Deutsche Filmemacher und Filme

Die Bilder-Nomadin: Ulrike Ottinger

'Ulrike Ottinger, Copyright: Ulrike OttingerDie 1942 geborene Ulrike Ottinger gehört zu den international renommiertesten Vertreterinnen des deutschen Films. Da erstaunt vielleicht zunächst, dass ihr Werk in der Kunstszene weit mehr bekannt ist als beim klassischen Kinopublikum. So sind ihre seit den 1970er Jahren entstandenen Filme auch häufig im Rahmen von Kunstausstellungen zu sehen.

2002 wurden ihre Filme Südostpassage und Das Exemplar auf der documenta 11 in Kassel vorgestellt. Die Einladung zur Teilnahme an diesem nach wie vor weltweit wichtigsten Ausstellungsereignis im Bereich der Gegenwartskunst verdeutlicht das Ansehen Ottingers ebenso wie ihre Sonderstellung zwischen Film und Bildender Kunst.

Groteske Verwandlungen

Ulrike Ottinger ist, um einen etwas aus der Mode geratenen Begriff zu benutzen, eine Film-Künstlerin, und zwar im Wortsinn. Ihre hochgradig artifiziellen Bildwelten enthalten eine Fülle von kunsthistorischen und literarischen Anspielungen, angefangen von der antiken Skulpturengruppe des Laokoon über den Mythos der Jeanne d’Arc bis hin zu Oscar Wildes Dorian Gray oder Virginia Woolfs Erzählung Orlando. Die kulturgeschichtlichen Vorlagen werden dabei zum Ausgangsmaterial für phantastische Geschichten, deren visuelle Opulenz wesentlich auf Ottingers Vorliebe für Kostüme, Maskeraden und Verwandlungen jedweder Art zurück zu führen ist. Bereits ihr erster Film Laokoon & Söhne von 1973 gibt hier exemplarisch die Richtung an. Er schildert die Verwandlungsreise der Esmeralda del Rio, die sich als Witwe Olimpia Vincitor auf die Suche nach ihrer Vergangenheit begibt und kurz darauf als Schlittschuhläuferin Linda MacNamara in Erscheinung tritt, um schließlich die männliche Rolle des Gigolos Jimmy Junod einzunehmen. Die beständigen Transformationen und Metamorphosen katapultieren der Betrachter in einen Taumel der Wahrnehmung: nichts ist endgültig, nichts ist sicher.

„Ständig geschehen hier Dinge, die gegen den strengen theatralischen Anspruch gehen“, resümiert die Erzählstimme in dem genannten Film an einer Stelle. Dieses Zitat kann auch als Leitmotiv für alle nachfolgenden Filme Ottingers gelten, in denen karnevaleske Szenen und commedia dell’arte gepaart mit einem Schuss barocker Morbidität sowie Anleihen an das Genre des Sciencefiction-Films zu einer einzigartigen erzählerischen Mischung verwoben sind. Diese Mischung sprengt alle gängigen Stil- und Genre-Schubladen.

Aufbrechung der Geschlechterkategorien

So passt auch das Attribut „feministischer Film“ nur bedingt. Es stimmt zwar, dass in der Mehrzahl der Ottinger-Filme Ausnahme-Frauen im Zentrum des Geschehens stehen. Davon künden Filmtitel wie Madame X – Eine absolute Herrscherin (1977) oder Bildnis einer Trinkerin (1979). Aber auch Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse (1983/84) dreht sich um eine Frau, konkret: einen weiblichen Dr. Mabuse, und Freak Orlando (1981) kreiert frei nach Virginia Woolf die Figur der Orlanda Zyklopa. Davon abgesehen arbeitete die Filmemacherin von Anfang an mit einer fast ausschließlich weiblich besetzten Filmcrew. Neben Tabea Blumenschein, die für die wunderbaren Kostüme und Masken vieler Ottinger-Filme verantwortlich ist, treten Schauspielerinnen wie Delphine Seyrig, Magdalena Montezuma oder die durch die Filme Rainer Werner Fassbinders bekannt gewordene Irm Hermann immer wieder in Erscheinung. Trotz alledem lässt sich die Kunst Ottingers mit dem von feministischen Kritikerinnen immer wieder behaupteten „Entwurf einer weiblichen Gegenkunstwelt“ nicht erklären. Im Gegenteil, überschaut man ihre Filme, so geht es eher um ein Aufbrechen der gesellschaftlich sanktionierten Geschlechterkategorien von männlich-weiblich. Dies verdeutlichen nicht zuletzt all die satyrhaften Gestalten, bärtigen Frauen und anderen Zwitterwesen und Freaks, von denen die Bildwelten Ottingers bevölkert sind.

Annäherungen an das Fremde: die Reiseerzählungen

Neben ihren Spielfilmen hat Ottinger auch eine Reihe von Reisefilmen gedreht. Sie zählen zum Besten, was der zeitgenössische Dokumentarfilm zu bieten hat. Erzählt werden Geschichten vom Fremden aus der Perspektive des Vertrauten. Die Verwandlung wird auch hier zum bestimmenden Thema: so lässt die bewusst subjektive Perspektive das Fremde vertraut erscheinen und rückt stattdessen die eigene Kultur und ihre Gewohnheiten in ein fremdes Licht. Dabei ist in der Wahl der Themen eine Vorliebe für den Orient und die asiatische Kultur unübersehbar. Der bereits erwähnte Film Südostpassage handelt von einer Reise von Berlin nach Osteuropa, Taiga (1991/92) ist eine achteinhalbstündige Aufzeichnung von Reisebegegnungen Ottingers in der Mongolei und Johanna d’Arc of Mongolia (1989) schildert eine Fahrt in die Mongolei mit der transsibirischen Eisenbahn aus der Sicht von vier Frauen. Gerade der letztgenannte, nicht nur in seiner intensiven Farbigkeit betörende, sondern auch durch den Sinn für Komik und bisweilen fast surreale Detailbeobachtungen bestechende Film verdeutlicht, dass jede Wahrnehmung immer schon ein Übersetzungsakt ist. „Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare“, zitiert Ottinger Oscar Wilde und formuliert damit das Motto ihrer nomadischen Bilder-Reisen, die nicht den Anspruch erheben, in die Erscheinungen einzudringen, sondern umgekehrt, die verborgenen Seiten des Sichtbaren aufzuspüren.

Das Museum für Film und Fernsehen in Berlin würdigt die Filmemacherin Ulrike Ottinger mit einer Sonderausstellung. Sie ist bis zum 2. Dezember im Filmhaus am Potsdamer Platz zu sehen. Gezeigt werden unter anderem großformatige Fotos, die während der Dreharbeiten entstanden sind, sowie Arbeitsbücher, Porträts von Kollegen sowie farbenprächtige Kostüme, die von der Regisseurin eigens für die Ausstellung zu Installationen arrangiert wurden. Außerdem sind in einer Retrospektive alle ihre Filme zu sehen.
Anja Osswald
ist Kunstwissenschaftlerin und Autorin

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aktualisiert September 2007

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