Private Kunstsammlungen in Deutschland

Die Sammlung Agfa, Köln – Die Geschichte der Fotografie in herausragenden Beispielen

Der Sphinx in Gizeh
Über zwanzig Jahre ist es her, dass die Firma Agfa der Stadt Köln ihre fotohistorische Sammlung als Dauerleihgabe überließ. Den Kauf der Sammlung Ende 2005 nahm das Museum Ludwig 2006 zum Anlass, sie erstmals in einem repräsentativen Überblick dem Publikum vorzustellen.

Die Sammlung, zur der vor allem ein Bestand von fast 20.000 Kameras und fototechnischen Geräten, mehr als 3000 Bildbände und Dokumente zur Frühgeschichte des Mediums gehören, hatte jahrzehntelang im wenig besuchten Firmenmuseum in Leverkusen ein Schattendasein geführt. Seit dem Umzug des Wallraf-Richartz-Museum / Museum Ludwig in einen Neubau in unmittelbarer Nähe des Doms war ein kleiner Teil dort ständig zu sehen.

Heute bilden die Bestände des ehemaligen Agfa-Historamas zusammen mit der Sammlung von Fritz J. Gruber, dem Organisator der legendären Photokina-Bilderschauen (seit 1951), dem Nachlass des Kölner Fotografen Chargesheimer und der Sammlung früher Fotografien aus dem Besitz des Hamburger Fotoreporters Robert Lebeck eine der bedeutendsten Fotosammlungen Deutschlands. Neben Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe, Essens berühmter Fotografischer Sammlung im Folkwang Museum und der Fotosammlung im Münchner Stadtmuseum ist Köln heute einer der wichtigsten Orte, an denen die Geschichte der Fotografie gesammelt und erforscht wird.

Der Sammler Erich Stenger

Das Herzstück der fotohistorischen Sammlung sind dabei die Bestände, die Prof. Erich Stenger (1878 – 1957) in jahrzehntelanger Pionierarbeit zusammengetragen hat. Als junger Mann hatte er sich lange, bevor das modern war, für die Frühgeschichte der Fotografie interessiert. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Frühgeschichte der fotografischen Technik. Damals bewunderte man die Hervorbringungen der Technik fast mehr als die Fotografien selber. Schließlich war die Fotografie längst noch nicht als eigenes Kunstmedium anerkannt. Unermüdlich hat Erich Stenger jahrzehntelang mit Publikationen und Ausstellungen zur Durchsetzung der Fotografie als eigenständiger Kunst beigetragen.

Die wesentlichsten Bildalben des 19. Jahrhunderts sind in Köln zu sehen. Etwa jener Bildband mit 22 Kalotypien des Fotopioniers Henry Fox Talbot, den dieser 1844 dem weltberühmten Naturforscher Alexander von Humboldt übersandte, um damit für die Erfindung der Fotografie zu werben.

Eine absolute Rarität an der Schnittstelle der Übergangs von der Malerei zur Fotografie ist ein Bildband von 1848 mit allerfrühesten Fotografien von David Octavius Hill und Robert Adamson. Für ein riesiges gemaltes Porträt schottischer Geistlicher hatten die beiden die Personen zuerst fotografiert und danach erst gemalt. Während das Gemälde längst vergessen ist, sind die Fotografien, auf denen es beruhte, ein fotohistorisches Dokument allerersten Ranges.

Frühe Reisefotografie. Wie Welt in Bildern

Der große Zamang
Nicht weniger bedeutend sind die Reisefotografien des 19. Jahrhunderts. Von Paul de Rosti ist ein wunderbarer Bildband mit Ansichten von Reisen durch Mexiko und Venezuela in Köln zu sehen, den der französische Fotograf Alexander von Humboldt widmete. Kurz vor seinem Tod konnte der berühmten Gelehrte so noch einmal jenen Baum sehen, den er in seinen Reisebeschreibungen wegen seiner legendären Größe und seines biblischen Alters bereits erwähnt hatte.

Reisefotografien und Aufnahmen archäologisch bedeutender Orte waren ein wichtiger Schwerpunkt der frühen Fotografie. Lange bevor der Tourismus die Welt jedermann zugänglich machte, waren Fotografien die wichtigste Form, weit entfernte Regionen, die bis dahin vor allem Gegenstand literarischer Beschreibungen waren, mit eigenen Augen sehen zu können. In Köln sind beeindruckende Beispiele aus dem Orient, aus Asien und Afrika zu sehen.

Maxime du Camp hatte von einer Reise nach Ägypten, die er zusammen mit dem Schriftsteller Gustave Flaubert 1848/50 unternommen hatte, über 200 Salzpapierfotografien mitgebracht. Während Flaubert Eindrücke für sein romantisierendes Orientbild sammelte, die er für seinen Roman Salambo nutzte, gelangen Maxime du Camp eindrucksvoll sachliche Aufnahmen von Gebäuden und Orten, die heute allesamt wichtige archäologische Dokumente sind. "Tatsachen sind so wunderbar an die Stelle von Vermutungen getreten", kommentierte Flaubert.

Dass Erich Stenger eine Vorliebe für eine bildhafte Fotografie hatte, zeigt der reiche Bestand an Aufnahmen früher "Pictoralisten" um 1900. Der "Pictoralismus" suchte das "malerische" fotografische Bild. Er versuchte in der Konkurrenz mit der damals üblichen Landschafts- und Porträtmalerei zu bestehen. Heinrich Kühn, Gertrude Käsebier, Alfred Stieglitz, Eduard Arning, Edward Steichen sind hier mit aufwendigen Gummidrucken, Kohledrucken und Photogravüren vertreten, die allesamt versuchen, das Bild atmosphärisch zu veredeln. Der "Pictoralismus" blieb eine kurze Zwischenphase im Kampf um die öffentliche Anerkennung der Fotografie.

Der Maler Otto Dix mit Nelke
Natürlich ist August Sander prominent mit Beispielen aus seiner berühmten Fotomappe Menschen des 20. Jahrhunderts in der Sammlung vertreten. Erich Stenger gelang es, eine der seltenen OriginalMappen von Sander zu erwerben. Die Experimente der avantgardistischen Fotografie der zwanziger Jahre blieben dem Sammler fremd. Sein Gebiet war die bildnerische Fotografie. Die formalen Neuerungen von Peter Keetmann und der Gruppe fotoform oder die subjektiven fotografie Otto Steinerts aus den 50er Jahren sind nur mit wenigen Beispielen vertreten.

Zwei Jahre vor seinem Tod war die Sammlung Stengers an das Fotounternehmen Agfa verkauft worden. Dort ruhten die Bilder lange Zeit, bis sie 1969 noch einmal um ein großes Konvolut von 306 Aufnahmen Hugo Erfurths ergänzt werden konnten, eines bekannten und äußerst aktiven Porträtfotografen in Dresden. Ihm verdanken wir bedeutende Porträts vieler wichtiger Künstler der Weimarer Republik (1919 – 1933). Darunter Aufnahmen von Käthe Kollwitz, Otto Dix, Max Beckmann, Paul Klee, Carl Orff, René Sintenis. Vor neutralem Hintergrund aufgenommen, entfalten seine Studioaufnahmen ihre Kraft allein durch die Kunst der gewählten Pose und die Konzentration auf den Ausdruck von Körper und Gesicht.

Die Ausstellung macht deutlich, wer sich für die Geschichte der Fotografie interessiert, wird in der Kölner Fotosammlung reiches Anschauungsmaterial finden.

Jan Thorn-Prikker,
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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Juli 2006

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