Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Georg Baselitz: Remix. Gemischte Gefühle und offene Fragen

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Im Werk von Georg Baselitz gibt es einige Bilder, denen besonderes Gewicht zukommt. Auf ganz besondere Weise ist das Bild Große Nacht im Eimer mit seinem Ruhm verbunden. Nun hat er genau solche Schlüsselwerke noch einmal gemalt, demnächst zu sehen in Ausstellungen in der Albertina in Wien und in Shanghai unter dem Titel Remix.

Der Maler, dessen Markenzeichen es wurde, seit 1969 alle seine Bilder verkehrt herum zu präsentieren, versucht es diesmal mit einem anderen, noch umstritteneren Verfahren. Er kopiert sich selber.

Georg Baselitz

In einem Interview mit Thomas Wagner sagte er dazu: „Ich male ein Bild, und dann stelle ich fest: Es hat ganz viele Fehler. Dann male ich es noch einmal. Und es hat dann wieder Fehler – und noch einmal und noch einmal. Irgendwann ist Schluss. Es gelingt dann einfach nicht. Ein wichtiger Teil in meiner Arbeit ist so eine Art unkontrollierter Rauschzustand. … Natürlich habe ich immer schon gesagt: Wiederholen ist Trägheit. Meine eigenen Sachen zu wiederholen schien mir immer fatal. Jetzt aber habe ich ein Konzept und eine Legitimation dafür. … Ich nehme Fotos von meinen Bildern und male sie dann noch einmal. … Natürlich, um sie besser zu machen. Das ist ein Aufbegehren.“ (FAZ vom 2.6.06)

Er bezeichnet seine Methode als ein Verfahren der Selbstvergewisserung. „Ich will testen, ob ich es noch einmal schaffe, mich auf diese Höhen zu schwingen, auf denen ich mal war. Denn ich finde meine Bilder von damals noch heute ziemlich gut.“ Zweifel und Selbstsicherheit liegen in dieser Formulierung nahe beieinander.

„Remix“ – ein fragwürdiger Begriff

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Für die neue Werkgruppe verwendet er den aus der Musikbranche übernommenen Begriff „Remix“. Im Falle der Musik meint dieser Begriff die Verwendung alter Aufnahmebänder oder ein Neuarrangement in einem anderen Stil. In der Malerei ist der Begriff aber fragwürdig. Musik ist eine Zeitkunst. Sie kennt kein Original in dem Sinne, wie es in der Malerei existiert. Musik ist immer Interpretation. Aber auch in der Malerei ist die Wiederholung eines Bildes nichts unübliches. Das Verfahren des Kopierens von Meisterwerken ist dort ein klassisches Ausbildungsverfahren. Man erprobt die eigene Kunst an Vorbildern. Und es gibt auch hinreichend berühmte Maler, die ein eigenes Motiv immer wieder wiederholt haben, weil sie an das „eine“, „absolute“ Bild glaubten. Von Paul Cezanne gibt es fast 100 Badende. Und der norwegische Maler Edvard Munch, den Georg Baselitz sehr verehrt, hat sein Bild Mädchen auf der Brücke fast zwanzig Mal gemalt.

Gemälde aber sind physisch einmalige Objekte. Wenn man sie wiederholt, dann macht eigentlich nur der interpretierende Unterschied einen Sinn. Die bloße Verdoppelung eines Bildes ist in der Malerei entweder wertlos oder, noch schlimmer, der Versuch einer „Fälschung“. Meisterwerke gelten als unwiederholbar. In diesem Sinn ist Baselitz Serie tatsächlich ein radikaler Selbstversuch, etwas Neues.

Die Methode stellt die Frage nach der Qualität eines Kunstwerkes. Anders als im Sport oder im Fall der Technik sind Leistung und Qualität in der Kunst nicht einfach messbar. Bei einem Läufer genügt ein Blick auf die Stoppuhr und man erkennt den Weltrekord. In der Kunst aber liegt die Sache komplizierter. Soll die Qualität eines Werkes überprüfbar sein, dann müsste man sich vorher darauf verständigen, wie man Qualität definiert. Darüber heute ein einheitliches Urteil herstellen zu wollen, ist völlig aussichtslos.

'Die großen Freunde'

Deshalb rangieren in der Welt der Kunst Ersatzkriterien an Stelle innerkünstlerischer Werturteile. Der Wert eines Werkes wird entweder am Marktwert, dem Urteil von Experten oder der Anzahl an Ausstellungen in angesehenen Institutionen abgelesen. Diese Kriterien aber sind fragwürdig. Sie unterliegen dem geschichtlichen Wandel. Von den einst bestverdienenden Salonkünstlern des 19. Jahrhunderts spricht heute kaum noch jemand. Umstrittene Außenseiter, die oft lebenslang erfolglos blieben, sind inzwischen als Künstler erkannt, die neue Maßstäbe setzten.

Baselitz hat sich zur Methode des Vergleiches mit eigenen Werken entschlossen. Geht es nach den Ersatzkriterien von Marktwert und öffentlicher Anerkennung, dann sind die neuen Bilder ebenso gut, wie die Werke, die den Ruhm dieses Künstlers begründeten. Aber was würden wir von einem Schriftsteller halten, der als Kritiker über seine eigenen Bücher zu urteilen versuchte und zu dem Schluss käme, sie seien besonders gut? Sind Künstler wirklich die besten Experten ihrer Kunst? Ist die fehlende Distanz ein Mangel, oder bewirkt die Nähe eine besondere Urteilsfähigkeit? Oder ist das gewählte Verfahren nur ein Täuschungsversuch eines ohnehin ratlosen Publikums? Die von Baselitz gewählte Methode hat durchaus ihre Tücken.

