Verzettelt: Der neue Film von Helmut Dietl

25 Jahre nach der Kult-Serie „Kir Royal“ dreht Regisseur Helmut Dietl eine Art Fortsetzung für das Kino. „Zettl“ handelt vom Aufstieg eines skrupellosen Karrieristen in der Berliner Medien-Szene. Doch als Satire scheitert „Zettl“.
New York, New York. Gleich zu Beginn des Films ertönt Frank Sinatras Ich-will-dabei-sein-Hymne. „I wanna wake up in a city that doesn’t sleep / And find I’m king of the hill, top of the heap …“ Chauffeur Max Zettl (Michael „Bully“ Herbig) will nach oben. Ganz weit nach oben. Der Ort für sein Vorhaben ist gut gewählt: Berlin-Mitte, ein Dorf mit New-York-Attitüde. Nirgendwo tummeln sich so viele Leute, die nichts können und alles wollen. Hier gibt es nur eine Richtung: nach oben.
Zettls Weg nach oben
Zettl lauert auf seine Chance. Sein Mangel an Bildung und Qualifikationen scheint kein Hindernis zu sein. Die entscheidende Währung in diesem Moloch aus Politikern, Geld- und Medienmenschen ist Skrupellosigkeit. Und davon hat Zettl mehr als jeder andere. Seine Maxime: In jedem Moment den eigenen Vorteil suchen. Den Wert anderer bemisst Zettl ausschließlich nach ihrem Nutzen für seine Interessen. Zettl läuft durch Berlin als habe Machiavelli einen Roboter programmiert. Er grüßt hierhin und lächelt dorthin. Nicht, weil er die Menschen mag oder besonders höflich ist. Er weiß, diese Leute werden ihm irgendwann nützen.
Schneller als man es nachvollziehen kann, wird Zettl Chefredakteur eines ambitionierten Online-Magazins. Als Zettl herausfindet, dass die Berliner Bürgermeisterin (Dagmar Manzel) in Wahrheit ein Mann ist, wittert er die große Story. Noch nützlicher scheint ihm die Geschichte in privater Funktion. Zettl erpresst die Bürgermeisterin für eine Rührgeschichte: Waise Zettl, findet überraschend seine Mutter (die Bürgermeisterin) wieder, nachdem die Stasi sie zu DDR-Zeiten getrennt hatte.
Satire oder Klamauk?
Spätestens an dieser Stelle merkt man die Ratlosigkeit, die Regisseur und Drehbuchautor Helmut Dietl befallen hat, angesichts seiner selbst gestellten Aufgabe. Drei Jahre lang verbrachte Dietl in Berlin, um Stoff für seinen Film zu finden. Das Ergebnis war ernüchternd. „Man lernt nichts, sondern man bekommt etwas bestätigt. Das ist eine Erfahrung, also ich weiß nicht, ob man die wirklich machen muss. Glücklicher wird man nicht davon“, sagt Dietl im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. So bieten die unzähligen Intrigen, mit denen die Figuren untereinander verstrickt sind, wenig Überraschendes. Wer keine Moral hat, keine Skrupel, dem traut man eben alles zu.
Zum anderen sind Dietls Versuche, die Zuschauer zu überraschen, derart haarsträubend, dass die vermeintliche Satire immer wieder in Klamauk abdriftet. Das ist nicht überspitzt, sondern albern. Typisch ist diese Lift-Szene, in der sich Zettl im fingierten Chinesisch mit der chinesischen Empfangsdame unterhält. Typischer Bully-Humor, der leider nicht zum Film passt. Oder wenn sich der vermeintlich asiatische Design-Künstler als stinknormaler Berliner entpuppt. Die „Schlitzaugen“, sagt er, habe er sich operieren lassen, um seine Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern.
Fehlende Sympathieträger
Dietls Film will die Mechanismen einer amerikanisierten Arbeitswelt zeigen, die mit ihrer sozialen Kälte alles durchdringt, bis tief ins Privatleben. Berlin als Wilder Westen, wo die Gesetze des Stärkeren gelten. Oder mit einer Metapher, die Dietl visuell bemüht: Berlin erlebt eine neue Eiszeit. Herbie Fried fotografiert den toten Bundeskanzler (Götz George) im Kühlraum der Klinik. Was ist schon die Würde eines Toten gegen eine hohe Einschaltquote? Genau hier liegt ein großes Problem des Films: Er funktioniert nicht als Satire. Zettl ist genauso kalt, wie die Gesellschaft, die er zeigen will. Die Charaktere des Film sind so lächerlich wie ihre realen Vorbilder, aber sie sind einem genauso egal. Es fehlt eine Figur, die einem wirklich nahe geht, mit der man als Zuschauer mitfiebern oder -leiden könnten, jemand, der gegen diesen Irrsinn ankämpft.
Das unterscheidet Zettl von Dietls exzellenten TV-Serien Münchner Geschichten, Monaco Franze und Kir Royal. Deren Figuren sind moralisch auch keine Engel, aber ihre sympathischen Seiten überwiegen deutlich. Sie empfinden Scham und Reue. Selbst Klatschreporter Baby Schimmerlos hat so etwas wie Berufsethos, sofern das überhaupt möglich ist in seinem Metier. Regisseur Dietl mochte seine Serien-Charaktere. Das merkt man als Zuschauer. Dagegen erweckt Zettl den Eindruck, Dietl verachte seine Figuren – ausgenommen vielleicht die beiden Überbleibsel aus Kir Royal: Fotograf Herbie Fried (Dieter Hildebrand) und Mona Mödlinger (Senta Berger), die Freundin des verstorbenen Baby Schimmerlos. Ihre Rollen sind aber nicht annähernd so wichtig wie in Kir Royal. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wäre Baby Schimmerlos dabei gewesen. Als zweiter Hauptdarsteller und halbwegs moralischer Gegenpol zu Max Zettl. So hatte Dietl es ursprünglich geplant. Doch Schimmerlos-Darsteller Franz Xaver Kroetz wollte seine Rolle anders interpretieren als vorgesehen und Dietl verzichtete auf ihn.
Der Film hat noch ein weiteres Problem: Es sind zu viele Figuren, die zu viel wollen, aber nicht die Zeit dazu haben. Handlung, Motivation und Beziehung zwischen den Figuren sind kaum nachvollziehbar. Trotz durchweg starker Schauspiel-Leistungen bleibt das Gefühl, Dietl hätte aus seinem Stoff besser eine TV-Serie gemacht. Wahrscheinlich wäre es nicht einmal nötig gewesen, die Geschichte in Berlin anzusiedeln. Typen wie Zettl gibt es in München genügend. Auch 25 Jahre nach Kir Royal.
freier Autor in München.
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Februar 2012
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