Kunstwelt in Deutschland

Häufig nomadisch – Medienkunst und Globalisierung

Hartware MedienKunstVerein „World of Matter”, 2014, Woman electric engineer operator of big machines, at garage of iron mine of multinational company in Minas Gerais, Brasil, © Mabe Bethonico

Medienkunst experimentiert gerne mit modernen Kommunikationstechnologien. Diese ermöglichen nicht nur der Wirtschaft weltweite Vernetzung, sondern auch denjenigen, die sich kritisch-künstlerisch mit den Auswirkungen des Neoliberalismus und der Globalisierung auseinandersetzen.

Szene in Bewegung

Medienkünstler leben häufig nomadisch, ihre Mobilität beschränkt sich nicht allein aufs Virtuelle. Sie verlassen ihre Heimatländer um an den Hochschulen zu lernen, die sich mit Medien, Kunst und Technologien beschäftigen. Diese befinden sich bislang noch überwiegend in Europa und den USA. Beispiele sind das Massachusetts Institute of Technology (MIT), das California Institute of the Arts (CalArts), Goldsmith in England, die Rijkskademie van beeldende kunsten in den Niederlanden oder die Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln, die Bauhaus- Universität Weimar, die Universität der Künste Berlin (UDK), die staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe oder die Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.

„global aCtIVISm“ ZKM | Museum für Neue Kunst, „2.0/b.a.n.g. lab Transborder Immigrant Tool“, 2007

Schon während der Ausbildung ergeben sich häufig die ersten internationalen Kontakte und Netzwerke. Die wichtigste Motivation für die Reisefreudigkeit von Medienkünstlern sind sicherlich Projektmöglichkeiten und Jobs. In Deutschland bieten internationale Stipendien wie die des Deutsch-Akademischen Austauschdienstes (DAAD) temporäre Arbeitsmöglichkeiten. Für eine starke Mobilität der internationalen Medienkunstszene sorgen außerdem die Preise, wie der Nam June Paik Award, der Nachwuchsförderpreis für Medienkunst des Edith-Russ-Hauses oder Stipendien bei der Akademie Schloss Solitude oder des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE). Auf den Internetplattformen „Trans Artists“ und „On The Move“ gewinnt man einen guten Überblick über internationale Stipendien und Reiseförderungen.

Auch die Förderstrukturen der Europäischen Union unterstützen die Mobilität von Künstlern. Sie begünstigen länderübergreifende Kooperationen von Kulturinstitutionen oder bedingen sie sogar. Für das Kultur- und Medienprogramm Creative Europe ist in der Regel die Kooperation von mindestens drei europäischen Kulturinstitutionen notwendig. Es gibt sogar spezielle Förderbereiche für Plattformen und Netzwerke. Der interkulturelle Dialog, die Einbeziehung digitaler sozialer Netzwerke und die Mobilität der Akteure sind dabei wichtige Kriterien.

Kaum kulturelle Divergenzen

„global aCtIVISm“ ZKM | Museum für Neue Kunst, „Na Faixa“ Foto: Baixcentro, Courtesy: Baixcentro

Einerseits schaffen Auslandsstipendien oftmals die Möglichkeit für interkulturellen Austausch, den Zugang zu teuren technologischen Produktionsmitteln und die konzentrierte Arbeit an einem Projekt. Andererseits haben sie auch ihre Nachteile: Die Mobilität zählt heutzutage zur Grundbedingung für eine künstlerische Karriere, ohne Familie und Freunde der Künstler zu berücksichtigen, die oft zurückgelassen werden müssen. Außerdem führen die westliche Ausbildung und die weltweite Verwendung der gleichen Technologien zur Assimilierung von Ästhetik und Strategien. Die Bildende Kunst kann über Jahrtausende sich entwickelnde alte Kunsthandwerkstraditionen mit regionalen oder nationalen Merkmale aufweisen. Und auch Literatur, Theater und Film unterscheiden sich in Narrationsmustern und kulturellen Codes. Doch der Medienkunst fehlen als jüngster Kunstform eben diese kulturellen Divergenzen – wobei Ausnahmen die Regel bestätigen.

