Kunstvereine in Deutschland

Teil 1: „www.kunstverein.de“ vs. „Der Kunstverein, seit 1817“

Screenshot Kunstverein.de
Screenshot Kunstverein.de

Wer die Web-Adresse des Hamburger Kunstvereins sucht, stellt fest, dass der Verein die Domain „Kunstverein.de“ für sich beansprucht, auf der Website angekommen liest der Besucher den Namen: „Der Kunstverein, seit 1817.“ Mit der in diesem Fall geschickten Anwendung neuer Kommunikationsmittel auf der einen Seite und dem Einsatz des historischen Gründungsdatums auf der anderen wird, durchaus paradigmatisch für die Situation der Kunstvereine, ein Spagat vollzogen zwischen permanenter Selbsterneuerung und institutionellem Erbe.

Die Hamburger Usurpation der Web-Adresse, die den einen Kunstverein an die Stelle aller anderen setzt, erweist sich als Coup im Kampf um mediale Präsenz. Das Gründungsdatum im Namen kann als Bekenntnis zur Tradition verstanden werden, es dient aber auch werbestrategisch der Herstellung einer Trademark. Lange Zeit hatte avantgardistisches, das Neue anvisierendes Denken die Kunst bestimmt, Reklame mit dem Alter blieb allenfalls ehemaligen Hoflieferanten oder alten Bier- und Whiskybrauereien vorbehalten.

Wenn heute eine der zeitgenössischen Kunst gewidmete Institution mit einem weit in der Vergangenheit zurückliegenden Datum wirbt, dann findet darin nicht zuletzt das post-post-modernistische Verhältnis zur Geschichte einen Ausdruck. Es zeigt sich auch in einer in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmenden Anzahl von Publikationen und Veranstaltungen, in denen sich die Kunstvereine mit ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigen. Dabei steht die simple Selbstfeier in Jubiläumsschriften neben reflektierten Ansätzen, die Vergangenheit und Gegenwart produktiv aufeinander beziehen, die historische Differenzierungen vornehmen, um womöglich alte Strukturen neu fruchtbar werden zu lassen.

1792, 291, 1.500.000

Wie das Datum 1817 verdeutlicht, reproduzieren Kunstvereine eine Institution, die sich bereits vor zwei Jahrhunderten zu etablieren begann – der älteste deutsche Kunstverein wurde im Jahr 1792 in Nürnberg als „Kunstsozietät“ gegründet, dann folgten Hamburg und ein Jahr später Karlsruhe im Jahr 1818. Doch nicht nur ihre historische Dimension macht die Kunstvereine beachtenswert. Sie spielen im aktuellen Kunstbetrieb, dessen Mainstream pragmatisch auf bekannte Namen setzt, eine bedeutende, oft zu wenig beachtete Rolle.

Kunstvereine arbeiten je nach Programm und Ort an der Peripherie und im Zentrum. Sie finden sich in Großstädten ebenso wie in kleinen, selbst ländlich geprägten Gemeinden. Mitunter erschöpft sich ihre Arbeit im regional Betulichen und künstlerisch Belanglosem, dann wiederum entstehen wegweisende Ausstellungen im internationalen Maßstab. Immer wieder nutzen sie ihre weitgehende Unabhängigkeit für nonkonformistische Aktivitäten.

Ihre Organisationsstruktur als Verein ist zumindest vom Kern her gleich, ansonsten allerdings erweisen sie sich als durchaus heterogen. So reicht etwa ihr öffentlicher Auftritt von der eigenen Ausstellungshalle über die Hinterzimmergalerie bis hin zum Kunstverein ohne feste Räume. Wie die ständigen Neugründungen belegen, hat sich die Kunstvereinsbewegung bis heute nicht erschöpft. Insbesondere in Ostdeutschland, wo Kunstvereine zur Zeit der DDR verboten waren, wurde nach der Wende eine ganze Reihe neu oder wieder gegründet.

Kunsthalle Bremen
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen (Foto: Stefan Müller)

Allein die bloße Anzahl von Kunstvereinen liefert einen Hinweis auf ihre Bedeutung für die „kulturelle Infrastruktur“. Über ganz Deutschland verteilt gibt es heute 291 – so viele sind zumindest bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine gegenwärtig (Winter 2011) registriert. Darüber hinaus existieren ungezählte, da unregistrierte Institutionen. Die Gesamtzahl der Mitglieder beläuft sich auf ungefähr 150.000.

Mit über 8.000 eingetragenen Personen ist der Kunstverein in Bremen der wohl mitgliederreichste, er verfügt über eine eigene Sammlung und eine Kunsthalle mit 4.300 Quadradmetern Ausstellungsfläche. Der Düsseldorfer Kunstverein gehört mit 3.200 Personen ebenfalls zu den mitgliederstarken Vereinen – um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren es einmal 14.000 Mitglieder – , seine Ausstellungsfläche beträgt 350 Quadratmeter, sein Jahresetat etwa 100.000 Euro.

Diesen Größen steht der, nach eigenen Angaben, kleinste Kunstverein in Gießen mit 180 Mitgliedern gegenüber, einer Ausstellungsfläche von 8,5 Quadratmetern und einem Etat von 10.000 Euro. Ingesamt betrachtet reicht die Spannweite der Jahresbudgets von 1.800 bis 1.500.000 Euro.

In den meisten Fällen sind die festen Etats zu knapp für ein anspruchsvolles Jahresprogramm bemessen. Der Leiter des Neuen Berliner Kunstvereins, Marius Babias, konstatiert angesichts eines festen Jahresbudgets von 150.000 Euro: „Tatsächlich stellt sich die Aufgabe des Direktors vielerorts so dar, dass mittlerweile die Haupttätigkeit der Beschaffung von Drittmitteln gilt“.

England, USA, Frankreich

Ein vergleichbares Netz von Kunstvereinen gibt es heute nur in der Schweiz und in Österreich. In anderen Ländern wie etwa Italien, Frankreich, Niederlande, England und Irland, in denen sich bereits im 18. Jahrhundert „Vorläuferorganisationen“ gebildet hatten, kam es Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus auch zu Kunstvereinsgründungen. In England und Irland existierten zu dieser Zeit bis an die 30 Art Unions. Die bekannteste und größte in den Vereinigten Staaten war die American Art Union (AAU) in New York. 1840 gegründet, wurde sie bereits 1851 wieder aufgelöst. Nur in den drei erwähnten Ländern wird die Kunstvereinskultur bis heute intensiv weitergepflegt.

Der Vergleich mit Frankreich macht ihre Vorteile deutlich: Um dem auf Paris konzentrierten Zentralismus entgegenzuwirken, wird in Frankreich 1983 der vom Staat finanzierte Fonds Regional d´Art (FRAC) eingerichtet. Begünstigt durch die deutsche Kleinstaaterei und den späteren Föderalismus, aber insbesondere eben auch durch das bürgerliche Engagement in Kunstvereinen, hat zeitgenössische Kunst in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert eine öffentliche Plattform.

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Heinz Schütz
ist Kunsttheoretiker, Kritiker und Kurator. Er lebt in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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