Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Im Auge des Betrachters

Der Fotograf Wolfgang Tillmans

Aufnahme und Ausnahme liegen bei Wolfgang Tillmans eng beisammen: Als erster Fotograf und als erster Nicht-Brite hat er den renommierten Turner Preis gewonnen. Als Deutscher in London lebend stellt er gegenwärtig in der Tate Britain aus – dem traditionsreichen Museum, das Britischer Kunst gewidmet ist.

Wolfgang Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, erhebt den Augenblick zum Ausdruck und macht das Private zur Kunst. Nach dem Abitur zog es ihn von Remscheid über Hamburg nach London. Als Erfinder der „snapshot-aesthetic“, die Fotografien wie amateurhafte Schnappschüsse aussehen lässt, machte er als kommerzieller Fotograf für Zeitschriften wie i-D, The Face oder Interview Kariere. Seine Bilder aus der Club- und Festival-Szene, der er selbst angehörte, ließen ihn als Chronisten seiner Generation schnell bekannt werden. Mit dem Arrangement von 57 seiner Fotografien in der Tate Britain gewann der Künstler in Jahr 2000 den Turner Preis für Gegenwartskunst und damit internationale Anerkennung.

Die Schönheit des Augenblicks

Auf Tillmans frühen Bildern sind oft Freunde und Bekannte zu sehen. Der gelebte Moment wird öffentlich gemacht, was intime Augenblicke mit einschließt. Die scheinbare Spontaneität des Augenblicks trügt allerdings: Die “Schnappschüsse” sind in Wirklichkeit sorgsam komponiert, vielleicht wieder empfundene oder gefundene Momente. Jedes Bild ist durchdacht und fast abstrakt gestaltet und scheint paradoxer Weise doch wie ein flüchtiger Moment. Dies bewirkt, dass die Sichtweise nie voyeuristisch ist. Wolfgang Tillmans verrät seine Objekte nie.

Tillmans spart kein Motiv und kein Format aus: Supermodels, huschende Mäuse auf den U-Bahn Gleisen oder Früchte auf der Fensterbank. Alles, was sein Auge anzieht, fotografiert er, alles ist gleichwertig, immer geht es um die Schönheit des Augenblicks. So stehen sich in Deer Hirsch, 1995, ein Mensch und ein Hirsch gegenüber, der neugierige Kontakt zwischen Mensch und Tier ist geprägt durch Sprachlosigkeit, spielerisch hilflos imitieren die Hände die Form des Geweihs. In der ständigen Suche nach dem perfekten Augenblick ist Tillmans im Ansatz Henri Cartier-Bresson näher als dem strengen Dokumentarstil von Bernd und Hilla Becher. Allerdings unterscheidet er sich vom ersteren darin, dass er seine Kamera nie versteckt und seine Arbeitsweise die Abgebildeten immer mit einbezieht.

In neueren Werken, wie etwa Icestorm, 2001, verfremdet Tillmans seine Werke zusätzlich durch chemische Manipulationen während des Entwicklungsprozesses. Auf einem giftig gelben Himmel hängen Farbflecke wie rote Blutspritzer über den zerstörten Bäumen und steigern so die Dramatik des Naturereignisses. In anderen Werken geht Wolfgang Tillmans hierüber sogar hinaus und bearbeitet das Fotopapier direkt in der Dunkelkammer; das Resultat sind seltsam schöne abstrakte Bilder, die rätselhaft verschleiert wirken.

Kreuz und Quer

Tillmans klebt oder nagelt seine Fotos ungerahmt kreuz und quer an Galeriewände, wie ein buntes Mosaik oder ein Flickenteppich. Hiermit schafft er an der Wand Beziehungen und Querverweise zwischen den Bildern, die in der Installation eine neue räumliche Dimension erhalten und zum Gesamtkunstwerk werden. Es ist eine bewusste Abwendung von der gängigen Ausstellungstechnik, bei der Fotografien in Reih und Glied gerahmt auf Augenhöhe hängen.

Die Gleichwertigkeit der Motive und Formate ist auch das Motto der Ausstellung “If one thing matters, everything matters” in der Tate Britain (6. Juni – 14. September 2003). Fotografien jeder Art und Größe werden gezeigt, durch sieben Räume folgt der Besucher Tillmans’ Bildern und Assoziationen. Für den gleichzeitig erschienenen Werkkatalog wählte Tillmans über 2.300 Werke aus seinem Privatarchiv aus, die alle im gleichen Format gedruckt wurden.

Gegen Ende der Ausstellung in London führt Light (Body), 2000 – 2, die erste Videoinstallation des Künstlers, noch einmal zu Tillmans Anfängen zurück. Reflektierende Spiegel und drehende Discobälle, Musik und Lichtsäulen verweisen auf Tillmans frühe Wurzeln in der Clubszene und gleichzeitig auf die Grundelemente der Fotografie: Spiegelung, Licht und Schatten. Nur Tillmans Medium hat sich geändert, seine Kamera ist mobil geworden, der Besucher wird zum Teil der Installation.

Zur Retrospektive in der Tate Britain erscheint ein von Wolfgang Tillmans selbst zusammengestelltes Werkverzeichnis: Wolfgang Tillmans, If one thing matters, everything matters (Tate Publishing, ISBN 1854374850, £ 29.99). Die deutschsprachige Ausgabe ist im Hatje Cantz Verlag erschienen (ISBN 3775713271, € 44,-). Eine Werkübersicht in Englisch, Französisch und Deutsch ist 2002 auch im Taschenverlag erschienen: Wolfgang Tillmans, Taschen Deutschland (ISBN 3-8228-1984-0,
€ 14.99).

Kathrin Dressler
ist freie Autorin

online-redaktion@goethe.de
Juni 2003

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