Die Sammlung Goetz in München
Fernab vom innerstädtischen Münchner Kunstareal mit den drei großen Pinakotheken befindet sich versteckt in einem Wohngebiet eine renommierte Sammlung für zeitgenössische Kunst.
In ihr stellt Ingvild Goetz seit 1993 in halbjährlich wechselnden Ausstellungen ausgesuchte Werke aus ihrem Depot der Öffentlichkeit vor. Als Gegenmodell zum hektischen Kunstbetrieb, der zuweilen dem Erfolgsdruck und kurzlebigen Moden unterliegt, will die Sammlerin mit ihrer Arbeit ein "ästhetisches Labor“, einen „Versuchraum für Kunst“ etablieren. Im Zentrum des Interesses soll die künstlerische Auseinandersetzung mit politischen und ästhetischen Fragen unserer Zeit stehen: „Ich möchte mit meiner Sammlung wachrütteln oder aufmerksam machen, und zwar nicht nur in einem politischen Sinn, sondern auch durch sehr gute, ästhetisch in sich gute Kunst.“
„Mir macht es mehr Spaß, Sammlungskonzepte zu entwickeln und Arbeiten zu behalten, als sie zu verkaufen.“
Goetz' besondere Vorliebe gilt daher Künstlern, die unsere soziale Realität in Frage stellen und dafür verdrängte Tatsachen vor Augen führen oder gar bestehende Tabus brechen. Diese Auffassung vertrat sie schon 1969, als sie Wolf Vostell anlässlich der Gründung ihrer Zürcher Galerie Art In Progress zu einer Aktion einlud, in der die Schweiz als Waffenlieferant für Angola öffentlich kritisiert wurde. Die Aktion wurde abgebrochen und der Galeristin die Aufenthaltsgenehmigung entzogen. Damals empörte nicht nur die politisch agitierende Kunst, sondern auch eine Auswahl von Werken, deren Formensprache sich den konventionellen Sehgewohnheiten widersetzte. Goetz führte ihre Galerie noch bis 1984 in München weiter, dann widmete sie sich ausschließlich ihrer eigenen Sammlung.„Prinzipiell sammle ich immer die junge Generation.“
Auf der Suche nach einem persönlichen Zugang zur Kunst setzt sich Ingvild Goetz ausdrücklich „mit dem Neuen und Gegenwärtigen“ auseinander. Waren in der Galerie Künstler wie Cy Twombly, Bruce Nauman, Christo oder Andy Warhol vertreten, widmete sie sich als Sammlerin neben der ungegenständlichen Malerei intensiv den Künstlern der Arte Povera aus Italien. Amerikaner wie Mike Kelley, Paul Mc Carthy und Jeff Wall, Nan Goldin oder Tony Oursler kamen später dazu. In den 1990er Jahren kaufte sie Werke der jungen Briten wie Mona Hatoum oder Sarah Lucas, die im Kontext der umstrittenen Gruppenausstellung Sensations aufgefallen waren. Zentraler Aspekt dieser Arbeiten ist die kritisch provozierende Untersuchung von Identitätsmustern und Körperkonzepten, in denen sich Machtverhältnisse und Rollenzuweisungen unserer Gesellschaftsstruktur spiegeln. Dass sich das Politische in der Kunst heute weniger in kollektiven Äußerungen zeigt, sondern im Ausdruck subjektiver Befindlichkeiten und Erfahrungen des Einzelnen, wurde unlängst in zwei Ausstellungen deutlich: Hautnah (2002) in Zusammenarbeit mit der Villa Stuck in München und Wohltat der Kunst mit einer Überprüfung postfeministischer Ansätze, eine Koproduktion mit der Kunsthalle Baden-Baden. Um sich mit den veränderten Wahrnehmungsstrategien unserer Gegenwart zu beschäftigen, konzentrierte sich die Sammlerin bereits früh auf neue Medien wie Video und Videoinstallation. Mit Base 103 wurde dafür unlängst in ehemaligen Lagerräumen ein eigener Präsentationsraum eingerichtet. Zu diesem umfangreichen Werkkomplex, der 2003 in der Ausstellung fast forward im ZKM Karlsruhe zu sehen war, zählen u.a. Künstler wie Matthew Barney, Emanuelle Antille, Gillian Wearing, Stan Douglas oder David Claerbout.
„Es ist mir ein großes Bedürfnis ständig mit meiner Kunst in Kontakt zu sein“
1989-92 ließ sich Goetz ein eigenes Ausstellungsgebäude in den Garten ihres Wohnhauses bauen. Die Architekten Herzog & de Meuron, die spätestens seit ihrem Bau der Londoner Tate Modern auch international für ihre Museumsbauten gerühmt werden, entwarfen eine strenge, minimalistische Konstruktion aus zwei übereinandergestapelten Kisten, die nach oben jeweils mit einem umlaufenden grünlich matten Glasband abschließen. Ein hölzerner Kubus lagert auf einem identisch großen Betonkubus, der so weit in die Erde eingelassen ist, dass außen nur seine obere, verglaste Zone sichtbar ist. Zwischen den beiden aufeinandergeschichteten Baukörpern sind ebenerdig u-förmige Keile eingeschoben, die als Eingangsbereich mit Büro und Bibliothek und als Technikraum fungieren. So wie die umlaufenden Glasbänder als Sockel und Oberkante das Gebäude von außen beinahe schwerelos erscheinen lassen, garantieren sie im Inneren einen gleichmäßigen, blendfreien Lichteinfall in beiden Ausstellungsetagen. Ohne Sicht nach draußen fördern die asketisch, klaren Räume mit den hohen weiß verputzten Wänden die konzentrierte Sicht auf die Exponate.Die Sammlung als „Gesamtkunstwerk“
„Das Museum gibt mir die Möglichkeit, kreativ mit meiner Sammlung umzugehen, Ausstellungen zu kuratieren, Kataloge herauszubringen. Außerdem möchte ich andere Menschen daran teilhaben lassen.“ So lässt Ingvild Goetz in eigenen Ausstellungen unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen, erprobt neue Zuordnungen und stellt ihre subjektive Auswahl in den eigenen Versuchs- und Vorführräumen zur Diskussion. Im Team werden die Werke kunsthistorisch, konservatorisch und restauratorisch betreut. Gegenüber den Museen tritt sie als Ko-Kuratorin und häufiger noch als Leihgeberin auf, um Ausstellungen zu ergänzen und um ihre Werke einer breiten Öffentlichkeit und den aktuellen Debatten auszusetzen.Die inzwischen 2500 Werke umfassende Sammlung von Malerei, Skulptur, Fotografie, Grafik und Video wird ständig erweitert und aktualisiert. Dabei geht es weder um eine „seelenlose“ Anhäufung wertvoller Einzelobjekte, noch darum, eine möglichst große Bandbreite unterschiedlicher kultureller Äußerungen abzudecken. In ständigem Kontakt zu Galeristen und mit fortwährenden Atelierbesuchen spürt die Sammlerin neue Ansätze auf und verfolgt neugierig die Entwicklung der Künstler ihrer Sammlung. Denn, so Goetz: der „Sammler, der das kauft, was ihn persönlich irritiert und beschäftigt, kreiert durch die Sammlung wieder ein neues Gesamtkunstwerk“.
ist Kunsthistorikerin, Regisseurin von Tanz- und Videoperformances und freie Autorin
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Januar 2005












