Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Katharina Fritsch – Tanz auf der Muse

Tischgesellschaft, 1988, Polyester, Holz, Baumwolle, Farbe, 1600 x 175 x 140 cm

Katharina Fritsch Tischgesellschaft, 1988, Polyester, Holz, Baumwolle, Farbe, 1600 x 175 x 140 cm; Museum für moderne Kunst, Frankfurt am Main; Dauerleihgabe der Dresdner Bank, Frankfurt © VG Bild-Kunst, Bonn, 2011Es ist ein geglücktes Revival in mehrfacher Hinsicht. Eine Einzelausstellung mit der in den Neunzigerjahren gefeierten deutschen Bildhauerin Katharina Fritsch war längst überfällig. Doch nicht nur ihre bekanntlich streng gemaßregelten Skulpturen sind im Kunsthaus Zürich präsentiert. Fritsch überrascht mit koketten Perspektiven auf ein neues Rokoko.

Vereinzelt sieht man ihn noch vor Gasthäusern in der Schweiz stehen: Die menschengroße Figur eines Kochs, der möglichen Gästen in serviler Dienerstellung seine Hausmannskost auf einem Teller darbietet – alles in Kunststoff, versteht sich. Nach dem 2. Weltkrieg mag so ein Türsteher noch Vertrauen erweckt haben, heute denkt man dabei eher an tranige Frittiertküchen. Katharina Fritschs Koch ist ein besonders pikantes Exemplar: Ganz in mit Weiß aufgemischtem Hellgelb gehalten, wirkt er wie ein Abgesandter aus der geschmackverstärkten Kochzeiten von Maggi & Co. Die deutsche Bildhauerin benutzt das Schweizer Aushängeschild vormaliger „Esskultur“ als heiteren Köder für ihre Übersichtsausstellung in der Kunsthalle Zürich. Und mit dieser Instantfigur aus einem plastischen Guss ist man schon mitten in dem von vorgefertigten Objekten abgeleiteten Typenkosmos von Katharina Fritschs Kunst. Die 1956 geborene Künstlerin sucht seit jeher in der Warenwelt nach den Devotionalien einer längst verblühten Kultur. Dazu gehörten in der Vergangenheit ganze Batterien von Madonnen, schwarze Polyester-Panther und Wühltische mit bedruckten Stoffaschentüchern. Allerdings waren ihre Skulpturen so gut wie nie originalgetreue Abformungen eines bereits existierenden Industrieprodukts, sondern vielmehr raffinierte Mutationen mit hohem gesellschaftlichem Erinnerungspotential.

Konsequent und leichthändig

Nach fundierten Einzelausstellungen in den Neunzigern und spektakulären Auftritten im öffentlichen Raum wie bei den Skulptur Projekten in Münster 1997 war es um Katharina Fritsch eine Weile etwas ruhiger geworden. Umso erfreulicher, dass der mit äußerster Präzision vorgehenden Bildhauerin letztes Jahr der begehrte Piepenbrock-Preis für Skulptur (Preisgeld 50.000 Euro) verliehen wurde. In der Kunsthalle Zürich kann man nun erleben, wie konsequent und doch auch ungewohnt leichthändig Fritsch ihre bisherigen Maximen einer quasi handschriftlosen Bildhauerei fortgeführt hat. Fritschs Skulpturen sind nach wie vor von einer irritierend auratischen Präsenz. Irritierend deshalb, weil die Arbeiten durch ihre Makellosigkeit eine überweltliche Kühle atmen. Obwohl es sich also um vermeintlich vertraute Abkömmlinge aus unserer Konsumgesellschaft handelt, laden sich die Figuren, Tiere, Madonnen mit einem schwer dechiffrierbaren Mythos auf. Einerseits werfen finstere Arbeiten wie die Tischgesellschaft und der Rattenkönig einen Blick zurück in jene Werkphase, als Fritsch die Angsthohlräume unseres kollektiven Gedächtnisses mit mechanisch reproduzierten Ungetümen besetzte. So ist gerade die Tischgesellschaft (1988) eine Antwort auf den Tod des Autors oder sogar des Individuums: An einem Tisch sieht man einen schwarzhaarigen „Mann ohne Eigenschaften“ in Gesellschaft seiner 32-fach multiplizierten Gestalt sitzen. Entsprechend trost- und kommunikationslos starren die Kunststoffkameraden aus leeren Augenhöhlen auf ihre genormt auf der Tischdecke aufliegenden weißen Hände. Eine nach wie vor denkwürdige Arbeit in Zeiten der Gentechnik und künstlichen Befruchtung.

Ein Flirt mit dem Paris der 1950er-Jahre

Dann aber schwingt sich Fritsch in den jüngeren Arbeiten zu einer verblüffend koketten Tändelei mit manieristischen Vorbildern auf, die dem Souvenirhandel entsprungen scheinen. Im Zentrum steht eine babyrosa eingefärbte Frauenfigur mit Sonnenschirmchen, die phänomenale Frau mit Hund von 2004. Ihre Rockschöße stehen derart frivol von der spindeldürren Taille ab, als würde die komplett aus Muschelformen montierte Dame eine Rokoko-Pirouette drehen. Auch ihr vorgeblicher Hund ist im Grund eine aus Muschelschalen gestaltete Arabeske am Boden. Und an der Decke schweben 32 Regenschirme wie schwerelose Luftballons. Ein seltsamer Flirt mit dem Paris der 1950er-Jahre weht durch den Raum. Auf Plakatgröße vergrößerte und auch lithografisch verwässerte Pariser Postkartenmotive wie der Eiffelturm zieren die Wände. Es sind reaktivierte Erinnerungen an ihre Kindheit, die Fritsch auf plastische Größe trimmt. Sie zeigt, dass man durchaus auch einen Tanz auf der leichten Muse wagen kann, wenn die Schritte gekonnt durchgeführt sind. Die frühere Aussichtslosigkeit auf eine autistisch in sich selbst zirkulierende Gemeinschaft ist passé. Auch das Reglement der vorher nach Zahlen und strikten Maßverhältnissen angeordneten Installationen hat Fritsch etwas gelockert. Schön, wenn sie mit ihrer tänzerischen Vision recht behielte und tatsächlich etwas Pariser Flair in die Welt einzieht. Schließlich offenbarte selbst die Tischgesellschaft erst zehn Jahre nach ihrer Entstehung ihre volle bittere Wahrheit.

Katharina Fritsch, 2008 Foto: Inez van Lamsweerde und Vinoodh MatadinAusstellungen
Kunsthaus Zürich
bis 30. August 2009
Katalog: CHF 48.–

Deichtorhallen Hamburg
6. November 2009 bis 7. Februar 2010
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für die art und NZZ sowie als Lektorin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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