Dass der Expressionismus am Beginn des 20. Jahrhunderts eine typisch deutsche Kunst sei, mag Klischee sein.
Allerdings formulierte sich seit den 1960er-Jahren auch bei
Georg Baselitz (*1938), bei
Anselm Kiefer (*1945),
Dieter Krieg (*1937) oder bei den Neoexpressionisten der 1980er ein bildliches Unmittelbarkeitspathos, das sich bewusst außerhalb von diskursiver Textlogik positionierte. Malerei, wie sie etwa an den Akademien in Berlin oder Karlsruhe in den 1970er- und 1980er-Jahren vertreten wurde, behauptete sich als eigensinnige Bedeutungserzeugung, bis hin zur Gefahr selbstreferentieller Manierismen wie bei
Markus Lüpertz (*1941). Auch als Reaktion gegen die Intellektualität von Concept Art und Minimal Art galten in dieser Malereiauffassung Text, Interpretation und Diskurs als inkompatibel, nachgeordnet oder störend.
Einerseits stehen jüngere Maler wie Jonathan Meese oder Daniel Richter in dieser deutschen Expressionismustradition, andererseits – in gewisser Hinsicht ebenso deutsch – haben sie ein gebrochenes Verhältnis zu dieser Tradition.
Jonathan Meese (* 1970) greift in grotesker Weise Worte und Vorstellungen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands auf, zum Beispiel den Kult um Natur, Mutter und idealistisch verstiegenes Heroentum. Meese reicherte die expressionistische Tradition um aktionistische Elemente an, was in seinem Schaffen in einer Art unechter Neurose mündet und damit einer Strategie, wie der expressionistische Authentizitätsimpuls nach seiner mehrfachen Desillusion wirksam gehalten werden kann.
Daniel Richter (1962) praktiziert eine sehr lockere Malweise – so locker, dass das Bildganze permanent auseinander zu fallen droht. Als konzeptuelle Klammer halten oft aufwendige Titel den Wirkungsanspruch aufrecht und verdeutlichen ironische und desillusionierende Absichten, etwa bei Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen wir alle sterben (2005).
Bereits lange vor dem Expressionismus wirkten Bild und Begriff, Visuelles und Textuelles in der Kunst nicht mehr einsinnig zusammen, und sie innerhalb eines Kunstwerkes zu kombinieren, trug allzu rasch Illustratives oder unfreiwillig Absurdes in sich. Die Pop Art behalf sich ebenso weise wie einfach damit, ins Bildgefüge Ausdrücke aus Comics oder Werbung zu integrieren, Worte also, die bereits von sich aus weitgehend sinnfrei sind. Dieser gutgelaunten Strategie scheinen auch
Michel Majerus (*1967, +2002) und
Wawrzyniec Tokarski (*1968) zu folgen, wenn in ihren großformatigen Bildern Satzfetzen oder Logo-ähnliche Schriftzüge erscheinen – Splitter, die eher typographisch als semiotisch interessieren. Und doch blitzt in der bunten Oberfläche manchmal Unbehagen auf, etwa wenn bei Majerus ein lustiger Farbwirbel
SplashBOMBS mit sich führt oder es auf Tokarskis wandfüllender Leinwand Bitteschoen in großes Lettern im Stil von
„Bild“ -Zeitungsschlagzeilen heißt: „NOCH NIE WAR ALLES SO EINFACH UND WERTLOS“.
Dass Begriffe und Texte, gerade wenn sie im Bildganzen seltsam und prekär auftreten, vielleicht doch wieder ernsthafte Mitspieler des Visuellen sein könnten, legen auch die schnörkellos konzentrierten Arbeiten von
Gunter Reski (*1963) nahe, etwa wenn dem Kunstpublikum auf einer vom Künstler gestalteten Einladungskarte neben Brillen und Hüten so frontal die Worte „GUTES PUBLIKUM“ entgegen fallen, dass es sich überlegen muss, als was es aus seiner betrachtenden Anonymität treten will oder kann.
Christoph Ruckhäberle (*1972), in Westdeutschland geborener Exponent der „Neuen Leipziger Schule“, setzt in seinen virtuosen Stilmontagen aus Neuer Sachlichkeit, Anleihen bei dem in der Nazi-Zeit verfemten Maler Karl Hofer (1878-1955) und Plattencovergestaltungen der 1960er-Jahre auch Begriffe ins Bild. Ein Straßenzug wie aus den Berliner 1920er-Jahren zeigt nicht nur Werbebeschriftung über Geschäften und an Fassaden, sondern auch Begriffe aus heutigen umgangssprachlichen Kontexten: „SEX“, „ERFOLG“, „SCHEISSE“. Erst die Störung der Straßenansicht im Stil der 1920er-Jahre durch aktuelle Reizworte baut eine melancholische Spannung zwischen „jetzt“ und „damals“ auf, die den Betrachter in diese Bilderfindung verwickelt.
Sehr gängige visuelle Klischees können manchmal die geradezu grammatische Stabilität und Wiedererkennbarkeit feststehender sprachlicher Begriffe erlangen. Der Markterfolg von
Norbert Bisky (*1970) verdankt sich unter anderem einer formalen Nostalgie: die gesunden jungen Körper auf seinen plakatgroßen Bildern erinnern ebenso an westdeutsche Sonnenmilchreklame der 1950er-Jahre wie an ostdeutschen Sozialistischen Realismus. Die entsprechenden Bildschemata sind kollektiv präsent wie Schlagworte. Der Schüler von Georg Baselitz schickt die in blassen oder kreischenden Fehlfarben dargestellten jugendlichen Leiber mitunter in kalte Versuchsanordnungen (Messer, abgetrennte Köpfe). Augenzwinkernd jedoch sabotiert die stilistische Glätte des Wiedererkennbaren jeden Schrecken.
Im Feld von Bild und Text erlebt auch die politisch-feuilletonistische Meinung als moralischer Direktimport in die Malerei eine gewisse Konjunktur, etwa bei
Dierk Schmidt (*1965). Böse Machenschaften in Politik und Wirtschaft werden sozusagen als in sich abgeschlossene, visuell nicht bearbeitbare Textdatei ins Bildformat herunter geladen, um der Malerei, wie einst im Historismus des 19. Jahrhundert, durch bedeutende Inhalte Sinn und Gewicht zu verleihen.