Kunstsparten: Medienkunst, Malerei und Fotografie in Deutschland

Malerei in Deutschland im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts

Eine Besucherin der  Ausstellung `Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen´  im Museum Frieder Burda in Baden-Baden betrachtet das Gemälde `Schädel mit Kerze´ (1983). Cop: picture-alliance/ dpaDas 20. Jahrhundert ist gekennzeichnet von regelmäßig wiederkehrenden Behauptungen des „Todes“ der Malerei. Und so ist die kontinuierliche Wellenbewegung, in der Malerei zeitweise als äußerst populär und dann wieder als rückständig gilt, nicht ungewöhnlich.

Schon seit den 1920er-Jahren ist die Entscheidung, Malerei zu betreiben, immer auch eine Entscheidung gegen eine sich als avantgardistisch gerierende Theoriebildung gewesen. Verschiedene Künstler wie Marcel Duchamp, Kasimir Malewitsch oder Alexander Rodtschenko behaupteten zwischen 1915 und 1925 das Ende der Malerei – dennoch wurden im 20. Jahrhundert so viele Bilder gemalt wie nie zuvor in der Geschichte.

Das Atelier des Künstlers Anselm Kiefer in Barjac (undatiertes Foto). Copyright: picture-alliance/ dpa Eine Ausstellungsbesucherin geht in Düsseldorf am Werk `Zehn große Farbtafeln´ des Maler Gerhard Richter vorbei. Copyright: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Von den konzeptuellen Positionen zu den jungen Wilden

Die späten 1970er-Jahre waren eine ungünstige Zeit für gegenständlich darstellende Maler. Es dominierten konzeptuelle Positionen: so malte Gerhard Richter flächige graue Bilder, andere eher figurativ malende Künstler, die heute zu den Grandseigneurs der Gattung zählen – Georg Baselitz, Sigmar Polke, Anselm Kiefer – galten dagegen als Außenseiter. Am Ende des Jahrzehnts begannen junge Künstler sich dennoch mit sinnlicher Verve auf eine figürliche Malerei zu stürzen. In Berlin waren das unter anderem Salomé, Reiner Fetting und Helmut Middendorf aus der Klasse von K. H. Hödicke, in Köln die Mülheimer Freiheit um Walter Dahn und J. G. Dokoupil.

Die große Ausstellung A New Spirit in Painting 1981 in der Londoner Royal Academy half dabei, den Trend zur Malerei in ganz Europa durchzusetzen. Das Buch Hunger nach Bildern (1982) von W. M. Faust und G. de Vries förderte den Boom der neoexpressiven Malerei in Deutschland am Beginn der 1980er-Jahre. Mit Ausnahme einer ab ungefähr 1984 lancierten, kurzlebigen Gegenbewegung unter dem Motto Neo Geo war die Malerei der jungen Wilden der letzte Trend innerhalb der Malerei, der als kohärenter Stil vermarktet werden konnte.

Ausstellung des Künstlers Georg Baselitz, `Zero für den Maler´, sieht sich diese Frau im Kunstverein in Braunschweig das Werk `Der Raucher im Frühling´ an. Copyright: picture-alliance/ dpa Reichtagskunst,  Berlin-Tiergarten; Ein Leuchtkasten der Installation von Sigmar Polke im Westportal des Berliner Reichstags. Copyright: picture-alliance / Berliner_Zeitung

Abschied von der Darstellung der Welt

Die durchaus zahlreichen Maler in Deutschland sind seit Mitte der 1980er-Jahre in konzeptueller Hinsicht weitgehend auf sich selbst gestellt, und es bestehen zahlreiche Personalstile nebeneinander. Künstler wie Günther Förg, der auch als Fotograf und Raumkünstler hervorgetreten ist, verdeutlichen die Verfügbarkeit über eine ganze Bandbreite stilistischer Möglichkeiten. In seinem Werk kann man nicht mehr sinnvoll zwischen „gegenständlichen“ und „abstrakten“ Bildern unterscheiden.

