Ute Meta Bauer über die Rolle der KuratorInnen in der internationalen GegenwartskunstRückgrat und eigene Vorstellungsgabe gefordert

Vom Wintersemester an übernimmt Ute Meta Bauer als "Associate Professor" am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA die Leitung des "Visual Arts Program", nachdem sie neun Jahre an der Wiener Kunstakademie gelehrt hat. Damit setzt die ursprünglich am Künstlerhaus Stuttgart bekannt gewordene deutsche Kuratorin ihre lange beispiellose internationale Laufbahn fort.
Um nur zwei weitere Stationen zu nennen: Ute Meta Bauer gehörte dem Kuratorenteam der Documenta 11 an und war 2004 für die dritte "Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" verantwortlich. Im Vorausblick auf den vom Goethe-Institut Jakarta und der Asia Europe Foundation (ASEF) organisierten internationalen KuratorInnen-Workshop (6.-12.März 2006 in Jakarta und Bandung) unterhielten wir uns mit ihr.
Ute Meta Bauer, Sie sind eine der wenigen Kuratorinnen aus Deutschland, die bereits vor circa zehn Jahren dank profilierter Ausstellungen namentlich bekannt wurden. Wie erklären Sie sich das?
Vermutlich hängt es damit zusammen, dass damals noch nicht so viele Frauen Kunstinstitutionen geleitet haben - und sei es nur einen so kleinen Ort wie das Künstlerhaus in Stuttgart, das seit seiner Gründung Impuls gebend war. In Deutschland leitete damals Annelie Pohlen den Bonner Kunstverein und Katharina Schmidt als einzige Direktorin ein großes Museum, das Kunstmuseum in Bonn.
Wie könnte man gegenwärtig ganz allgemein die Situation des Kurators, der Kuratorin innerhalb des hiesigen Kunstbetriebs beschreiben? Schälen sich gerade neue Positionen heraus?
Es gibt mittlerweile weitaus mehr frei arbeitende KuratorInnen, die nicht mehr ausschließlich vom Studium der Kunstgeschichte kommen, sondern oft aus dem Studium der Kulturwissenschaften und mittlerweile aus den inzwischen etablierten KuratorInnenkursen.
Zwischen Anpassungsdruck und freier Setzung
Wenn heute viele Kuratoren nicht mehr unter dem schützenden Dach einer Institution arbeiten, ergeben sich doch unweigerlich auch ökonomische Zwickmühlen.Das wird sich vermutlich sogar weiter verschärfen. So sehr Institutionen sich früher gescheut haben mit frei schaffenden KuratorInnen zu arbeiten, so sehr hat man nun erkannt, dass es auch kostengünstiger ist, wenn KuratorInnen nur für ein Projekt verpflichtet und bezahlt werden. Das ist weniger erfreulich und kann zu einem gewissen Anpassungsdruck führen. Unabhängig ist man leider nur dann, wenn man seine Miete, seine Telefonrechnung etc. bezahlen kann. Die institutionelle Verankerung kann einem unter Umständen überhaupt erst die Möglichkeit geben, sich langfristig mit einem Forschungsbereich, mit einem Themenschwerpunkt zu beschäftigen. Frei schaffend kann man wiederum gezielt an Projekten für spezifische Kontexte unter eigener inhaltlicher Setzung arbeiten.
In Deutschland gibt es anders als etwa am Londoner Goldsmiths College keinen wirklichen Ausbildungsgang für KuratorInnen. Wobei in London die kuratorisch zu betreuende Kunst im Sinne einer "Visual Culture" auch viel weiter und interdisziplinär gefasst, beispielsweise durch filmische, ethnologische, urbanistische oder mediale Spektren ergänzt ist.
Ich würde hier auch das "Whitney Independent Studies Program" in New York City unter der Leitung von Ron Clark als wichtigen Impulsgeber nennen - dort haben insbesondere theoretisch, konzeptuell und kritisch arbeitende KünstlerInnen als Lehrende junge KuratorInnen und KünstlerInnen durch einen anderen Ansatz von Kunstvermittlung geprägt. Zahlreiche heute sehr einflussreiche Museumsleute wie Vincente Todoli, Direktor am Tate Modern, oder Corinne Disserens, Direktorin des Museums in Nantes, absolvierten dort ihr Aufbaustudium.
Abgeklärt durch den Kunstbetrieb
Welche Eigenschaften sollten heute junge KuratorInnen überhaupt mitbringen?Rückgrat und eine eigene Vorstellung, was die Begegnung und Auseinandersetzung mit Kunst und angrenzenden Bereichen in der Wahrnehmung und im Denken von Menschen bewirken kann.
Wie gut sind deutsche KuratorInnen mittlerweile international vernetzt? Kann man überhaupt ein Spezifikum oder eine Entwicklungstendenz bei der hiesigen Kuratoren-"Szene" ausmachen?
Wenn ich da an meine Generation denke, waren wir doch noch recht naiv während des Studiums, was die Kenntnisse des Kunstbetriebs angeht, und waren stärker fasziniert von der Kunst bzw. von einzelnen KünstlerInnen. Heute ist man während des Studiums abgeklärter durch den sicherlich wichtigen Zugang zu Informationen aus vielen Teilen der Welt. Die vielen internationalen Biennalen und Messen haben auch die Präsenz des "Betriebes" mehr in den Vordergrund gerückt.
Die Biennale als Katalysator
Welche Bilanz haben Sie aus der 2004 von Ihnen selbst kuratierten "Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" auch im Hinblick auf die mittlerweile ja inflationär auftretenden Biennalen gezogen?Ich würde mir auch wieder mehr Themenausstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt wünschen, als den Reigen der Biennalen weiter zu vergrößern. Aber um überhaupt Gegenwartskunst mit internationaler Beteiligung in Regionen zu bringen, wo diese kaum einen Stellenwert hat, da haben Biennalen sicherlich ihre Berechtigung und wirken oft als Katalysator. Für Einzelprojekte, kleine oft sehr präzise Ausstellungen wird es noch schwieriger, überhaupt wahrgenommen, rezipiert zu werden. Gerade in Zeiten schrumpfender Reisebudgets fahren KuratorInnen wie KritikerInnen auch deshalb zu Großprojekten, um möglichst viel auf einer Reise zu sehen. Ein weiterer Zweck der Biennalen ist es, Gegenwartskunst einem breiteren Publikum vorzustellen, das lokale Publikum für diese zu begeistern. Aber auch PolitikerInnen und GeldgeberInnen sollen überzeugt werden, längerfristig operierende Kunstinstitutionen zu etablieren.
ist Kunsthistorikerin in München und arbeitet als Korrespondentin für die Neue Zürcher Zeitung und als Lektorin
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November 2005














