Michael Schmidt – Lebensmittel


Vom 4. März bis 13. Mai 2012 zeigt das Museum Morsbroich Michael Schmidts Serie „Lebensmittel“: Fotografien ohne jede Form der Anklage oder persönlichen Betroffenheit, aber voll glasklar sezierender Schärfe.
Ein knackig grüner Apfel, die hässliche Front einer Fabrik, ein abgeerntetes Rübenfeld, die prallen Euter einer Kuh, eine ausgebeutete Felderlandschaft unter tiefgezogenem Horizont, der Rücken einer Bäuerin gebückt bei der Ernte, geschichtete Wurstscheiben mit Speckstückchen, eine Obstplantage hinter einem Drahtzaun.
Derlei Sujets, herausgegriffen aus einer Serie von 121 Fotos gleichen Formats füllen paarweise, zu Gruppen oder langen Reihen gehängt, sämtliche Ausstellungsräume von Schloss Morsbroich. Unter die schwarzweißen Fotografien mischen sich nur wenige Farbfotos: einen Zusammenhang zu finden, scheint da zunächst nicht ganz einfach.
Der Ausstellungstitel Lebensmittel stellt das heterogene Material in einen thematischen Zusammenhang. Zwischen 2006 und 2010 ist Michael Schmidt quer durch Europa gereist, um Produktion, Verarbeitung, Konfektionierung und Präsentation von Lebensmitteln zu fotografieren.
Film zur Ausstellung im Museum Morsbroich
Diktat der Konzerne
Mit dem Thema Ernährung nimmt Schmidt eines der essenziellen Probleme gegenwärtiger Gesellschaft ins Visier: nämlich, wie sehr Mensch, Tier und Natur dem Diktat der Konzerne ausgesetzt sind, sie als Arbeitskraft, in Zuchttierhaltung und als Ressource ausgebeutet werden. Jeder Mensch weiß um die Problematik von Massenproduktion, resigniert aber im Gefühl der Machtlosigkeit dem Phänomen gegenüber. Schmidt klagt nicht an, sondern legt offen. Dabei wahrt er die Anonymität des gesamten Herstellungs- und Vermarktungsprozesses, indem er jeden Hinweis vermeidet, mit dem der Betrachter etwa auf Land, Ort oder gar Verursacher schließen könnte. Umso weitreichender ist der Befund.

Jedes einzelne Foto ist von eindringlicher Prägnanz, häufig ist gezielt nur ein bestimmter Ausschnitt eines Objekts zu sehen. Nah- und Fernsicht wechseln. Der arbeitende Mensch wird mit Respekt behandelt; er erscheint ohnehin nur selten im Bild, was dem Verhältnis von personeller zu maschineller Arbeit zweifellos entspricht.
„1 + 1 = 3“
Der Wert von Dokumentarfotografie liegt zumeist in der über die reine Wiedergabe des Realen hinaus weisenden sozialkritischen Bestandsaufnahme, etwa bei Robert Frank oder Manuel Rivera-Ortiz. Der Methode eines Walker Evans setzt Schmidt seinen subjektiven Blick entgegen. Dies wirkt sich verstörend auf den Betrachter aus, sobald er die Fotos in ihrer Abfolge, in dem Nebeneinander gegensätzlicher und doch aufeinander ausstrahlender Inhalte in sich aufnimmt.
Um die Wechselwirkung der Bilder untereinander zu nutzen, wendet Schmidt seit langem die Methode an, ein Thema in fotografischen Serien zu behandeln. Dementsprechend lautet seine lapidare Behauptung „1 + 1 = 3“, was bedeutet, dass sich durch das Nebeneinander mehrerer Fotos deren Aussage potenziert. „Zwei Bilder treten in eine Kombination oder Argumentation, und daraus ergibt sich ein drittes Bild“, sagt Schmidt. „So dass, wenn du viele Bilder siehst, irgendwann ein anderes Bild in dir entsteht als jenes, das du objektiv wahrnimmst.“
Dabei kann die Anordnung der Fotos durchaus geändert werden, wenn es eine Räumlichkeit nahe legt. Daher trifft der Begriff der „Folge“, der eine festgelegte Reihung verlangt, für Schmidts Arbeitsweise nicht zu; andererseits ist für den inhaltlichen Zusammenhang auch das Wort von der „Serie“ zu schwach. Vielmehr hat die gesamte Arbeit durchaus Merkmale eines Zyklus, weil jedes Bild das zentrale Thema um einen besonderen Aspekt bereichert und das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
Die Gesamtkomposition ist wichtig
Der 1945 in Berlin geborene und auch heute dort sowie in Schnackenburg lebende Schmidt ist durch seine kritischen Serien Waffenruhe (1985–1987), Ein-heit (1991–1994), Frauen (1997–1999) und Irgendwo (2001–2004) bekannt geworden. Hier nun hat er erstmalig die Schwarzweißfotografie mit ihrer fein nuancierten Palette an Grauwerten um einige farbige Fotos bereichert, was der Ausstellung markante Akzente setzt.

