Filmszene

„Der Aufbruch kam mit der Jahrtausendwende“ – Alfred Holighaus über den deutschen Film

Alfred Holighaus; © Berliner FilmfestspieleAlfred Holighaus; © Berliner FilmfestspieleEr gehört zu den wenigen, die trotz aller Krisen immer an das Potenzial des deutschen Films glaubten. Nach neun Jahren als Leiter der Berlinale Sektion „Perspektive deutsches Kino“ wechselt Alfred Holighaus in die Geschäftsführung der Deutschen Filmakademie – und kann eine positive Bilanz ziehen.

Es gibt kaum jemanden in Deutschland, der den deutschen Film durch so viele Phasen und in so unterschiedlichen Positionen begleitete wie Alfred Holighaus. Der gebürtige Hesse, Jahrgang 1959, der von sich sagt, dass seine Liebe zum deutschen Film seinerzeit mit der Karl May-Verfilmung von Der Schatz im Silbersee begann, arbeitete als Filmjournalist und Buchautor. Er leitete die Abteilung Projektentwicklung, Stoff- und Filmeinkauf bei der Senator Film Produktion. Als Dramaturg und/oder Co-Produzent war er für erfolgreiche Filmprojekte verantwortlich. Darunter Joseph Vilsmaiers Produktion über die legendäre Gesangsgruppe Comedian Harmonists, Oliver Hirschbiegels Psychothriller Das Experiment oder Peter Thorwarths Komödie Bang Boom Bang. 2001 holte ihn der neue Berlinale-Leiter Dieter Kosslick ins Team der Internationalen Filmfestspiele. Der deutsche Film sollte wieder mehr Gewicht und auch Gesicht bekommen im Rahmen des A-Festivals. Holighaus wurde die Akquise und Präsentation deutscher Filme übertragen und zudem die Leitung einer neuen Berlinale Sektion.

Filmplakat „Am Ende kommen Touristen“; © X VerleihDie „Perspektive deutsches Kino“, die mit ihrem Programm einen intensiven Blick in das Schaffen neuer Talente ermöglichte, sorgte bereits bei ihrer Premiere für einen derartigen Publikumsandrang, dass zusätzliche Vorstellungen nötig wurden. Ein Erfolg, der sich hielt. „Noch heute sitzt viel Jungvolk im Parkett“, so Alfred Holighaus, „auch die Festivals sind immer interessiert. Zudem hat sich bei Etablierten der Branche oder bei Filmhändlern herumgesprochen, dass es bei der Perspektive immer einiges zu entdecken gibt.“ So zum Beispiel Regisseure wie Robert Thalheim, der mit der tragikomischen Familienstory Netto und später mit Am Ende kommen Touristen über einen deutschen Praktikanten in einem ehemaligen Konzentrationslager, oder Bettina Braun, die mit Was lebst du? eine Kölner Gruppe junger Immigranten über Jahre begleitete und untermalt mit der mitreißenden Musik ihrer Protagonisten ein eindringliches Porträt zwischen Wunsch und Alltag, Hoffnung und Scheitern zeichnete. Dazu gehört auch Markus Mittermeier, der mit Muxmäuschenstill, einer skurrilen Geschichte um einen jungen Gerechtigkeitsfanatiker, einen Kinoerfolg landete, 2004 den Max-Ophüls-Preis erhielt und sogar für den deutschen Filmpreis nominiert wurde.

Neue Suche nach Identität

Filmplakat „Muxmäuschenstill“; © X VerleihAlfred Holighaus ist es mit der Reihe gelungen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Neues im deutschen Film zu lenken. Doch lässt sich aus dem kontinuierlichen Interesse am Nachwuchs auch schließen, dass der deutsche Film grundsätzlich an Akzeptanz gewonnen hat? Holighaus meint, ja. Der Marktanteil des deutschen Films in den hiesigen Kinos liege zurzeit ziemlich stabil bei 25 Prozent. Daran sei in den 1990er-Jahren noch nicht zu denken gewesen. Damals habe „eine Art Monokultur der Komödie“ geherrscht, nachdem nach den Autorenfilmern der 1960er-Jahre eine gewisse Leere entstanden war.

„Der Aufbruch kam mit der Jahrtausendwende“, sagt Alfred Holighaus. „Vielleicht lag es an der veränderten politischen Situation im Deutschland nach der Wiedervereinigung“, überlegt er, „aber zu der Zeit kam es zu einer neuen Suche nach Identität.“ Während sich die ehemaligen Jungfilmer wie Schlöndorff oder Kluge mit ihren Vätern und mit der deutschen Geschichte auseinander gesetzt hatten, richtete die neue Generation von Filmemachern den Blick auf das Umfeld, den Zeitgeist, das Private. Das machte sich nicht nur in der Berlinale Sektion „Perspektive deutsches Kino“ bemerkbar, in der sich die gezeigten Produktionen Jahr für Jahr mehr zum Seismographen für die derzeitige Befindlichkeit der nachwachsenden Generation entwickelten.

