Hintergrund: Deutsches Kino

Nachschlag in Sicht? – Preisgekröntes deutsches Kino 2011/2012

„Halt auf freier Strecke“: Filmkritiker mit verweinten Augen  Foto: © Pandora Film„Halt auf freier Strecke“: Filmkritiker mit verweinten Augen  Foto: © Pandora FilmSo manche aktuellen deutschen Filme, wie „Barbara“ oder „Halt auf freier Strecke“, haben bereits Preise internationaler Festivals in Cannes und Berlin gewonnen. Und gingen beim Deutschen Filmpreis im April erneut erfolgreich ins Rennen.

Ob Fernsehserie oder Groschenheft – kaum ein Thema ist beliebter als die heißen Gefühle der Helfer im weißen Kittel. Und jetzt – ein Film über Ärzte in der DDR. Das hätte danebengehen können, doch Christian Petzold erzählt in Barbara eine wunderbare Liebesgeschichte inmitten der Anfeindungen eines Regimes. Mit Zeitkolorit, doch bar jeder „Ostalgie“: Olympia-Sommer 1980 – in einem Provinzkrankenhaus an der Ostsee tritt die Ärztin Barbara ihren Dienst an. Freiwillig ist sie nicht hier, sie hat einen Ausreiseantrag gestellt und wurde strafversetzt. Ein spannender Start für ein Drama, in dem die Gefühle am Ende für ein überraschendes Ende sorgen. Wie oft bei Petzold ist eine literarische Quelle ein Schlüsseltext: Ronald Zehrfeld (André) spricht mit Nina Hoss (Barbara) über Der Kreisarzt von Iwan Turgenew. Dort, wie in Barbara, steht die Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben im Mittelpunkt. Bei Turgenew muss man dafür bitter bezahlen, bei Petzold – diesmal – nicht. Großartiges Kino – bis in jede Nebenfigur hinein brillant besetzt und durchdacht inszeniert.

„Ein wunderschöner Sommertag“

Szene aus „Barbara“  Foto: © Pfiffl„Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag“, heißt es im Refrain am Abspann von Halt auf freier Strecke. „Man tritt danach ja wieder ans Licht“, erklärt Andreas Dresen das fröhliche Lied am Ende seines ergreifenden Films über das Sterben. Ein willkommener Trost, setzte doch Halt auf freier Strecke selbst hartgesottenen Filmkritiker so zu, dass sie noch Stunden nach der Pressevorführung bei den Filmfestspielen in Cannes 2011 mit Sonnenbrille herumliefen, um verweinte Augen zu kaschieren: Frank Lange steht mitten im geregelten und glücklichen Leben – verheiratet, zwei Kinder, Reihenhaus, als ihm die Prognose „Gehirnturmor“ noch wenige Monate zum Leben gibt. Wir folgen ihm und seiner Familie auf dieser Reise in den Tod. Gnadenlos und unmittelbar – vom Abschiedssex bis zur Inkontinenzwindel. Grandios gespielt von Milan Peschel, doch niemals sentimental, berührt der Film gefürchtete Tabus.

Die Hölle, das sind – nicht – die anderen

Ein Tabu anderer Art bricht Hell von Tim Fehlbaum. Hausgemachtes Genre-Kino ist in der deutschen Filmszene oft noch verpönt: So was bringe vielleicht Kasse, aber keine Auszeichnung. Jetzt heißt es umdenken – der postapokalyptische Thriller Hell und sein hochkarätiges Darstellerensemble (unter anderen: Hannah Herzsprung und Lars Eidinger) war gleich in sechs Lola-Kategorien nominiert. Den Förderpreis Deutscher Film hat der spannende Öko-Thriller über den Überlebenskampf in einer Welt ohne Wasser ja schon gewonnen ...

So nah dran, dass es weh tut

Plakat von „Hell“  Foto: © ParamountIn den vergangenen Jahren war es schwer, bei Fördergremien oder Sendeanstalten Spielfilme über Neonazis zu platzieren. „Alles schon dagewesen, keine Quote“, lauteten die Kommentare. Doch David Wnendt ließ sich davon nicht abbringen – jahrelang recherchierte er für Kriegerin und fand mutige Partner. Kurz bevor die Aufdeckungen der Zwickauer Terrorzelle Deutschland entsetzte, rüttelte er geradezu seismografisch mit seinem Spielfilmdebüt wach. Mit klugem Drehbuch und gekonnter Inszenierung zeigt Wnendt, wie leicht man in die rechtsradikale Szene reinrutschen kann und welchen Preis man für den Ausstieg zahlen muss.

