Im Fluss – Rosemarie Trockel in Basel und Zürich


Nicht von ungefähr ist sie Deutschlands renommierteste Künstlerin. Rosemarie Trockel gelingt in ihrem über verschiedene Medien schlingernden Werk eine immer komplexere Gratwanderung zwischen Abstraktion und Einfühlung. In Basel und Zürich sind jetzt parallel die ebenso rätselhaften wie schönheitlichen Facetten ihrer Kunst zu bestaunen.
Es waren vor allem maschinell produzierte Strickbilder, die entscheidend ihren heutigen Weltruhm befördert haben. Rosemarie Trockel wusste das vorherrschend Gestrickte, Gebastelte, Handarbeitliche der Frauenkunst in den 1970er-Jahren mit aller konzeptuellen Schärfe, aber auch feinsinniger Ironie gegen den Strich zu bürsten. Der seinerzeitige Beigeschmack des Hausbackenen der angewandten weiblichen Kreativität, aber auch der oft an das Heim gebundenen Tätigkeiten von Frauen in den deutschen Wirtschaftswunderjahren flossen ex negativo in die Zeichensprache ihrer Bildwerke ein.
Rosemarie Trockel gestand vor Jahren einmal in einem Gespräch, dass ihr in Studienzeiten die Strickmanie der meist bekennend alternativen Kommilitoninnen ziemlich auf die Nerven gegangen sei. Und so steuerte sie der unter Künstlerinnen verbreiteten „Häkelware“ mit seriell Produziertem und intellektueller Süffisanz entgegen.
Verstrickungen
Einseitig wird die 57-jährige Künstlerin mittlerweile auf ihre leicht wiedererkennbaren Bildikonen sowie eine angeblich vorrangig feministische Mission reduziert: auf die rapportartig mit Logos wie Playboyhäschen oder Hammer und Sichel gemusterten Strickbilder vor allem. Oder auf die wie Spielwürfel mit Augen versehenen Herdplatten-Tableaus, in denen Trockel zugleich subversiv auf die allein von männlichen Strategen beherrschte Minimal Art anspielt. Dabei ist Trockels Werk seit ihrem internationalen Durchbruch Mitte der Achtziger mehr und mehr zu einem komplexen Vexierrätsel zwischen Abstraktion und Intuition, Konzept und Willkür mutiert. Sie ist nicht nur Deutschlands renommierteste Künstlerin, sondern auch eine der medial Experimentierfreudigsten.Wie sehr sich das Werk seit rund 20 Jahren philosophisch wie formal bis in psychoanalytische, filmische oder literarische Richtungen verästelt, zeigen jetzt zwei Ausstellungen in der Schweiz. Während sich das Kunstmuseum Basel ganz auf das mittlerweile immens gewachsene zeichnerische Werk konzentriert, bietet Rosemarie Trockel in der Kunsthalle Zürich mit teils erst vor Ort entwickelten Installationen alle möglichen Verführungskünste auf, um die Besucher in ihre zwischen dem Unbewussten und Kognitiven hin- und herschlingernden Pfade zu „verstricken“.
Der Zufall und das Fehlerhafte
Verflüssigung der Mutter hat Trockel ihre Zürcher Ausstellung genannt und nimmt damit in gewohnter Ironie das in die Gebärmuttergefilde verlegte Thema weiblicher Befindlichkeit auf. Gerade in der Hippie-Ära sei selbst an den Universitäten das Fraulich-Mütterliche zu demonstrativ herausgekehrt worden, sagte sie einmal. Gleichzeitig aber beschwört Rosemarie Trockel mit dem Titel ihre eigene Vorgehensweise: „Ich bin ständig in der Arbeit, fotografiere und manchmal suche ich konkret Materialien. Es gibt schon Zyklen, aber meist finde ich Dinge. Es setzt sich etwas fest und wird wieder flüssig.“Keramiken
Der Eingangssaal im Kunsthaus ist von vermeintlich modernistischen Sofas in Weiß besetzt, die entgegen ihres ledern soften Charakters aus Keramik respektive gleichfalls beinhartem Acrystal geformt sind. Mit gigantischen Keramiken an der Wand führt Trockel ihren Exkurs in die gebrannte Erdmaterie fort. Wie blutige Fleischlappen, aufgeworfene Lavamasse oder silberne Aureolen geformt, suggerieren die phänomenal auratisch glasierten Objekte eine aus der Façon geratene Körperlichkeit.Seit geraumer Zeit beschäftigt sich Trockel intensiv mit dem Material Keramik, das aufgrund des kunsthandwerklichen Hautgouts in der zeitgenössischen Kunst lange verpönt war. Laut eigener Auskunft bearbeitet sie die widerständigen Tonklumpen mit dem Einsatz ihres ganzen Körpers. Der Zufall und das Fehlerhafte haben wie auch bei den jüngsten von Laufmaschen durchwirkten Wollbildern in Trockels Ästhetik einen hohen Stellenwert.
Zwei Schaukästen demonstrieren gleich einer sehr persönlich gehaltenen Wunderkammer bizarre Fundstücke und oft nicht minder befremdliches Trockelsches Machwerk. Retrospektiv ist diese Zürcher Ausstellung, obwohl sich nur eine einzige Herdplatte findet und auch sonst nur singuläre Arbeiten aus älteren Zyklen. „Es gibt Signifikanten, die immer wieder in Trockels Werk auftauchen“, sagt die Kuratorin Beatrix Ruf. Designerische Glätte und morbide Züge an ihren Skulpturen bringen die Pole des einerseits Konstruierten und andererseits Amorphen in ein produktives Spannungsverhältnis.
Schläfer und Träumer
Ein weiteres Kontrastpaar ist das Private und Öffentliche, welches sich insbesondere in der wie ein Wartesaal arrangierten Eingangshalle offenbart. Auf einem Sofa lauert das collagierte Bildnis eines Südländers mit geschlossenen Augen. Dieses Bild stellt eine schöne Brücke zu Trockels Papierarbeiten in Basel dar, denn auch dort im Kunstmuseum kommen einige Schlafende oder Träumende zum Vorschein. Trockel verweigert sich per se eindeutigen Interpretationen. Unbestreitbar aber gesteht sie dem Einbruch des Unbewussten immer größeren Raum zu. Auch auf die Gefahr hin, dass sich nicht nur so etwas wie Poesie einstellt, sondern die Dinge und Figuren ihre Wunden, Schattenseiten oder Brutalitäten hervorkehren. Kultur – so Trockels Credo – dient nicht zuletzt zur Domestizierung unserer Triebe.Basel: „Rosemarie Trockel: Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe“, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, 30. Mai bis 5. September 2010. Zürich: „Rosemarie Trockel: Verflüssigung der Mutter“, Kunsthalle Zürich, 8. Mai bis 15. August 2010
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin „art“ sowie als Lektorin.
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin „art“ sowie als Lektorin.
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Juli 2010
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