Geänderter Kontext – geänderte Wirkung

'Die große Nacht
im Eimer'

Nehmen wir ein Beispiel: Große Nacht im Eimer (1962/63) bewirkte einen Skandal. Der hässliche Zwerg mit offener Hose galt als obszön, wurde aus der Ausstellung heraus von der Polizei beschlagnahmt. In einer Zeit, in der Abstraktion die Malerei dominierte, war schon der Rückgriff auf die verfemte Figuration eine kunstimmanente Provokation, die von radikalem Aufbruchsbegehren zeugte. Wenn Baselitz das Bild heute in wesentlich größerem Format noch einmal wiederholt, dann lassen sich diese Faktoren nicht kopieren. Neu mischen lassen sich allenfalls die Farben auf der Palette.

Der damals unbekannte Maler ist längst ein Star. Alles was er tut, findet fast unwidersprochen Anerkennung. Die angebliche „Obszönität“ ist heute kaum mehr zu verstehen. Und auch die Figuration in der Malerei ist inzwischen wieder so durchgesetzt, dass dem Bild jeglicher Widerspruch gegen den Zeitgeist fehlt. Im Gegenteil, es ist selber Teil des Mainstream und damit alles andere als Ausdruck von Opposition und Widerspruchsgeist geworden.

Wenn Georg Baselitz heute dieses Bild als „Remix“ wiederholt, dann kopiert er seinen eigenen Erfolg. Dass er dabei die einstmals umstrittene phallische Form deutlicher zeigt und das Gesicht mit Haarschnitt und Bärtchen ausdrücklich der Physiognomie Adolf Hitlers annähert, nimmt dem Bild etwas von seiner einstigen beunruhigenden Kraft. Es wirkt platter, geradeso, als sehnte sich Baselitz noch einmal nach dem Skandal, der sich natürlich nicht noch einmal einstellt. Die Hitler-Nähe wirkt wie Koketterie. Die geschichtliche Spur aber hat sich verdünnt. Und auch die schmutzige Farbigkeit des Bildes ist einer ungebrochenen Strahlkraft gewichen.

Was damals Ergebnis eines langen, immer neu ansetzenden Malvorgangs war, entsteht jetzt mit beherrschter malerischer Routine im vitalistischen Kraftakt weniger Stunden. Die Kritik spricht deshalb von der „größeren Freiheit“ des Bildes, von seiner „künstlerischen Souveränität“. Was aber ist mit diesen Begriffen wirklich gesagt? Kunstkritiker, hat einmal ein Kunstkritiker geschrieben, erinnerten ihn an Scharfrichter, die ihr Urteil ohne Gesetzbuch sprächen. Diese Formulierung hat eine schillernde Brillanz.

'Der Adler'
Auch im Fall des „remixten“ Adlers oder der kopierten Großen Freunde wiederholt sich das Spiel mit schwindender historischer Energie. Hakenkreuze auf den Kniescheiben der Freunde oder wie farbige Dekorationen an den Seiten des Bildes können nicht überzeugen. Kein anderer Maler könnte sie sich erlauben. Dem Adler fehlt heute die beunruhigende Unheimlichkeit des nationalistischen Symbols der unmittelbaren Nachkriegszeit, dessen aggressive Kraft durch die umgedrehte Hängung kaum gebrochen wurde. Bis heute hat das Spiel mit solchen „deutschen Motiven“ die Rezeption dieses Künstlers in den USA erschwert. Heute ist der Adler ein blau strahlendes Motiv, dem die realitätsbezogene Kraft fehlt. Das Wappentier im Sturzflug ist plötzlich eine fette blaue Henne. Gerade die selbstverständliche künstlerische Routine irritiert.

Bildformate als Anspruch

Verblüffend ist, dass die Kunstkritik die Vergrößerung der Bildformate einfach stillschweigend übergeht. Bildformate sind immer auch kunstpolitische Entscheidungen. Dass jemand ein großes Bild malt, impliziert immer auch den Anspruch, das Bild sei ein „großes Bild“, und ein Maler, der sich in diesen Formaten bewegen kann, sei „der Größte“. Oder, um noch einmal Georg Baselitz zu zitieren: „Es geht doch in der Kunst darum, wie setzt man sich durch und womit.“ Das ist deutlich. Am Gegenwartsbezug seiner Motive jedenfalls kann der Erfolg dieser Bilder kaum liegen.

Radikal an Baselitz Remix-Serie bleibt, dass er vergleichend die Frage nach ihrer Qualität und ihrem Gelingen überhaupt stellt. Schwach an diesem Vergleich bleibt, dass er die Bilder nur dem Vergleich mit der eigenen Kunst aussetzt, so als gäbe es keine anderen Maßstäbe. „Man braucht das Selbstgespräch und hat sich dabei viel zu sagen, basta.“ (G.B.). Beschämend aber ist - und auch das ist ein Spiegelbild der gegenwärtigen Situation im Kunstbetrieb –, dass die Kunstkritik sich der Herausforderung nicht stellt. Die Bilder werden mit Worten umkreist, den Fragen, die sie so offensichtlich aber selbst stellen, weicht die Kunstkritik aus. Einspruch könnte leicht als Anmaßung verstanden werden. Baselitz Kunst selber aber begann mit einem radikalen Einspruch.

Pinakothek der Moderne, München (Hg.): Baselitz Remix. Dialog der Bilder; Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, 290 Seiten, ISBN -13: 978-3-7757-1846-2.

Jan Thorn-Prikker,
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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Dezember 2006

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