Grenzüberschreitungen der Medienkunst

Edith-Russ-Haus „Generation i.2 - Ästhetik des Digitalen im 21. Jahrhundert“ Gabriel Mascaro, My Free Time, 2013 © Gabriel Mascaro

Gerne greifen Künstler aus den südlichen oder östlichen Hemisphären regionalen Zündstoff auf, wie die indonesische HONF (House of Natural Fiber Foundation) den nationalen Protest gegen die Reduzierung der Energiesubventionen in ihrem Projekt Mikronation/Macronation, das sich mit alternativer Energie- und Nahrungsgewinnung beschäftigt. Die Grenzüberschreitung und Vermischung von Wissenschaft, Technologie und Kunst sind dabei keine regionalen Strategien, sondern waren schon von jeher Attribute der Medienkunst. Geografische Merkmale werden im Wesentlichen durch den Zugang zu Produktionsmitteln wie Technologie und Budgets geprägt. Die Schwellenländer befinden sich in der Aufholphase. Auch hier lassen sich keine nationalen Stile und Schulen erkennen, eher könnte man von individuellen Stilen und speziellen Techniken einzelner Medienkünstler und Gruppen sprechen.

Ausstellungen

Mit dem Phänomen der globalisierten Kultur und Kunst haben sich in den vergangenen Jahren viele Kulturinstitutionen in Deutschland auseinandergesetzt. Bei Festivals wie der Transmediale in Berlin oder dem European Media Ars Festival in Osnabrück ist die Globalisierung allgegenwärtiges Thema. Bereits 2003 fragte die Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin Susanne Jaschko im Einführungstext zur Transmediale kritisch: „Wie global ist Medienkunst?“, um festzustellen, dass sich „Künstler durchaus der Globalisierung und ihrer zahlreichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Folgen bewusst sind und mit künstlerischer Arbeit dazu Stellung nehmen.“

Letícia Parente (1930 - 1991), „Marca registrada“ Vídeo 1975, Câmera: Jom Tob Azulay, Foto aus der Sammlung der Künstlerin.

Dementsprechend setzte das Edith-Russ-Haus in Oldenburg die Ausstellung Generation i.2 – Ästhetik des Digitalen im 21. Jahrhundert 2014 gleich unter die These, dass die weltweite Vernetzung neue globale ästhetische Tendenzen schafft, und der Hartware MedienKunstVerein in Dortmund unterzieht in seiner Ausstellung World of Matter 2014 den Umgang mit globalen Ressourcen einer kritischen Untersuchung.

Die Internationalisierung der Widerstandsformen in Europa und Südamerika war 2009 Gegenstand der Ausstellung Subversive Praktiken – Kunst unter Bedingungen politischer Repression des Württembergischen Kunstvereins. Zu sehen war unter anderem das Video Marca Registrada, in dem die brasilianische Videokunstpionierin Letícia Parente sich aus Protest gegen die damals regierende Militärjunta ein „Brasil“-Markenzeichen in die Fußsohle stickt.

Den globalen kreativen Widerstand greift auch das ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe auf. Global aCtIVISm ist der erste Teil eines 300-tägigen Ausstellungs-Marathons über die globale Kunstpraxis. Die Medienkünstler gehen in die Welt und vernetzen sich. Ihre Kunst ist daher zwangsläufig nicht nur ein Spiegel der Globalisierung, sondern auch immer ein Teil davon.

Ausstellungen:
„Generation i.2 - Ästhetik des Digitalen im 21. Jahrhundert“, Edith-Russ-Haus Oldenburg, 15. November 2013 bis 16. Februar 2014

„World of Matter“, Hartware Medienkunst-Verein Dortmund, 1. März bis 22. Juni 2014

„global aCtIVISm“, ZKM Karlsruhe, 14. Dezember 2013 bis 30. März 2014

Peter Zorn
ist Produzent und Medienkunstkurator, Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft/Zentrum für Medienkunst Sachsen-Anhalt, sowie Leiter der Werkleitz Professional Media Master Class.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2014

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