Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Differenz und Wiederholung: Günther Uecker

Günther Uecker. Zwanzig Kapitel; Copyright: Hatje Cantz Verlag GmbH & Co. KGNachdem das Erbe der Moderne auf die ungeheuerlichste Weise vom Dritten Reich diskreditiert worden war, versuchte das Deutschland der Nachkriegszeit auch in der Kunst die Wiedergutmachung. Beflissen rezipiert man die Avantgarde und lernte die Weltsprache Abstraktion.

Speziell die Kasseler documenta avancierte zum Lehrstück in Sachen Nachholbedürfnis. Mit all ihren Unfreiwilligkeiten: Gleich am Beginn der ersten documenta 1955 stellte man eine Skulptur der klassischen Moderne auf – es war eine "Knieende"; und auf der dritten documenta 1964 hatte die aktuelle Malerei ein großes Forum – zum Teil hing sie am Plafond. Die Bereitschaft jedenfalls, sich klein zu machen und aufzublicken, hatte sich hartnäckig gehalten.

Eine Kunst des Prozesses

Umso deutlicher mussten Kunstwerke ins Auge fallen, die eine ganz andere Betrachterhaltung erforderten. Werke, die sich veränderten, die zum Mitmachen aufforderten, die mit Licht und Schatten spielten, als wären es Rohstoffe, und die Materialien verwendeten, die jeder Heimwerker zuhause hatte. Als Günther Uecker Ende der fünfziger Jahre mit seinen Nagelbildern in die Öffentlichkeit trat, gewann die Gegenwartskunst ganz neuen Elan. Zwar hatten sie Leinwände als Fond, doch zusätzlich zur Farbe waren ihnen Nägel appliziert. Aus dem Bild war ein Objekt geworden, aus Malerei ein schillerndes Ding in der Interferenzzone der Künste. Ueckers Neuartigkeit bestand nicht zuletzt in der Absage an die genialische Geste des Einzelkönners. Was nunmehr aufs Tapet kam, waren Struktur, Serialität, Wiederholung, waren die Zauberworte einer nach-expressiven, an Transparenz und Systematik orientierten Kunst des Prozesses.

Im Jahr 1955 war Uecker in die Bundesrepublik gekommen. 1930 in Mecklenburg geboren, wuchs er in einer Gegend auf, die später zur DDR gehören sollte. Hier absolvierte er auch seine erste künstlerische Ausbildung, unter anderem an der renommierten Akademie von Berlin-Weissensee. Im Westen setzte Uecker diese Ausbildung an der nicht minder renommierten Kunstakademie Düsseldorf fort. Im Milieu der rheinischen Kunst begann er auch zu reüssieren. Bei Alfred Schmela, dem bedeutenden Düsseldorfer Galeristen, hatte er seine ersten Auftritte.

"Den Himmel von oben sehen"

Sammelbecken der jungen Szene in dieser Umbruchszeit war die 1958 von Otto Piene und Heinz Mack ins Leben gerufene Gruppe ZERO. Drei Jahre später stieß Uecker dazu. Es war nicht nur für ihn ein Schritt in die Internationalität. Die "Nouveau Réalistes" in Frankreich, die Kinetiker in Italien und ZERO in Deutschland arbeiteten gemeinsam an einer Öffnung künstlerischer Praxis in die Wirklichkeit hinein. Kunst sollte keine Grenzen mehr kennen, genauso wie die Wirklichkeit keine Grenzen mehr kennen sollte. Das Weltraumfieber hatte alle angesteckt. Die Auflösung der Bilder ins Immaterielle, in die Ungreifbarkeit reiner Optik oder die Gedanklichkeit utopischer Entwürfe ging einher mit der Begeisterung für eine Technik, die dies alles ermöglichen sollte. Eine solche Kunst liefert immer auch Modelle. Oder, wie Uecker 1962 schrieb: "Das Licht wird uns fliegen machen, und wir werden den Himmel von oben sehen."

Die Auflösung der Bilder ins Immaterielle bedeutet eine spezielle Sensibilität für die Materialität der Dinge, und vielleicht liegt hierin die Hinwendung Ueckers zu allem Naturhaften und Prozessualen begründet, die sein Werk insgesamt auszeichnet. Zwar hat er sich mit seinen Nagelbildern nicht weniger als ein Markenzeichen erworben. Der Vielfalt seines Oeuvres tut dies indes keinen Abbruch, und speziell dieser Vielfalt ist die umfassende Werkschau Ueckers gewidmet, in der sich drei Berliner Ausstellungshäuser zu Ueckers 75. Geburtstag zusammengetan haben. Zwanzig Kapitel heißt die Schau. Deren neunzehn werden im Martin-Gropius-Bau gezeigt, das zwanzigste in der Neuen Nationalgalerie, und der Neue Berliner Kunstverein schließt sich an mit einer Retrospektive von Ueckers Aquarellen.

Hommage

Die Ausstellungstrias ist eine verdiente Hommage. Eine Hommage an einen der wichtigsten Künstler der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Einen Künstler, dessen gesamtdeutsche Identität erst mit der Wiedervereinigung wahrgenommen worden ist. Einen Künstler schließlich, der vielleicht der erste in Deutschland war, der eine vollendet internationale Statur besaß.

Günther Uecker: Zwanzig Kapitel. Hg. vom Neuen Berliner Kunstverein, Alexander Tolnay; Hatje Cantz, Ostfildern, März 2005; 200 Seiten, 39,80 €, ISBN 3-7757-1584-3.
Dr. habil. Rainer Metzger
ist Kritiker und Autor und unterrichtet an der Kunstakademie Karlsruhe

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März 2005

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