Getragen wird der Film vor allem durch die Neuentdeckung Alina Levshin, die mit ihrem sensiblen Spiel in jeder Szene eine Gänsehaut hervorruft und tapfer den schlimmsten Haarschnitt der deutschen Filmgeschichte erträgt. Kriegerin sammelt seit seiner Premiere 2011 auf dem Filmfest München weltweit Anerkennung. Ein deutliches Zeichen dafür, wie aktuell das Thema „rechtsradikale Jugendliche“ auch außerhalb Deutschlands ist.

Von Stehbrettseglern und Blondinenbeglückern

This Ain’t California – natürlich nicht, wir befinden uns in Ostberlin – und auf dem Alexanderplatz heißen Skateboards „Rollbretter“. Der Gewinnerfilm des Preises „Dialogue en Perspective“ der Berlinale-Reihe Perspektive Deutsches Kino zeigt ein Porträt der Subkultur der „Stehbrettsegler“ in den 1980er-Jahren der DDR. Regisseur Marten Persiel zeichnet mit Originalmaterial, Animation und Interviews das Lebensgefühl dieser Exoten im DDR-Regime nach. Ästhetisch gestaltet er mit seinem Format-Mix nicht nur eine schlüssige, sondern auch mitreißende Geschichte: Die Zuschauer rollen geradezu mit – auf den selbstgebauten Skateboards, die aus alten Rollschuhen gebastelt wurden. Gilt doch „Skaten war Befreiung“, wie es einer der Protagonisten zusammenfasst.

Szene aus „Kriegerin“  Foto: © ASCOT ELITE FilmverleihWenn Rolf Eden über Freiheit redet, geht es dabei meistens um Sex. Vielen ist Rolf Eden aus der Boulevardpresse ein Begriff. Der 82-Jährige mit dem sonnenbankgebräunten Gesicht, der sich gern mit Blondinen – keinesfalls über Dreißig – umgibt. Warum ein Dokumentarfilm über den „König des Berliner Nachtlebens“, dessen Playboy-Attitüde doch eigentlich Schnee von gestern ist? Peter Dörfler zeichnet in The Big Eden ein authentisches Bild einer einzigartigen Karriere und erzählt auch Unbekanntes: geboren 1930 in Tempelhof als Shimon Eden, flieht Eden mit seiner Familie drei Jahre später nach Palästina. Als er 1957 nach Berlin zurückkehrt ist es für ihn eine unbekannte Welt, „Berlin war absolut fremd für mich. Wie Alaska.“ Doch das sollte nicht lange so bleiben – aus 6.000 Mark Heimkehrerbonus erschafft er ein Nachtclub-Imperium und bringt Stars nach Deutschland: Louis Armstrong, Jack Lemmon, Liza Minelli et cetera. Seine Großdisco Big Eden wird weit über Deutschlands Grenzen bekannt – sogar die Rolling Stones tanzen hier. Dörfler gelingt mit seinem Film nicht nur ein faszinierendes Porträt Rolf Edens, sondern auch Berlins in der Nachkriegszeit. Und außerdem wollten wir doch immer schon wissen, wie es Eden gelang, sieben Kinder mit sieben verschiedenen Frauen zu zeugen.

Road Movie in die Vergangenheit

Schon in Johannes Schmids Film Blöde Mütze waren Zwölfjährige zwar die Helden, doch die begeisterten Zuschauer waren ebenso unter den Erwachsenen zu finden. Und das wird so bleiben – denn sein neuer Film Wintertochter ist ein „Generationenfilm“ im wahrsten Sinn: Die 12-jährige Katharina wird Heiligabend plötzlich damit konfrontiert, dass der Mann, den sie bisher für ihren Vater hielt, nicht ihr leiblicher Vater ist. Zornig bricht sie mit ihrem besten Freund und der 75-Jährigen Nachbarin Lene Graumann zur Vatersuche nach Polen auf. Diese Reise ist gleichzeitig auch eine innere: Was macht Freundschaft, Liebe, Familie aus? Katharina, aber auch Lene Graumann müssen ihre Werte hinterfragen – konzentriert und dennoch emotional inszeniert, reisen wir mit.

Cathy de Haan
ist Autorin und Dramaturgin und arbeitet international als Kuratorin und Jurymitglied für Filmfestivals. Sie lehrt in Leipzig und Potsdam Medienästhetik und Kulturjournalismus.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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