung stellt.

Warum die jungen Laienschauspieler des Aktionist*innen-Clubs auf derselben Bühne spielen dürfen, wo gestern noch die ukrainische Dramaturgin Natalia Vorozhbit ihren „Monolog Nr. 1“ vortrug oder der kurdische Künstler über die Proteste in der Türkei sinnierte? Studio Я-Intendant Necati Öziri beantwortet diese Frage folgendermaßen: „Die Welt brennt – warum Kunst heute? Darum, dass gesellschaftliche Umbrüche nur durch langfristige Veränderungen der Denkstrukturen möglich sind. Das kann Kunst". Zum Beispiel lässt sich durch sie aufzeigen, wie wir die Welt in unserem Kopf in Kategorien einteilen, nach Rasse, Geschlecht und Rangordnung, und wie sich anschließend eine der Kategorien unausweichlich als besser als die anderen herausstellt und deshalb die Herrschaft über die anderen übernehmen muss. „Wir versuchen das nicht zu unterteilen in "es gibt Kunst" und "es gibt da noch das Andere" – das ist totaler Quatsch. Im Gegenteil ist es vielleicht gerade die wichtigste der Arbeiten, die wir im Bereich des politischen Theaters leisten.“

Text: Ada Mukhina
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
Juli 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Foto: Suna Gürler Produktion "Kritische Masse" (2014) des Jugendklubs Die Aktionist*innen
Leitung und Foto - Suna Gürler


















Foto: Ute Langkafel Intergeneratives Projekt Gender& Ich
Foto: Ute Langkafel


















Ada Mukhina. Foto: Stepan Bogatirjow

Mukhina Ada ist Regisseurin, Kunstkuratorin, Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" ("Zusammen"). Sie hat die Sankt Petersburger Theaterakademie am Alexandrinkskij-Theater (Klasse W. Fokin und A. Mogutschij) abgeschlossen, ein Praktikum mit dem Schwerpunkt „Soziales Theater“ in Hamburg absolviert und wird durch ein Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung unterstützt, im Rahmen dessen sie ein Jahr in Deutschland lebt und dort an ihrem Sozial-Theaterprojekt arbeitet. Sie ist Regisseurin der Dokumentar-Stücke „Einen Kühlschrank für das Sahneeis!“, „Das 18. Tagebuch in blauem Umschlag mit Teekessel“ (auf der Bühne des Theaterlabors „On.teatr“), „Eine menschliche Geschichte“ (im Haus der jüdischen Kultur „ESOD“), "______________“ (das Projekt „Neue Leute“ auf der Bühne des Großen Towstonogow-Dramentheaters, gemeinsam mit der Dramaturgin Natascha Borenko).

Seit mehr als sieben Jahren führt sie Workshops zur informellen Weiterbildung für Schüler und Studierende durch. Sie ist Gründerin des Projekts „Schule für Dokumentartheater“ für Jugendliche, in dem das Dokumentartheater als Lehrmethodik eingesetzt wird.