Medienkunst im U-Turm: der Hartware MedienKunstVerein
„Medienkunst verstehe ich als zeitgenössische Kunst. Das muss nicht digital sein, flimmernd oder interaktiv. Mich interessiert, dass Künstler, die wir ausstellen, sich mit einer Welt auseinandersetzen, die auf Medien und Technologie basiert. Das können sie in Öl machen, per Video, Computer oder Internet.“Sagt Inke Arns, Leiterin des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) in Dortmund, der in diesen Tagen seinen 15. Geburtstag feierte. Als Hartware 1996 von Hans D. Christ und Iris Dressler gegründet wurde, war die digitale Revolution in vollem Gang. Dass ihr „Baby“ sich prächtig entwickeln würde, können die beiden aber nur gehofft haben. Heute ist der HMKV eine Adresse von internationalem Ruf, mehrfach preisgekrönt, in seiner Ausrichtung ein Solitär in Deutschland, allenfalls vergleichbar mit dem ZKM in Karlsruhe oder dem Oldenburger Edith-Ruß-Haus für Medienkunst.
Vom kleinen Atelierbüro in die Brauerei
Mit Ausstellungsfläche im dritten Geschoss des Dortmunder U, einem früheren Brauereigebäude in der City, residiert der HMKV in einem „Leuchtturm“ der Kulturhauptstadt, ausgebaut zur Heimat von Kunst und Kreativwirtschaft.Welch ein Weg: Keimzelle des HMKV war ein kleines Atelierbüro im Dortmunder Künstlerhaus. Es gab kein Manifest, keine Satzung. Gründervater Hans D. Christ (mit Iris Dressler heute Leiter des Württembergischen Kunstvereins) erinnert sich, dass der HMKV eine „persönliche Haltung“ spiegelte. Von Beginn an legte man Wert auf die sorgfältige Präsentation thematisch kuratierter Ausstellungen, auf die Einbindung von Hochschulen, das Angebot von Workshops und machte aus vermeintlicher Not (Dortmund hat weder Kunstakademie noch Draht zum Kunstmarkt) eine Tugend: Was die Stadt kennzeichnete, war die Fülle gewerblicher und industrieller Räume, die im Zuge des strukturellen Umbruchs leerstanden und neuer Nutzung harrten. In diese Flächen hinein platzierten sich die Ausstellungsmacher. Mit dem Ziel, Kunst, Ort und Lokalkolorit in einen Dialog zu bringen.
Medienkunst als Nomade – vom Kino in Boutique und Bahnhof
So war die Medienkunst nicht nur in Museen oder Kulturbetrieben zuhause, beim HMKV „nomadisierte“ sie (Christ) ab 1996 durch entkernte Kinos, Boutiquen und Büros, Einkaufspassagen, den Bahnhof oder die städtische Bibliothek. Mit der Schau Reservate der Sehnsucht, an der 34 internationale Künstler beteiligt waren, bespielte man 1998 auch den Zentralturm („Dortmunder U“) der 1994 geschlossen Union-Brauerei, damals eine Ruine. Dass der HMKV hier eine Heimat finden würde, stand noch in den Sternen.Zwischenstation Stahlwerk – der HMKV in der Phoenix-Halle
Ausstellungen wie 1997 Short Cuts. Anschlüsse an den Körper (zur Beziehung von Arbeit, Mensch, Maschine) oder Plan B. Stadt Raum Kunst von 2000 mehrten den institutionellen und finanziellen Rückhalt seitens der Kulturförderer, die anerkannten, dass der HMKV Dortmund auf die Landkarte der global agierenden Medienkunst gebracht hatte. 2003 konnte der Verein ein 2.200 Quadratmeter großes Ausstellungsquartier in der Phoenix-Halle im Süden Dortmunds beziehen. Im Stahlwerk, noch einem imposanten Relikt der Industriegeschichte. Mit Phoenix verbunden sind erfolgreiche Ausstellungen wie Games – Computerspiele von Künstlern (2003) oder 2009 Wach sind nur die Geister (Spuk und mediale Manifestationen des Jenseits).Der U-Turm als Ausstellungsraum und Gastgeber der ISEA
Letztere Ausstellung stand schon unter der Ägide von Inke Arns, die 2005 die Leitung des HMKV übernahm. Heute steht die promovierte Slawistin, die auch Kunstgeschichte und Politik studierte, einem zehnköpfigen Team vor. Sie konzipiert Ausstellungen, pflegt Kontakte zu Künstlern, Kuratoren, Institutionen in aller Welt und ist als Lobbyistin in eigener Sache unterwegs. Den Etat des HMKV konnte sie auf jährlich 549.000 Euro steigern, 200.000 davon kommen von der örtlichen Wirtschaft. Im Ambiente desU-Turms hat sie die Ausstellungsfrequenz auf vier pro Jahr gesteigert (tatsächlich waren es sieben im letzten Jahr). 2010 war die ISEA (das Symposium internationaler elektronischer Kunst) zu Gast beim HMKV, 46.000 Besucher in 2010 sind eine Rekordmarke.
Kai-Uwe Brinkmann
ist Diplomjournalist, lebt in Dortmund und schreibt über Film, Theater, Musik, Kabarett, Kunst und Kleinkunst unter anderem für die
Ruhr-Nachrichten.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
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