Die Ausstellung Der zerbrochene Spiegel 1994 in den Hamburger Deichtorhallen schien die Gattung der Malerei ein weiteres Mal auf rein formale Fragestellungen zu beschränken und die Aufgaben der Darstellung der Welt den technischen Bildmedien zu überlassen. Unter Berufung auf den französischen Medientheoretiker Paul Virilio sollte diese Präsentation internationaler Maler belegen, dass nur noch Einzelgänger eine Chance haben und dass Bilder nichts mehr zum Verständnis der sichtbaren Welt beizutragen haben. Unter anderem sollten nach rein formalen Kriterien ausgewählte Werke von Richter, Polke, Baselitz, Förg diese Behauptung belegen.

Beschleunigte Wirklichkeitserfassung: Fotografie als Konkurrent der Malerei?

Besucherinnen im Kunstmuseum St. Gallen Malereien der deutschen Künstlerin Katharina Grosse. Copyright: picture-alliance / dpaEntsprechend verfolgen noch immer viele jüngere Künstler einen Weg der Reflektion der technischen Möglichkeiten ihres Mediums, ohne sich um die Darstellung der gesehenen Welt zu kümmern. Junge Maler wie Martin Gerwers mit seinen geometrisch anmutenden Gemälden, Corinne Wasmuht mit ihren amorphen Bildschöpfungen oder Katharina Grosse mit ihren raumgreifenden und farbintensiven Wandmalereien sind Beispiele für aktuelle Positionen einer Malerei, die nicht mehr auf einen dominierenden Stil festgelegt ist und die Gattung in verschiedene Richtungen fortentwickeln.

Der große Erfolg von Fotografen wie Andreas Gursky, Axel Hütte, Candida Höfer oder Thomas Ruff, die aus der Schule von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Akademie kamen und mit ihren Riesenformaten in direkte Konkurrenz zur Malerei traten, machte das Fehlen einer Malerei deutlich bewusst, die sich mit darstellerischen Fragen auseinandersetzte.

Zwei Museums-Besucher betrachten im Haus der Kunst in München auf der bislang größte Einzelschau über Andreas Gursky das großformatige Bild `Tote Hosen 2000´. Copyright: picture-alliance/ dpa

Boom der figurativen Malerei in den 1990er-Jahren: Zwischen Tradition und Moderne

In den 1990er-Jahren begann eine neue Generation junger Maler, sich dieser Herausforderung zu stellen. Zu ihnen gehören etwa Eberhard Havekost, Thomas Scheibitz, Franz Nitzsche oder Neo Rauch, die aus dem Osten Deutschlands stammen und in Dresden bzw. Leipzig studierten. Künstler wie Matthias Weischer oder Thomas Henniger stammen aus dem Westen Deutschlands und nutzten die Möglichkeiten der Nachwendezeit, um an Akademien der früheren DDR (Dresden, Leipzig, Halle) eine traditionellere Form der Malerei zu studieren, die an den westlichen Akademien so nicht mehr gelehrt wurde.

Eberhard Havekost. `Beauty walks a razor´s edge´; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebDie Malerei dieser jüngeren Generation setzt sich mit traditionellen Bildgattungen, aber auch mit der Veränderung unserer Wahrnehmung durch technische Medien wie Fernsehen, Video, Computer und Internet auseinander, ohne allerdings das Medium der Malerei zu verlassen. Vielmehr versuchen sie die Grenzen des in der Malerei Darstellbaren auszuloten und auszuweiten. Ihre Bilder belegen die anhaltende Faszination von Malerei und verdeutlichen, dass sich in diesem Medium immer noch neue und unverwechselbare Aussagen treffen lassen.

Die Malerei in Deutschland ist am Anfang des dritten Jahrtausends so vielfältig wie nie zuvor, theoretisch vollkommen unvereinbare Positionen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Alles ist möglich

Kay Heymer
ist Leiter der Abteilung Moderne Kunst der Stiftung museum kunst palast in Düsseldorf.

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Oktober 2004

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