Private Kunstsammlungen in Deutschland

Sammeln in Dekaden – die Sammlung Grässlin

Meuser: Porscheplatz (1999); © Sammlung Grässlin, St. Georgen/Foto: Nik Tenwiggenhorn / VG Bild-KunstGünther Förg: Rauminstallation (1986/2012), neun Fotografien, ein Spiegel, Wandmalerei (2012); © Sammlung Grässlin, St. Georgen /Foto: Wolfgang Günzel

Innerhalb von drei Jahrzehnten hat die Familie Grässlin in St. Georgen eine beachtliche Sammlung an Werken zeitgenössischer Kunst zusammengetragen. Die Entscheidungen für Ankäufe werden gemeinschaftlich getragen, für die jährlich wechselnde Präsentation der teils großen Installationen und Werkblöcke hat man neben dem eigens geschaffenen Kunstraum ein Konzept entwickelt, das die gesamte Schwarzwald-Gemeinde mit öffentlichen, halb öffentlichen und privaten Orten mit einbezieht.

Begonnen hat alles Anfang der Siebzigerjahre. Der Feinmechaniker und Spezialist für Zeitschaltuhren Dieter Grässlin und seine Frau Anna sammelten, einer lokalen Tradition entsprechend, Taschenuhren und Bauernkeramik. Dann machten sie sich vom heimatlichen St. Georgen ins nahe gelegene Rottweil auf, um das Anwesen des Stahlbildhauers Erich Hauser zu besuchen.

Der Künstler war zugegen – ein Schlüsselerlebnis, wie Anna Grässlin heute erzählt. Und siehe da: Der Meister konstruktivistischer Plastik arbeitete versunken an einer fein geschnitzten alemannischen Fastnachtmaske. Vor der Tür warteten modernistische Skulpturen darauf, es mit internationaler Konkurrenz aufzunehmen; und drinnen saß ein Künstler, tief verwurzelt mit der Heimat und deren Traditionen.

„Räume für Kunst“, Plenarsaal im Rathaus, St. Georgen – mit Werken unterschiedlicher Künstler

Am Ende fehlte nur noch Wols

Sammler und Künstler verstanden sich auf Anhieb, und Erich Hauser, selbst Förderer und Sammler, brachte dem bislang mit dem Aufbau einer Firma beschäftigten Ehepaar die Stilrichtung des Informel näher. Im Laufe der nächsten Jahre fanden Werke von Carl Buchheister, Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme, Emil Schumacher und anderen Eingang in die vier Wände des Fabrikantenhaushaltes.

Mit vielen der Künstler pflegten die Grässlins bald schon persönlichen Kontakt. Und stets mittendrin: Bärbel, Thomas, Sabine und Karola, die vier Kinder.

Clegg und Guttmann:The Art Collectors (2008); © Sammlung Grässlin, St. Georgen

Da Dieter Grässlin 1976 überraschend starb, konnte er die schnell gewachsenen Informel-Konvolute nicht mehr durch einen Wols vervollständigen. Seine Frau erfüllte ihm posthum den Wunsch und brachte damit gleichzeitig diesen initialen Teil der Sammlung zu einem Abschluss.

Kunst und Bollenhut

Die Sammelleidenschaft war da bereits an die nächste Generation weitergegeben. Bärbel und Thomas, die beiden älteren der Kinder, begeisterten sich zunächst für Arte Povera und Land Art. Später begannen auch Sabine und Karola, sich dafür zu interessieren. Gemeinsam mit Mutter Anna bilden sie bis heute jenes Konsortium, das sich hinter der Marke „Sammlung Grässlin“ verbirgt.

Mit Beginn der Achtzigerjahre konzentrierte sich die Familie auf die Künstler rund um den Galeristen Max Hetzler, namentlich auf Werner Büttner, Günther Förg, Albert und Markus Oehlen, Isa Genzken, Meuser, Hubert Kiecol, Georg Herold und andere, vor allen Dingen aber auf Martin Kippenberger, der zeitweise auch in St. Georgen lebte und arbeitete.