Darüber hinaus entstanden Filme wie Andreas Dresens Beziehungsgeschichte Halbe Treppe, die 2002 den Silbernen Bären erhielt. Christian Petzold, der sich 2000 in Die innere Sicherheit mit der Situation eines Paares nach dem Ende der RAF befasste, widmete sich 2004 mit Gespenster der Suche nach einem vermissten Kind. Fatih Akins Immigrantendrama Gegen die Wand geriet zum sensationellen Erfolg bei der Berlinale 2004 und erhielt den Goldenen Bären. Alle drei legten erfolgreich nach. Dresen mit Sommer vorm Balkon (2005) oder Wolke Neun (2008), Petzold unter anderem mit Yella (2006), Akin beispielsweise mit Auf der anderen Seite (2007) und 2010 mit Soul Kitchen – nur einige Beispiele für das zunehmend erfolgreiche deutsche Kino.

Was die Akzeptanz des deutschen Films im eigenen Land betrifft, macht sich Alfred Holighaus keine Sorgen. Das Spektrum an Genres und Geschichten ist breit, die Mischung von Kunst und Kommerz ausgewogen. Das weiße Band, Michael Hanekes Geschichte über einen unnachgiebigen Protestantismus in einem deutschen Dorf im Vorfeld des ersten Weltkrieges, 2009 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, finde genauso seine Zuschauer wie Til Schweigers Komödie Zweiohrküken.

Kontinuität seit der Jahrtausendwende

Filmplakat „Das Leben der Anderen“; © Buena VistaWas die Wahrnehmung des deutschen Films im Ausland betrifft, sei allerdings noch einiges zu tun. „Es gibt zwar auf der Welt kaum noch ein Festival, das nicht ein, zwei deutsche Filme oder Koproduktionen im Programm hat. Aber so richtig ernst genommen und erkannt wird er noch nicht.“ So entdeckte er in einer britischen Liste über die besten Filme des letzten Jahrzehnts ausschließlich die mit dem Oscar gekrönte Produktion Das Leben der Anderen und den für den Oscar nominierten Film Der Untergang. „Das sind Filme, die im Ausland gut funktionieren und auch etwas über Deutschland erzählen. Aber damit wird noch nicht wahrgenommen, was es in der ganzen Bandbreite an guten deutschen Filmen gibt. Dass dabei zum Beispiel ein Film, der mit einer so menschlichen Wucht daher kommt wie Gegen die Wand nicht auftaucht, macht mir schon Sorgen.“

Der Diskurs nach innen, die Wirkung nach außen, das sind Bereiche, mit denen sich Alfred Holighaus in seiner neuen Position als Geschäftsführer der 2003 gegründeten Deutschen Filmakademie befassen wird. Es gibt noch einiges zu tun für den Mann, der an den deutschen Film schon glaubte, als es die Regisseure noch nicht taten, wie eine Berliner Tageszeitung schrieb. „Der deutsche Film hat sich wieder zu einem stärkeren Wirtschaftsgut entwickelt“, sagt er. Aber von einer deutschen Filmwirtschaft will er noch nicht sprechen. „Es ist eher eine gescheite Manufaktur und keine Heimarbeit mehr. Und es gibt eine Kontinuität seit der Jahrtausendwende. Wenn das so weiter geht, kann man schon zufrieden sein.“

Anmerkung der Redaktion: Wir bedauern, dass in einer früheren Fassung dieses Artikels in Zusammenhang mit dem Vernichtungslager Auschwitz von einem „polnischen Konzentrationslager“ die Rede war. Das ist selbstverständlich historisch falsch. Das beruht auf einer Verwechslung der geographischen Lage des Lagers mit seiner politischen Urheberschaft. Auschwitz war ein deutsches Konzentrationslager im von Deutschland besetzten Polen. Die falsche Behauptung wurde aus dem Artikel entfernt; wir bitten um Entschuldigung für die Unachtsamkeit, die uns unterlaufen ist.
Sabine Pahlke-Grygier
arbeitet als Journalistin und Autorin. Im August 2009 erschien nach „Kinohits für Kids – die schönsten Kinderfilme auf DVD“ (2008), ihr „Handbuch Synchronisation – von der Übersetzung bis zum fertigen Film“ im Henschel Verlag.

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Februar 2010

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