Deutsches Kino im Jahr 2005

Das Filmfest München ist Deutschlands bedeutendstes Sommer-Filmfestival. Es zeigt Welturaufführungen sowie europäische und deutsche Premieren.
Hier will man vor allem neue Handschriften entdecken. Ein Gespräch mit Festivaldirektor Andreas Ströhl und dem Programmkoordinator der Reihe „Neuer Deutscher Film“, Ulrich Maass, zu Tendenzen und Perspektiven im Deutschen Film.
Hans Weingartners Film Die fetten Jahre sind vorbei war noch nicht in den Kinos, als Rainer Knepperges und Christian Mrasek Die Quereinsteigerinnen drehten. Beides auf den ersten Blick gesellschaftskritische Filme, die Entführung eines Konzernchefs im Mittelpunkt. Der eine engagiert politisch, der andere eine schräge Komödie. Welcher Film spiegelt eine neue Generation?
Maass: Die fetten Jahre sind vorbei ist Spiegel einer Generation, die zur Revolte nicht mehr fähig ist. Der vermeintliche Aufstand ist eher die Happening-Variante einer Entführung, bezeichnend für den Zustand der heutigen Generation. Der Film ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Unmöglichkeit von Protest.
Staatliche Filmförderung: Die fetten Jahre sind vorbei?
Wie hat sich die Reduzierung der staatlichen Filmförderung auf die Inhalte des deutschen Kinofilms ausgewirkt?
Maass: Die Mittel bestimmen die Inhalte, kleinere Filme müssen andere Geschichten erzählen. Die stagnierende Förderung spielt einem neuen Autorenfilm in die Hände, einer deutschen „Nouvelle Vague“. Wenn man jedoch eine bestimmte Erzählweise wählt, kann man auch für wenig Geld einen sehr guten Film machen. Der Trend zur Digitalkamera verändert zudem auf subtile Weise die Ästhetik.
Nach welchen Kriterien werden in Deutschland Fördergelder gezahlt?
Ströhl: Die meisten regionalen Filmförderungen in Deutschland fördern getrennt nach einerseits kulturellen und andererseits wirtschaftlichen Kriterien. Wirtschaftlich gefördert werden Filme, von denen man sich einen internationalen Erfolg verspricht. Und damit Filme, die eigentlich keine Förderung nötig haben.
Dass im deutschen Film so viel geredet wird, liegt auch an der Förderung. Der Adressat eines Drehbuchs ist nicht der Regisseur, sondern das Fördergremium, das anhand der Dialoge entscheidet, ob ein Film einen Zuschuss erhält oder nicht. Es ist sehr schwer, Atmosphären und Lichtstimmungen in Sprache umzusetzen. Manche Regisseure versuchen das, haben aber, wie Fred Kelemen, ein hartes Leben.
Perspektiven und Inhalte
Welchen Stellenwert hat der deutsche Film im Ausland?
Ströhl: Künstlerisch war der deutsche Film im Ausland immer schon erfolgreich, kommerziell ist er seit einigen Jahren im Aufschwung. Künstlerischer Erfolg bedeutet, wie stark die deutschen Regisseure die Erzählweise der Regisseure im Ausland beeinflusst haben. In Thailand oder Pakistan kann man sehen, welche unglaublichen Spuren der deutsche Film hinterlassen hat. Jeder Filmemacher dort kennt den deutschen Film der siebziger Jahre. Im Ausland sind andere, seriösere Filme gefragt als die Beziehungskomödien der neunziger Jahre, die im Inland sehr erfolgreich waren. Ein Film wie Zeppelin von Gordian Maugg über den Absturz der Hindenburg 1937 in den USA wird im Ausland erfolgreicher sein als in Deutschland.
Den Förderpreis des deutschen Films erhielten Emily Atef und Esther Bernstorff für ihr Drehbuch zu Molly’s Way. Eine junge Irin macht sich auf die Suche nach dem Vater ihres Kindes in einer polnischen Kleinstadt.
Ströhl: Viele aktuellen Filme spielen in Osteuropa. Die Gesellschaften sind im Umbruch – hochinteressant, nicht nur wirtschaftlich gesehen. Für die Deutschen hörte früher die Welt an der Grenze auf, jetzt geht es weiter Richtung Osten. Ein spannendes Thema.
Die Höhle des gelben Hundes der Mongolin Byambasuren Davaa wurde in München mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Welche Rolle spielt die Magie der Fremde im deutschen Film?
Ströhl: Das Fremde spielte im deutschen Kino immer schon eine große Rolle. Werner Herzog hat von dreißig Filmen nur einen in Deutschland gedreht, Wim Wenders verfilmte seine Sehnsucht nach Amerika. Systematisch mit dem heimatlichen Mief auseinandergesetzt haben sich nur Rainer Werner Fassbinder und Herbert Achternbusch.
Maass: Heute ist Deutschland mehr denn je zuvor Thema der jungen Filmemacher. Die Berliner Schule etwa, eine Gruppe von Filmemachern, die vorzugsweise in Berlin angesiedelt sind. Zu ihnen gehören Thomas Aslan, Angela Schanelec, Christoph Hochhäusler, Christian Petzold, Dominik Graf, Andreas Dresen und Hans Christian Schmid.
Kompositionen
When silence sings ist eine Hommage an den Stummfilmmusiker Aljoscha Zimmermann. Welche Rolle spielt Filmmusik heute?
Maass: Filmmusik hat im deutschen Film keinen besonderen Stellenwert. Die deutschen Komponisten jedoch sind ein Exportschlager. Einige der besten Filmmusikkomponisten, die inzwischen in Hollywood arbeiten, sind Deutsche.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des deutschen Films?
Ströhl: Das Gesamtkunstwerk Film sollte stärker realisiert werden, in dem narrativen und verbalen Elementen zwar ein Gewicht zukommt, dies aber nicht das Einzige ist.
Der Film lehnt sich heute immer noch zu sehr an die Literatur und ans Theater an. Grundmuster und Figurenkonstellationen sind in der erzählenden Literatur jedoch sehr begrenzt. Der Film hat mehr Möglichkeiten, da er nicht nur auf Text angewiesen ist. Wir wünschen uns Filme mit musikalischen Prinzipien, deren Rhythmus und Dramaturgie mehr mit Atmosphären, Bildern und Tönen arbeiten. Nur der Film kann Abfolgen von Stimmungen darstellen. Daher sollte man Filme über Stimmungen machen, was kein anderes Medium so gut kann. Auf einer Zeitachse angelegte visuelle und auditive Kompositionen schaffen und nicht nur Dialoge bebildern.
Ich danke für das Gespräch!
führte das Interview. Sie ist freie Redakteurin und Autorin
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September 2005









