Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Kunstvolle Dokumentarin

Die ostdeutsche Fotografin Helga Paris

Helga Paris; o.T.; 28 x 19 cm; Silbergelatine Baryt; aus: Frauen im Bekleidungswerk Treff-ModelleHelga Paris, geboren 1938 im pommerschen Gollnow, heute Goleniów in Polen, wuchs in Zossen bei Berlin in einer Arbeiterfamilie auf. Sie studierte Modegestaltung, arbeitete als Grafikerin und heiratete den Maler Ronald Paris. Ab 1964 knipste sie in ihrem Umfeld in Berlin-Prenzlauer Berg: ihre Kinder, Nachbarn, Straßenszenen. Die Autodidaktin intensivierte ihre fotografische Arbeit, setzte sich mit der Technik auseinander. Seit 1968 ist sie freiberufliche Fotografin.

Menschen ohne Masken

Noch immer fotografiert Paris fast ausnahmslos in Schwarzweiß. Ihre Begründung: "Es ist noch so viel zu tun in Schwarzweiß." Sie arbeitet mit natürlichem Licht, ihre Kompositionen sind einfach, sie inszeniert nicht, sie dokumentiert. Seit den autobiografisch angelegten Serien Erinnerungen an Z. und Friedrichshain von 1993/94 nutzt sie gelegentlich Unschärfe, um innere Bilder umzusetzen. Dass ein Punkt scharf und der Rest unscharf ist, sei für Erinnerungen typisch, erklärt sie. Sie sei eigentlich durch Zufall auf dieses gestalterische Element gestoßen: Ein Bild einer Serie war verwackelt, der Effekt gefiel ihr, und sie arbeitete fortan gezielt damit. Seit dieser Zeit arbeitet sie auch mit einem größeren Bildformat.

Individuen scheinen sie immer interessiert zu haben. Wenn sie Menschen porträtiert, versucht sie ihnen zu vermitteln, dass das "typische verlegene Lachen" nicht nötig ist. Davon abgesehen können sie sich vor der Kamera geben wie sie wollen, wie sie sind. Entsprechend natürlich wirken die Porträts. Ihre Arbeit in Siebenbürgen habe sie in dieser Hinsicht geprägt: Dort hätten sich die Menschen einfach ruhig und selbstbewusst hingestellt, um fotografiert zu werden. Über ihre Kneipenfotos, die sie in den 1970er Jahren in Ostberlin aufnahm, sagte sie dem Kulturjournal des Fernsehsenders NDR: "Die Leute hatten überhaupt keine Masken im Osten. Sie haben wirklich das herausgelassen, wie es ihnen gerade geht." Fotografie als Protest Helga Paris wollte in der DDR keinesfalls das fotografieren, was die Medien als Realität darstellten, sondern dessen Gegenteil. "Aber nicht aus einer hochgestochenen politischen Ambition heraus, sondern aus dem Gefühl für Realität und für Wahrhaftigkeit", wie sie im Kulturjournal erklärte. "Ich wusste: In den Knast will ich nicht. Ich werde so viel protestieren wie ich kann, ohne dass ich mich in Gefahr bringe." Eine Ausstellung ihrer 1983 bis '85 entstandenen Serie über Halle, Häuser und Gesichter, wurde 1986 kurz vor der Eröffnung verboten, weil sie den baulichen Verfall der Stadt darstellte. Erst 1990 wurden die Bilder gezeigt.

"Meine Fotos sagen, was ich zu sagen hatte. Ich habe die vielen Gesichter mit herübergenommen in die neue Zeit, damit nichts vergessen wird", zitierte die Berliner Zeitung Paris. Derzeit arbeitet sie in Berlin an der Serie Menschen am Alexanderplatz. "Ich suche nach Bildern, die aus der Geschichte der Stadt kommen und von einer möglichen Zukunft sprechen", sagt sie.

Geschult durch Malerei

Die Autodidaktin ist keiner fotografischen Schule zuzurechnen, lange Zeit vermied sie es sogar, Fotobücher anzuschauen, um nicht beeinflusst zu werden. Denn: "Gute Fotos vergisst man nicht mehr." Stattdessen setzte sie sich viel mit Malerei auseinander, mit Max Beckmann, Edvard Munch und Francis Bacon. Dennoch stünden ihre Bilder dem Film näher als der Malerei, sie betrachtet sie eher als Dokumente denn als Kunst. Auch die Auseinandersetzung mit Literatur, insbesondere mit den Werken der befreundeten Schriftstellerin Christa Wolf, beeinflusste Paris.

"Es existiert da ein philosophierendes Interesse, das sich an grundsätzlichen Fragen des Lebens orientiert", so Ulrich Domröse im Lexikon der Fotografen, "die dafür gefundenen Bilder sind intuitiv erlebt und festgehalten, nicht rational gesucht und ausgedacht. Es sind dies sinnbildhafte Fotografien von großartigem formalen und ästhetischen Reiz".

Wahrhaftigkeit des Lebens

Helga Paris "erlöst die Porträtierten aus dem Objekt-Sein", lobte 2004 Senator Thomas Flierl bei der Verleihung des Hannah-Höch-Preises in der Berlinischen Galerie, die Lyrikerin Elke Erb zitierend. Der Wahrhaftigkeit des Lebens durch die Darstellung des Alltags und der Natürlichkeit der Menschen nahe zu kommen sei Paris' Anliegen, sagte Ulrich Domröse, Leiter der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, in seiner Laudatio.

Inka Schube (Hg.): Helga Paris. Fotografien; Holzwarth Publications, 320 S., 45 €, ISBN 3-935567-19-7
Ingrid Scheffer
ist freie Journalistin und Diplom-Kulturwissenschaftlerin

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aktualisiert Januar 2007

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