Vierundzwanzig.de – Filmschule im Internet

Seit 2008 betreibt die Deutsche Filmakademie ihr digitales Wissensportal Vierundzwanzig.de, das besonders von Lehrern und Schülern für den Unterricht genutzt wird. Europaweit wohl einzigartig ist dabei die inhaltliche Schwerpunktsetzung auf die Filmherstellung vor und hinter der Kamera.Wann genau die Idee zu dieser „virtuellen Filmschule“ gekommen ist, weiß der Filmcutter Peter R. Adam (Comedian Harmonists, Good Bye, Lenin!) nicht mehr genau zu sagen. Sicher ist nur, dass es mit dem Internetportal Vierundzwanzig.de im Jahr 2008 losgegangen ist, rund drei Jahre nach der Etablierung der Deutschen Filmakademie, zu deren Gründungsmitgliedern auch Adam gehört. Die Akademie, die in ihrer Außenwirkung vor allem durch die Auswahl und Verleihung der „Lola“, also des Deutschen Filmpreises, verantwortlich ist, vereinigt im Inneren die meisten jener Berufsgruppen vor und hinter der Kamera, die zur Herstellung eines Films nötig sind.
Laut Satzung will die Akademie unter anderem „den deutschen Film als wesentlichen Bestandteil der deutschen und europäischen Kultur […] fördern“, was nach einer anderen Eigendarstellung die „filmspezifische Bildung und den filmischen Diskurs“ einschließt. Dabei sollten weniger inhaltliche oder feuilletonistische Informationen zu einzelnen Filmtiteln im Vordergrund stehen, als vielmehr die Vermittlung des grundständigen Filmschaffens selbst. „Wir Akademiemitglieder aus den unterschiedlichen Bereichen haben ja die Kompetenz durch unsere jeweilige Berufserfahrung“, sagt Adam. So habe sich „in einem fließenden Prozess“ die Idee entwickelt, mit Hilfe des digitalen Wissensportals Schülern, Pädagogen und Filmfreunden die Welt des Films aus Sicht der Kreativen zu präsentieren.
Videointerviews mit Filmschaffenden
Wer auf die Website von Vierundzwanzig.de kommt, findet in der linken Navigationsleiste oben insgesamt 14 Berufsgruppen oder auch „Gewerke“: von der Produktion über Regie (für Spielfilm und Dokumentarfilm), Drehbuch, Schauspiel, Kamera und Licht bis hin zu Casting, Tongestaltung, Spezialeffekten und Animation. Klickt man nun auf eine dieser Unterrubriken, erscheinen auf der Folgeseite weitere Links zu eigens produzierten Videointerviews und Lehrtexten. Im Gewerk Kamera/Licht etwa findet sich derzeit ein Interview mit dem mehrfach Oscar-nominierten Bildgestalter Michael Ballhaus über das Phänomen der Kamera-Kreisfahrt, die er und der 1982 verstorbene Kultregisseur Rainer Werner Fassbinder erfunden haben. Dazu sind Ausschnitte aus Fassbinders Film Martha von 1973 zu sehen. Ebenfalls in Bild und Ton erläutert der renommierte Kameramann Gernot Roll anhand des Films Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief (1997, Regie: Helmut Dietl), wie er mit 900 Kerzen eine erstaunliche Set-Atmosphäre ausgeleuchtet und aufgezeichnet hat.
Die vom künstlerischen Leiter von Vierundzwanzig.de Peter R. Adam und seiner Projektleiterin Katja Hevemeyer eingeworbenen, ebenso kurzweiligen wie lehrreichen Beiträge stammen allesamt von Mitgliedern der Deutschen Filmakademie. Auch mit dem Filmmuseum Frankfurt ist man eine Kooperation eingegangen und tauscht untereinander zum Beispiel Filminterviews aus. Einige Making-of-Clips werden darüber hinaus von Produzenten und Filmverleihen beigesteuert.
Unabhängig von der Filmindustrie
Gleichwohl betont Adam, dass neben „kleineren Kooperationen“ mit Partnern aus dem Filmgewerbe das Budget für die virtuelle Filmschule zum überwiegenden Teil aus der Mitgliederkasse der Filmakademie bezahlt wird. So sichere man sich eine größtmögliche Unabhängigkeit gerade von den kommerziellen Interessen der Filmindustrie. Vor kurzem ist die Site mit neuen Videointerviews bestückt worden, darunter sind auch Clips mit den bekannten Regisseuren Andreas Dresen (zuletzt: Wolke 9, Whisky mit Wodka) und Doris Dörrie (Kirschblüten – Hanami, Die Friseuse).
Zu den Nutzern von Vierundzwanzig.de gehören laut Adam vor allem Pädagogen – insbesondere Kunstlehrer – und Schüler, aber auch Journalisten und interessierte Filmfans. Lehrer seien vor allem von der Rubrik „24-Filmschule“ fasziniert, die Unterrichtsmaterialien mit Übungen zu den einzelnen Filmberufen in Form von kostenlos herunterladbaren PDF-Dateien zur Verfügung stellt. Dazu kommen ein Glossar mit filmspezifischen Begriffen, das sich nach erfolgter Registrierung auch von den Nutzern ergänzen lässt, sowie ein kleines Verzeichnis mit Informationen zu den auf dem Portal vorgestellten Filmen.
Neu ist die seit einigen Monaten bestehende englischsprachige Sammlung von ausgewählten Videointerviews. Die Auswertung der Zugriffsadressen habe laut Adam nämlich gezeigt, dass nicht etwa nur deutsche oder deutschsprachige User die Seiten anklicken, sondern Filminteressierte aus der ganzen Welt. „So lässt sich“, sagt Adam, „mit unserer virtuellen Filmschule ganz im Sinne unseres Satzungsauftrags auch ein Stück deutsche Kultur in andere Länder und Kontinente vermitteln.“
arbeitet in München als freier Journalist und Autor.
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März 2011
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