Eine grüngelbe, sorgfältig in eine weiße Papierkrause gehüllte Papaya könnte in ihrer porträthaften Präsenz von Christopher Williams stammen. Aber jedes weitere Foto zeigt ganz andere fotografische und inhaltliche Qualitäten, so dass eine anregende, wenn nicht gar aufregende Gesamtkomposition entsteht. In dieser gibt es Schnittpunkte, Akzentsetzungen, Wiederholungen, teils mit minimalen Veränderungen. Es gibt Verkürzungen und Dehnungen von Motiven und auch Umkehrungen, wenn die beiden Hälften eines Fotos vertauscht nebeneinander hängen.
Diese Vielfalt sensibilisiert den Betrachter sowohl für die brisante Thematik als auch für ihre mediale Darstellung. Die Fotos sind oben und unten in schmale Metallleisten gefasst, eine ästhetisch überzeugende neuartige Methode der Rahmung. Sie betont die horizontale Reihung und stärkt den Bewegungsfluss.
Das Buch als Kunstwerk
Michael Schmidt hat der Ausstellung ein großformatiges Buch mit sämtlichen 177 Fotos beigesellt. Das Bilderbuch ist ohne Kommentar oder Text ausschließlich den Fotos gewidmet.
Natürlich verlangt ein Buch eine ganz andere Gliederung als eine Darstellung im Raum. Da der Betrachter hier nicht mehrere Aufnahmen gleichzeitig in den Blick nehmen kann, kommt der einzelnen Abbildung innerhalb ihrer Abfolge ein besonderes Gewicht zu; durch die Nähe zwischen Betrachter und Buch ist seine Wirkung noch intensiver. Leere Seiten schaffen Atempausen und rhythmisieren den Ablauf.
Als Buch ist Lebensmittel der Fotoserie als ein Kunstprodukt gleichgestellt, es ist in einer Auflage von 1.000 Exemplaren erschienen, während die Fotos als Edition von fünf Exemplaren plus einem Artist’s Proof (AP) angeboten werden.
Vorbild für junge Fotografen
Die Stärke der Lebensmittel-Serie besteht vor allem darin, dass Schmidt jede Form der Anklage oder persönlichen Betroffenheit zurücknimmt zu Gunsten einer glasklar sezierenden Schärfe; ihre Interpretation ist dem Betrachter übertragen. Dennoch ist bei aller Sachlichkeit das Ethos eines wachsamen, kritischen Beobachters stets spürbar. Und dies ist es wohl, was die Arbeit von Michael Schmidt für Fotografen der jüngeren Generation zum Vorbild macht.
arbeitet als Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin in Aachen.
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Copyright des Fotografenporträts und der Ausstellungsansichten: Burkhard Maus
April 2012
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