Keine halben Sachen
Michael Ballhaus gehört zu den wenigen Stars unter den Kameramännern

Der Weg nach Hollywood ist für deutsche Kameramänner, so scheint es, ein wenig kürzer als für andere aus der Filmbranche. Jost Vacano, der Das Boot filmte, ging in die USA und drehte dort Total Recall und Starship Troopers, die letzten Filme des 1997 verstorbenen Bundesfilmpreisträgers Dietrich Lohmann waren Deep Impact und The Peacemaker, Fred Schuler war Kamera-Assistent bei Martin Scorseses Taxi Driver und arbeitete später mit John Cassavetes, bei Gloria beispielsweise.
Der erfolgreichste deutsche Kameramann von allen aber ist Michael Ballhaus. Er war der zentrale Filmer der Regisseure des Neuen Deutschen Films in den Siebzigern, drehte vor allem mit Rainer Werner Fassbinder – von Warnung vor einer heiligen Nutte (1971) über Faustrecht der Freiheit (1975) bis Die Ehe der Maria Braun (1979) und Lilli Marleen (1981).
Arbeiten in Amerika
Je berühmter Fassbinder im Ausland wurde – er war damals der wichtigste Vertreter des deutschen Films –, desto bekannter wurde auch sein Kameramann Ballhaus. In den Achtzigern begann er, kontinuierlich in den USA zu arbeiten. Er hat mit Francis Ford Coppola (Dracula), Robert Redford (Quizshow, The Legend of Bagger Vance) und immer wieder mit Martin Scorsese (Age of Innocence, Goodfellas) gearbeitet, dessen bevorzugter Kameramann er ist. Gangs of New York hat Ballhaus 2003 seine dritte Oscarnominierung eingebracht. Es war vor allem eine Spezialität, die Ballhaus zum Star unter den Kameramännern machte: die 360-Grad-Fahrt um die Akteure herum. Die Szene in The Fabulous Baker Boys (1989), in der er Michelle Pfeiffer umzirkelte, die sich auf dem Klavier räkelt - das war wohl die Krönung seiner Arbeit, das Gesicht dieses Films hat er mehr geprägt als der Regisseur Steve Kloves.
360-Grad-Fahrten
Zum ersten Mal hat er diesen Kreis in Fassbinders Ehedrama Martha beschrieben: Martha - gespielt von Margit Carstensen - und Karl-Heinz Böhm begegnen sich zum ersten Mal, auf dem Vorplatz der deutschen Botschaft in Rom, sie gehen aneinander vorüber, und während Ballhaus um die beiden herumfährt, treffen sich ihre Blicke: Marthas Schicksal ist besiegelt, sie wird diesen Moment nicht vergessen, sie wird mehr seine Gefangene als seine Geliebte sein. Die Hälfte dieses ersten Kreises, sagt Ballhaus, ging übrigens auf das Konto von Fassbinder - Ballhaus wollte nach 180 Grad Schluss machen.
Biografisches
Ballhaus, am 5. August 1935 geboren, ist in Coburg aufgewachsen, wo seine Eltern ein Theater führten. Die Kunst lag ihm im Blut, dass er zum Film gehen würde, hat sich am Set von Max Ophüls´ Lola Montez entschieden. Der Irrsinn, der bei den Dreharbeiten zu dieser außer Rand und Band geraten Riesenproduktion tobte, hat ihn sofort infiziert. Und eigentlich birgt dieser Ausgangspunkt auch schon den Wegweiser nach Hollywood, wo das Kino wenigstens gelegentlich so groß und so irrsinnig werden darf, wie es sich fühlt - was meistens weniger eine Frage der Inspiration ist als eine Frage des Geldes.
„Das fliegende Auge“
Zusammen mit dem Regisseur Tom Tykwer (Lola rennt) hat Ballhaus ein Interview-Buch gemacht, das unlängst in Deutschland erschienen ist - dem legendären Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock? von François Truffaut nachempfunden, wenn auch nicht ganz so großartig. Ein besonderes Buch ist es trotzdem – nicht nur Ballhaus kommt in der Filmliteratur sonst nur am Rande vor, Bücher über Kameramänner sind insgesamt selten. Das Fliegende Auge – Michael Ballhaus, Director of Photography haben die beiden das Buch genannt. Die Berufsbezeichnung, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt, hat sich Ballhaus verdient – es sind auch seine eigenen Ideen, Träume, Erfahrungen, die er sichtbar macht. Er ist immer mehr gewesen als einer, der nur die Weisungen seines Regisseurs erfüllt, die Bilder auf Film bannt, die ihm vorgegeben werden - und er wollte auch immer mehr sein.
| Michael Ballhaus, Tom Tykwer: Das fliegende Auge – Michael Ballhaus, Director of Photography. Berlin Verlag, 2003. 261 Seiten, ISBN: 3827004608. |
ist Filmkritikerin der Süddeutschen Zeitung
online-redaktion@goethe.de
März 2003








