Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Regina Schmeken - Ausstellung: Die neue Mitte - Fotografien 1989 – 2000

Bretagne, April 1994; Copyright: Regina SchmekenDie Balance zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Staatsakt und intimem Zusammensein, zwischen historischem Ereignis und Alltagsbeobachtung – die Künstlerin Regina Schmeken beherrscht sie in ihren Fotografien perfekt.

Ihre "Sicht ist poetisch, gelassen, lakonisch, mitunter melancholisch. Bei aller gewissermaßen mediterranen Leichtigkeit verlässt sie ihr politisch-sozialer Scharfblick in keinem Moment", so der damalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei der Eröffnung der Ausstellung Die neue Mitte im Oktober 2001 in Berlin.

Konzentrische Kreise - Auf der Suche nach der Mitte

Ein weißer Balken aus Helmen verläuft durch die Mitte des Bildes. Er trennt die im Vordergrund marschierenden Soldaten der Fremdenlegion in Ausgehuniformen von den Politikern im Hintergrund. Aufgenommen in Frankreich 1995 bei der Parade zum 50. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges, ist das Bild Teil der Ausstellung Die neue Mitte – Fotografien 1989 - 2000, die im Rahmen einer Welttournee auch im German Embassy Information Centre in London zu sehen war. Der Ort hätte kaum besser gewählt sein können – die Klassizismusvilla im Zentrum von London war vor der Wiedervereinigung der Sitz der Vertretung der DDR in Großbritannien. Politik, Geschichte und Kunst liegen hier eng beisammen – wie auch in der Ausstellung selbst, die sich auf die Suche der „neuen Mitte“ macht, dem Slogan, mit dem die politische Landschaft in Deutschland nach der Wiedervereinigung gerne beschrieben wird.

Schwarz auf Weiß

Seit über 25 Jahren beschäftigt Regina Schmeken sich mit Schwarzweißfotografie - zunächst als frei schaffende Künstlerin, seit 1986 auch als Fotografin für die Süddeutsche Zeitung. Ihre lange Erfahrung mit der Fotografie als künstlerischem Medium und die daraus resultierende Sicht der Dinge bringt sie ein in ihre Arbeit für die Tageszeitung. Die Bilder der „neuen Mitte“ sind scheinbar mühelos ohne aufwändige Technik und Beleuchtung entstanden. Regina Schmeken bearbeitet jedoch die Vergrößerungen nach allen Regeln der fotografischen, der „schwarzen“ Kunst.

Die zwischen 1989 und 2000 entstandenen Arbeiten spüren den unterschiedlichen Facetten der viel beschworenen „neuen Mitte“ nach. In der Ausstellung zeigt die Fotografin den Regierungswechsel oder den Bundeskanzler mit internationalen Kollegen und erspürt bei den viel Fotografierten und Mediengeschulten noch jene Momente, in denen eine Balance zwischen privatem und öffentlichem Gesicht entsteht. Bundespräsident Herzog vor dem Spiegel etwa oder Außenminister Joschka Fischer, der 1998 bei der ersten Sitzung des neuen Kabinetts im Ministerledersessel zu versinken scheint.

Spiegelbilder

Das Spiel mit den Gegensätzen setzt die Fotografin auf der Ausstellungsebene fort, indem sie Bilder aus verschiedenen Jahren und von unterschiedlichen Subjekten gegenüberstellt, Zeit und Raum außer Acht lässt und neue Zusammenhänge schafft. Schmeken nimmt die Bilder gleichsam aus dem Kontext – ihre Kunst besteht darin, den Zuschauer aus dem Tagesgeschehen wegzuführen hin zum historischen Moment. Die so geschaffenen Zusammenhänge ermöglichen der Künstlerin in einen Dialog mit ihrem Publikum zu treten, erlauben ihr Kommentar und leise Ironie.

Das alte Jahrmarktskarussell aus der Jahrhundertwende auf dem Oktoberfest in München 1991 ähnelt erstaunlich der neuen Reichstagskuppel 1999 in Berlin. Übergroß zeigt der Arm des Bundeskanzlers Gerhard Schröder 2000 nach rechts, nonchalant weist ein Gipsarm im Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke 1991 nach links, über die Gipsköpfe der Herrscher aus der Antike, und lädt zur Reflexion über Zeit und Machthaber ein.

So breitet der amerikanische Präsident Clinton seine Arme weit aus, um Schröder beim Weltwirtschaftsgipfel in Köln 1999 zu begrüßen. Mit tänzerisch ausladender Geste und wehendem Jackett nimmt Clinton die politische Bühne ein. Schmeken kontrastiert dies mit einem Bild von einer Pariser Modenschau 1993 – auch hier dominiert wehende Kleidung, nehmen die ausgebreiteten Arme das Zentrum des Laufstegs ein. Die Choreografie ist die gleiche, das Showhaftige wird aufgedeckt.

Breitengrade

Dass diese „neue Mitte“ aber mehr ist als ein politischer Slogan im wiedervereinten Deutschland, dass sie auch eine geo-politische Veränderung umschreibt, die Deutschland vom Rande „Westeuropas“ auf einmal in die Mitte katapultiert hat, zeigt die Autorin in Bildern aus dem Kosovo und Bosnien nach dem Krieg. Besonders eindrückliche Portraits gelingen ihr von Künstlern und großen Persönlichkeiten, wie das des Geigers Yehudi Menuhin, des Philosophen Hans-Georg Gadamer und des Schriftstellers Günter Grass.

Ein weißer Plastikstuhl, wie er sich in unzähligen Gärten und Cafes Europas befindet, steht einsam in der Mitte auf einem Acker in der Bretagne, am westlichen Rand Europas. Die geschaffene Ordnung wird durch die dunklen Wolken bedroht, die sich am Horizont auftürmen. Ein fragiler und berührender Moment. Die Mitte, so scheint es, ist ein Überall und Nirgendwo.

Die Ausstellung wird von verschiedenen Goethe-Instituten weltweit präsentiert, so u.a.

  • Dakar (November/Dezember 2006)
  • Sao Paulo (Dezember 2006/Januar 2007)
  • Accra (Januar 2007)
  • Quito (Februar 2007)

Bitte erkundigen Sie sich bei Ihrem Goethe-Institut vor Ort nach weiteren Terminen.
Das Goethe-Institut gibt einen Katalog zur Fotoausstellung unter dem Titel Regina Schmeken, Die neue Mitte Fotografien 1989 – 2000 heraus.

Der Begleitband Regina Schmeken: Die neue Mitte - Deutschland 1989-2000 erschien im Knesebeck Verlag München, ISBN 3-89660-091-5, 68,00 €.
Kathrin Dressler
ist Kunsthistorikerin und freie Autorin Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Oktober 2006

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