Neo Rauch: „Für mich bedeutet Malen die Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln“
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Er gilt als Hauptvertreter der „Neuen Leipziger Schule“. Es gab innerhalb der doktrinär gemaßregelten Malerei der DDR vor dem Mauerfall in Leipzig einige Maler, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, die figurativ arbeiteten und denen der alles überwachende DDR-Staat mehr Freiheiten zugestand als dem Rest. Von diesen Malern trennen Neo Rauch Welten. Er bewegt sich als Maler viel freier und sein Umgang mit dem Erbe der DDR ist mehr frech und ironisch als bitter.
Markenzeichen Leipzig
Wenn über Malerei aus Leipzig gesprochen wird, ist die Frage zumeist nicht weit, ob es tatsächlich heute - noch oder wieder - so etwas wie „deutsche Malerei“ gibt. Neo Rauch ist unzweifelhaft ein „deutscher Maler“ und er ist sogar erkennbar ein ostdeutscher Maler. Es ist eine Malerei mit politischen Untertönen, die auf die eigene Zeit und die in ihr enthaltenen Umbrüche und Widersprüche künstlerisch reagiert. Seine Landschaften und Motive wecken bei demjenigen, der nur ein wenig von Deutschland kennt, unweigerlich Assoziationen, die in den Osten des Landes führen. Aber seine Bezüge sind keineswegs plakativ und vor allem nie nostalgisch.
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Typischer Stil
Neo Rauch hat – auch das ist eine Voraussetzung für eine gute Position im Markt – einen erkennbaren nur für ihn typischen Stil entwickeln können. Seine Kunst ist vor allem eine Kunst der gegenständlichen und figurativen Darstellung. Er bevorzugt eine eigenartige, matt gebrochene Farbigkeit, die alle seine Arbeiten verbindet. Sie resultiert auch aus einer Vorliebe für eine altertümliche Form von Kinderbüchern und vor allem aus einer Freude an den grellen Farbwelten billiger Comics.
Wie Neo Rauch seine Welt darstellt, das hat auch viel mit der heiteren Ironie der Anfangsjahre des Pop-Art zu tun, auf die er mit dem Abstand einer Generation lebendig reagiert. Bei der Pop-Art wusste man auch nie so genau, ob es sich um eine harte Kritik an den Fetischen der Konsumwelt handelte oder vielleicht nur um die Überhöhung dieser Konsumwelt selber.
Schillernde Titel
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Für seine Wolfsburger Ausstellung hat Neo Rauch den Titel Neue Rollen gewählt, und man weiß nicht genau, ob er damit die Aktualität seiner Bilder meint - die letzten kamen in der Woche vor der Ausstellungseröffnung noch feucht aus dem Atelier -, oder ob dieser Titel die Suche nach neuen Verhaltensmustern seiner Kunst meint. Die Welt in neuen Rollen, der Künstler auf der Suche nach seiner Rolle in der Welt, Kommentator oder Träumer, Spiegelbildfechter oder Spiegel?
Bilder voller Bilder. Die Leinwand als Simultanbühne
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Im für ihn typischen malerischen Erzählstil hat Rauch die bizarren Szenen wie auf einer Simultanbühne zusammen geschnitten. Kühn mit malerischen Unschärfezonen vermittelt, wirkt das ganze zeitgleich ablaufende Geschehen wie eine Ausschnittsammlung aus einem absurden Welttheater voller Minidramen. Fast scheint es, als wolle diese Malerei vom Massenmedium Fernsehen lernen durch die Programme der Apokalypse zu „zappen“, ohne sich dabei die gute Laue verderben zu lassen.
Neo Rauch liebt das freie Spiel mit allen malerischen Mitteln. Er nutzt exzessiv die (Narren)-Freiheit der Kunst. Er verwendet Personen wie Versatzstücke, die er auf seinen Bildflächen hin und her schiebt. Räume gehen ineinander über, werden entgegen den Gesetzen der Perspektive wild miteinander verschnitten. Die Arbeiten sind von einem Geist der Collage und der traumhaften Motivverschränkung gekennzeichnet. Geschichte als ein Strudel aus Geschichten.
Neo-Surrealismus, ein Spiel mit der Tradition
Immer deutlicher wird, dass Rauchs Malerei in der Tradition des malerischen Surrealismus steht. Auf einigen Bildern, die Objekte enthalten, die schmelzend ihre Konturen verlieren, scheint die Anspielung auf den Bilderzauberer Salvador Dali deutlich. Aber anders als der klassische Surrealismus der 30er Jahre stammen Rauchs Geschichten nicht aus dem Rausch und der Automatik des Unbewussten. Seine Träume wirken hellwach konstruiert.
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Traumwelten
„Für mich bedeutet Malen die Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln“, sagt Neo Rauch und gibt damit den entscheidenden Hinweis auf die Welt der Träume. Wir erkennen Versatzstücke der Wirklichkeit, aber wir können wegen der Traumverschlüsselung den Traum nicht einfach lesen wie ein beschriebenes Blatt. Er verlangt nach seiner Deutung und sabotiert sie mit kunstvoller Vieldeutigkeit. Nur so kann jeder Traum - sogar noch der Alptraum - als „Hüter des Schlafes“ (Sigmund Freud) auftreten. Der Traum der Malerei spielt mit der Unvernunft der Wirklichkeit.
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In den letzten Jahren sind Rauchs Bilder immer größer geworden. Die Formate sind aktuell bei drei mal vier Metern angekommen. Neben der Welt des Traums ist das szenische Moment heute viel stärker entwickelt als auf den ersten Bildern. Rauchs Welt ist eine Theaterwelt, die Ausschnitte aus dem großen Welttheater zeigt. Der Maler versteckt sich kunstvoll in seinen Szenerien. Bei allen Anspielungen auf die Gegenwart hat er für sich die Rolle des Regisseurs und natürlich die Hauptrolle des Traumwandlers vorbehalten.
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts
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Februar 2007

















