Georg Baselitz: Remix. Gemischte Gefühle und offene Fragen
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Der Maler, dessen Markenzeichen es wurde, seit 1969 alle seine Bilder verkehrt herum zu präsentieren, versucht es diesmal mit einem anderen, noch umstritteneren Verfahren. Er kopiert sich selber.
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Er bezeichnet seine Methode als ein Verfahren der Selbstvergewisserung. „Ich will testen, ob ich es noch einmal schaffe, mich auf diese Höhen zu schwingen, auf denen ich mal war. Denn ich finde meine Bilder von damals noch heute ziemlich gut.“ Zweifel und Selbstsicherheit liegen in dieser Formulierung nahe beieinander.
„Remix“ – ein fragwürdiger Begriff
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Gemälde aber sind physisch einmalige Objekte. Wenn man sie wiederholt, dann macht eigentlich nur der interpretierende Unterschied einen Sinn. Die bloße Verdoppelung eines Bildes ist in der Malerei entweder wertlos oder, noch schlimmer, der Versuch einer „Fälschung“. Meisterwerke gelten als unwiederholbar. In diesem Sinn ist Baselitz Serie tatsächlich ein radikaler Selbstversuch, etwas Neues.
Die Methode stellt die Frage nach der Qualität eines Kunstwerkes. Anders als im Sport oder im Fall der Technik sind Leistung und Qualität in der Kunst nicht einfach messbar. Bei einem Läufer genügt ein Blick auf die Stoppuhr und man erkennt den Weltrekord. In der Kunst aber liegt die Sache komplizierter. Soll die Qualität eines Werkes überprüfbar sein, dann müsste man sich vorher darauf verständigen, wie man Qualität definiert. Darüber heute ein einheitliches Urteil herstellen zu wollen, ist völlig aussichtslos.
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Baselitz hat sich zur Methode des Vergleiches mit eigenen Werken entschlossen. Geht es nach den Ersatzkriterien von Marktwert und öffentlicher Anerkennung, dann sind die neuen Bilder ebenso gut, wie die Werke, die den Ruhm dieses Künstlers begründeten. Aber was würden wir von einem Schriftsteller halten, der als Kritiker über seine eigenen Bücher zu urteilen versuchte und zu dem Schluss käme, sie seien besonders gut? Sind Künstler wirklich die besten Experten ihrer Kunst? Ist die fehlende Distanz ein Mangel, oder bewirkt die Nähe eine besondere Urteilsfähigkeit? Oder ist das gewählte Verfahren nur ein Täuschungsversuch eines ohnehin ratlosen Publikums? Die von Baselitz gewählte Methode hat durchaus ihre Tücken.
Geänderter Kontext – geänderte Wirkung
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'Die große Nachtim Eimer' |
Der damals unbekannte Maler ist längst ein Star. Alles was er tut, findet fast unwidersprochen Anerkennung. Die angebliche „Obszönität“ ist heute kaum mehr zu verstehen. Und auch die Figuration in der Malerei ist inzwischen wieder so durchgesetzt, dass dem Bild jeglicher Widerspruch gegen den Zeitgeist fehlt. Im Gegenteil, es ist selber Teil des Mainstream und damit alles andere als Ausdruck von Opposition und Widerspruchsgeist geworden.
Wenn Georg Baselitz heute dieses Bild als „Remix“ wiederholt, dann kopiert er seinen eigenen Erfolg. Dass er dabei die einstmals umstrittene phallische Form deutlicher zeigt und das Gesicht mit Haarschnitt und Bärtchen ausdrücklich der Physiognomie Adolf Hitlers annähert, nimmt dem Bild etwas von seiner einstigen beunruhigenden Kraft. Es wirkt platter, geradeso, als sehnte sich Baselitz noch einmal nach dem Skandal, der sich natürlich nicht noch einmal einstellt. Die Hitler-Nähe wirkt wie Koketterie. Die geschichtliche Spur aber hat sich verdünnt. Und auch die schmutzige Farbigkeit des Bildes ist einer ungebrochenen Strahlkraft gewichen.
Was damals Ergebnis eines langen, immer neu ansetzenden Malvorgangs war, entsteht jetzt mit beherrschter malerischer Routine im vitalistischen Kraftakt weniger Stunden. Die Kritik spricht deshalb von der „größeren Freiheit“ des Bildes, von seiner „künstlerischen Souveränität“. Was aber ist mit diesen Begriffen wirklich gesagt? Kunstkritiker, hat einmal ein Kunstkritiker geschrieben, erinnerten ihn an Scharfrichter, die ihr Urteil ohne Gesetzbuch sprächen. Diese Formulierung hat eine schillernde Brillanz.
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'Der Adler' |
Bildformate als Anspruch
Verblüffend ist, dass die Kunstkritik die Vergrößerung der Bildformate einfach stillschweigend übergeht. Bildformate sind immer auch kunstpolitische Entscheidungen. Dass jemand ein großes Bild malt, impliziert immer auch den Anspruch, das Bild sei ein „großes Bild“, und ein Maler, der sich in diesen Formaten bewegen kann, sei „der Größte“. Oder, um noch einmal Georg Baselitz zu zitieren: „Es geht doch in der Kunst darum, wie setzt man sich durch und womit.“ Das ist deutlich. Am Gegenwartsbezug seiner Motive jedenfalls kann der Erfolg dieser Bilder kaum liegen.Radikal an Baselitz Remix-Serie bleibt, dass er vergleichend die Frage nach ihrer Qualität und ihrem Gelingen überhaupt stellt. Schwach an diesem Vergleich bleibt, dass er die Bilder nur dem Vergleich mit der eigenen Kunst aussetzt, so als gäbe es keine anderen Maßstäbe. „Man braucht das Selbstgespräch und hat sich dabei viel zu sagen, basta.“ (G.B.). Beschämend aber ist - und auch das ist ein Spiegelbild der gegenwärtigen Situation im Kunstbetrieb –, dass die Kunstkritik sich der Herausforderung nicht stellt. Die Bilder werden mit Worten umkreist, den Fragen, die sie so offensichtlich aber selbst stellen, weicht die Kunstkritik aus. Einspruch könnte leicht als Anmaßung verstanden werden. Baselitz Kunst selber aber begann mit einem radikalen Einspruch.
| Pinakothek der Moderne, München (Hg.): Baselitz Remix. Dialog der Bilder; Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 2006, 290 Seiten, ISBN -13: 978-3-7757-1846-2. |
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Dezember 2006




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