Martin Kippenberger: Transportabler Lüftungsschacht (1997); © Sammlung Grässlin, St. Georgen/Foto: Wolfgang Günzel

Im darauffolgenden Jahrzehnt erfuhr die Kollektion eine internationale Ausrichtung und wurde um jüngere Positionen wie Mark Dion, Tom Burr, Cosima von Bonin, Tobias Rehberger, Manuel Ocampo, Kai Althoff, Franz West oder Heimo Zobernig erweitert. Manche der Künstler arbeiteten vor Ort oder ortsbezogen: So entstanden über die Jahre auch Porträts der Sammlerfamilie von Clegg und Guttmann oder künstlerische Auseinandersetzungen etwa mit dem Bollenhut, Teil der traditionellen Tracht der Frauen in dieser Region. Fotografiert vom amerikanischen Künstler Christopher Williams, fand er als Logo der Sammlung Verwendung.

Die Sammlung als Zusammenhalt

Inzwischen bringt jedes Mitglied der Familie sein Spezialgebiet in die Sammlung ein. Beruflich ist die zweite Sammlergeneration der Grässlins unterschiedliche Wege gegangen, das künstlerische Umfeld ist jedoch ein konstanter Faktor geblieben. Bärbel Grässlin ist Galeristin in Frankfurt, Thomas Grässlin hat mit dem „Echtwaldprojekt“, in dem er mit Hilfe von Künstlern Nutzwälder zu Urwäldern renaturalisiert, eine neue Betätigung gefunden. Sabine Grässlin betreibt das Restaurant „Kippys“ in St. Georgen, und Karola Grässlin, verheiratete Kraus, ist mittlerweile Direktorin des Wiener Museums MUMOK.

Werke von Heimo Zobernig, Süßes Eck, Gerwigstraße 1, (2007); © Sammlung Grässlin, St. Georgen/Foto: Wolfgang Günzel

Die Sammlung sorgt für familiären Zusammenhalt. Drei bis vier Mal im Jahr trifft man sich im Heimatort, entscheidet mehrheitlich über Ankäufe, um eine Sammlungslücke im Œuvre eines Künstlers zu schließen, oder darüber, ob etwas veräußert wird. Dabei konzentriert sich die Sammlung auf vergleichsweise wenige Künstlerpersönlichkeiten und versucht, aus jeder Werksphase ein Schlüsselwerk zu kaufen. Dass es sich dabei um große Installationen oder ganze Räume handelt, ist eine besondere Qualität der Sammlung.

Orte besetzen

Im jährlichen Wechsel werden Teile der Sammlung Grässlin in der gesamten Ortschaft präsentiert – stets unter anderen Gesichtspunkten und neuen Konstellationen. Monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum sind da noch weniger außergewöhnlich. Doch der Rundgang zu den Werken führt auch in den Plenarsaal des Rathauses, vorbei an leer stehenden Geschäftslokalen, die bis zu ihrer Weitervermietung als „Räume für Kunst“ genutzt werden, in die Vorhalle der örtlichen Sparkasse oder ins Heimatmuseum.

Werke von Kai Althoff, Cosima von Bonin und Karola Grässlin, Am Markt 3 (2009); © Sammlung Grässlin, St. Georgen/Foto: Wolfgang Günzel

Dass die Grässlins teilweise auch ihre Privaträume für die Ausstellungen zur Verfügung stellen, versteht sich dabei von selbst. Ausgangspunkt für jene Ortsbegehungen und Stadtspaziergänge ist seit seiner Eröffnung 2006 der vom Kölner Architekten Lukas Baumewerd entworfene Gebäudekomplex, der die Ausstellungshalle „Kunstraum Grässlin“, das Lager der umfassenden Sammlung und das Restaurant „Kippys“ vereint.

Für ihr Engagement bei der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst wurde die Familie Grässlin 2010 mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet. Veit Loers, bis zu seiner Pensionierung Direktor des Museum Abteiberg in Mönchengladbach, hielt die Laudatio mit dem Titel Bollenhut und Avantgarde. Das trifft das Konzept der Sammlung ganz gut.

Daniela Gregori
arbeitet als Kunsthistorikerin und freiberufliche Journalistin in Karlsruhe.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2012

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