Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Zeitgenossen aus Holz. Die Figurenwelt des Bildhauers Stephan Balkenhol

Mann mit Fliegenpilz
Seine Skulpturen erkennt man sofort. Wenn irgendwo in Museen oder im öffentlichen Raum eine roh aus einem Holzblock geschlagene menschliche Figur auftaucht, bei der außerdem noch einzelne Körperteile farbig hervorgehoben sind, dann darf man fast sicher sein, vor einer Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol (geb. 1957) zu stehen. Wie kaum ein zweiter Künstler der jüngeren Generation hat er es verstanden, seinem Stil die Erkennbarkeit eines Markenzeichens zu geben.

Seit er vor mehr als zwanzig Jahren zu arbeiten begann, hat er einen für einen zeitgenössischen Bildhauer geradezu sensationellen – auch internationalen – Erfolg. Seine Produktivität scheint keine Grenzen zu kennen. Er bringt es auf fast 100 Figuren im Jahr, bevorzugt aus Holz.

Vielleicht ist seine Kunst so populär, weil sie fast naiv von der Sinnhaftigkeit des eigenen Gegenstandes überzeugt zu sein scheint. "Die Beschränkung auf die menschliche Figur und auf den Kopf hat in der Kunst während Jahrtausenden die Möglichkeiten nie eingeschränkt. Ein menschlicher Kopf in der ägyptischen Kunst, in der romanischen oder gotischen Plastik und späterhin, das ist immer jeweils etwas total anderes. Er wäre verwunderlich, wenn heute ein Kopf nichts mehr hergeben sollte." (Balkenhol, 1999).



 Diashow: Die Figurenwelt des Bildhauers Stephan Balkenhol

Die Rückkehr zur Tradition der Figur

Trotzdem gehörte Anfang der 80er Jahre Mut dazu, sich als Bildhauer mit der menschlichen Figur zu beschäftigen. Das Thema schien geschichtlich verbraucht. Eine Denkmalschwemme um die Jahrhundertwende und der verordnete pseudoklassische, hemmungslos pathetische Monumentalstil der NS-Zeit hatten der Abbildung des Menschen in der Kunst jegliche Glaubwürdigkeit genommen. Auch das Figurenarsenal des sozialistischen Realismus schien angesichts der wirklichen Verhältnisse von geradezu zynischer Verlogenheit.

Mann mit Bischofshut
Die Zeit für Helden aus Stein und Bronze war abgelaufen. Die menschliche Figur, das war etwas für Gartenzwerge und Schaufensterpuppen. In der Kunst herrschte die Abstraktion. Minimalismus und Konzept-Kunst, Material- oder Formexperimente bestimmten das Bild. Skulpturen wurden zu Installationen. Die Bildhauerei schien tot.

Stephan Balkenhol studierte bei Ulrich Rückriem. Ein größerer Gegensatz als zur Arbeit seines Lehrers ist kaum denkbar. Rückriem ist ein nicht figurativer, abstrakter Steinbildhauer. Es wirkte wie ein Tabubruch, dass Stephan Balkenhol allen Ernstes die Rückkehr zur Tradition der menschlichen Figur vorschlug. Sein Werk scheint bis heute fast unberührt von den verschiedensten Einflüssen der Moderne.

Und doch gelingt es ihm auf eine unverwechselbare Weise seine Figurenwelt in der Gegenwart zu verankern. Niemals lassen die rohen Materialspuren vergessen, dass es sich um Kunstprodukte handelt. Die Formate sind entweder überlebensgroß oder sie unterschreiten die reale Lebensgröße.

Fast individuell und doch zeitlos

Figurensäule und
   abstraktes Relief

Seine Figuren tragen Alltagskleidung und haben zeitgenössische Frisuren. Sie ähneln ihren Betrachtern bis an den Rand der Verwechslung, nur dass sie seltsam erstarrt auf Sockeln stehen. Sie erscheinen fast wie individuelle Porträts und haben doch einen Zug ins allgemeine, zeitlose, ohne sich aber auf einen Typus festzulegen. Ihre Gesten sind denkbar einfach. Sie stehen unpathetisch in der Öffentlichkeit oder im Museumsraum herum. Manchmal scheint es gerade so, als betrachteten diese Skulpturen ihre Betrachter.

Balkenhol hat seine Skulpturen tief in der Kunst- und Kulturgeschichte der Menschen verankert. Die seltsamen Mischwesen zwischen Mensch und Tier sind ohne die Ägypter gar nicht denkbar. Und dennoch ist es ein fast schwereloser, heiterer Umgang, den er mit der Tradition pflegt. Wenn er einem Mann in Alltagskleidung einen Löwenkopf aufsetzt oder jemandem, der die Hände tief in den Hosentaschen vergraben hat, einen Elefantenrüssel verpasst, dann denkt man vermutlich eher an Karneval oder Märchen als an exotische Götter.

Dieser Künstler spielt mit der Kunstgeschichte. Sein Großer klassischer Mann (1996) imitiert die Geste einer Skulptur Michelangelos ganz so, als wollte er überprüfen, ob man sich heute noch so bewegen kann. Und auch seinen nachdenklich auf einem Holzblock sitzenden Mann kann man nicht sehen, ohne dass einem Rodins Denker einfällt. Deutlich sind auch die Bezüge auf die Geschichte der religiösen Skulptur: ein Normalbürger von Pfeilen durchbohrt oder eine junge Frau im kurzen, blauen Kleid, die einen nackten erwachsenen Mann im Arm hält. Man merkt eine Tradition und lacht über den schamlosen Bruch mit ihrer Bildsprache. Verblüffenderweise werden seine Figuren aber nie zu Karikaturen.

Kleiner Mann mit Giraffe
Wie kaum ein zweiter Bildhauer hat Stephan Balkenhol es gewagt, auch Tiere in seine Arbeit aufzunehmen. Tiere in der modernen Kunst, das erschien bis auf ganz wenige Ausnahmen undenkbar. Balkenhol greift die kindliche Welt der Spielzeugtiere auf und spielt sie in vielfältigen Variationen durch. Pinguine tauchen gleich dutzendweise auf und umzingeln den Betrachter. Eine Riesengiraffe vor dem Hamburger Zoo. Dass ein Mann versucht, deren Hals hinaufzuklettern, nimmt man diesem Bildhauer ab, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

"Der Künstler hat die Macht, Dinge wirklich werden zu lassen, die es nicht gibt", hat Stephan Balkenhol einmal gesagt. Absurd und doch schwerelos erscheint die Kunst in seinem Werk als Teil einer ganz selbstverständlichen Lebensfreude.

Jan Thorn-Prikker

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
aktualisiert März 2007

Links zum Thema

Goethe.de Kunstkalender

Aktuelle Aus- stellungen in Deutschland

Open Call zum Open Call

Beim Open Call der 7. Berlin Biennale wurden Künstler nach ihrer politischen Gesinnung gefragt, Kurator Artur Żmijewski erklärt, warum. Und wir fragen Sie im Open Call zum Open Call nach Ihrer Meinung!

gateways. Kunst und vernetzte Kultur

Ausstellung junger europäischer Medienkunst im Kumu Art Museum Tallinn

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland