Zeitgeschichte im Film

Das Dritte Reich, die RAF, die DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands –zeitgeschichtliche Themen liefern immer wieder Stoff für zum Teil spektakuläre Filme. Doch mehr Aufschluss über die Motive der Akteure und die tatsächlichen historischen Sachverhalte ist nicht immer zu erwarten.Als der Hollywood-Regisseur Bryan Singer die Geschichte des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 neu verfilmte, betrachteten das Feuilletonisten und Historiker in der Bundesrepublik mit äußerster Skepsis. Würde ein Regisseur, der durch Actionfilme bekannt wurde, adäquat mit der Geschichte des militärischen Widerstands im Dritten Reich umgehen können? Könnte ein Hauptdarsteller wie der bekennende Scientologe Tom Cruise das Andenken an Claus Schenk Graf von Stauffenberg beschädigen? Sollte der Bendler-Block, die wichtigste Gedenkstätte für den 20. Juli, für Dreharbeiten zur Verfügung stehen? Das alles wurde diskutiert.
Als der Film in die Kinos kam, begann der Nachweis historischer Fehler. Die Tageszeitung Die Welt empfand die Geschichte als „schlecht erfunden“. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sah in Cruise „einen insgesamt glaubwürdigen Stauffenberg“, aber auch einen glatten Filmhelden „ohne Schattenseiten und Vergangenheiten“. Der Film sei „naiv“, Denn er hole die deutsche Widerstandsrezeption der ersten Jahrzehnte nach 1945 für Hollywood nach. Aber sicher, so urteilte das Magazin, habe sich der Einsatz von Fördermitteln gelohnt, „wenn ein paar Millionen historisch wenig vorgebildeter Deutscher, Amerikaner und Europäer erfahren, dass es einen ernst zu nehmenden militärischen Widerstand gegen Hitler gab“.
Operation Walküre sei „ein Spielfilm, kein historischer Lehrfilm“, hielt Historikerin Christine Hikel in ihrer Abhandlung „Wem gehört der 20. Juli 1944“ im Internetportal „zeitgeschichte-online“ der Debatte entgegen. Nach einigen Längen sei Singer „ein spannender und differenzierter Film gelungen, der auf historischen Tatsachen basiert“, aber sie nicht nachzustellen versuche. Dass „das Bild des Widerstands, seine Beteiligten, Motivationen und Ziele nicht differenziert genug dargestellt sind“, räumte sie ein. Doch zu fordern, „dass der Film historische Forschung detailgetreu abbilden soll“, überfordere das Medium.
Was kann ein Spielfilm leisten?
Doch was kann ein Spielfilm über historische Ereignisse eigentlich leisten? Er kann auf jeden Fall Personen so differenziert zeichnen, dass über sie Zusammenhänge, Abläufe und Handlungen deutlicher und nachvollziehbarer werden. Das funktioniert allerdings nicht mit untadeligen Helden, sondern nur mit Menschen, denen wir mit ihren Stärken und Schwächen auch folgen können. Das gelingt etwa in Sophie Scholl – die letzten Tage (2004).
Er ist nicht der erste Film, der die Geschichte der Münchner Studentin und Gründerin der Widerstandsgruppen „Die weiße Rose“ thematisiert. Neu ist jedoch, dass Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer die Geschichte ganz aus ihrer Perspektive erzählen. Möglich wurde das durch den Zugang zu bisher nicht bekannten Protokolle der Verhöre Scholls durch die Gestapo, die im Archiv der Staatsicherheit der DDR lagerten. Entstanden ist ein Film, der eine Person, ihre Haltung und die Umstände, unter denen sie sich entwickelte, sichtbarer machte als dies bis dahin – in welcher Form auch immer – möglich gewesen war. Das Ergebnis wurde mit dem Bayerischen Filmpreis sowie Nominierungen für den europäischen Filmpreis und den Oscar belohnt.
Je komplexer die Umstände, desto leichter macht es dem Publikum eine Person, durch deren Blickwinkel es die Ereignisse verfolgen kann. Scheitern musste deshalb der Versuch von Regisseur Uli Edel und Drehbuchautor Bernd Eichinger, den Baader-Meinhof-Komplex (2008) in einem Stück aufzuarbeiten.
Der Film ist ein Parforceritt durch die Geschichte der deutschen Terrorgruppe RAF. Ein Ereignis jagt das nächste, ohne dass Ursache und Wirkung deutlich werden, Protagonisten tauchen auf und verschwinden, ohne dass sie identifiziert werden könnten. Während die Person der Gudrun Ensslin noch sichtbar wird, bleiben die von Ulrike Meinhof vage und die des Andreas Baader im Plakativen stecken.
Aufschlussreicher waren dagegen Filme, die sich auf einzelne Aspekte und Facetten beschränkten, wie zum Beispiel Margarete von Trottas Die bleierne Zeit (1981), dessen Geschichte sich auf die Schwestern Ensslin konzentriert oder Andres Veiels Black Box BRD (2000), der sich dem Täter (dem Terroristen Wolfgang Grams), wie dem Opfer, Alfred Herrhausen, widmet. Etliche Regisseure haben sich bisher am Thema RAF versucht. Die Reihe reißt nicht ab, wie auch das Münchener Filmfest 2009 zeigte, das gleich vier neue Filme zum Thema (Dutschke, Die Anwälte, Es kommt der Tag und Schattenwelt präsentierte.
Filme über die RAF wurden von Kritik und Publikum sehr unterschiedlich, doch niemals gleichgültig aufgenommen. Reinhard Hauff wurde für Stammheim (1986) unter Protest der Juryvorsitzenden, Gina Lollobrigida, mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet. Der Film konnte auf dem Festival nur unter Polizeischutz aufgeführt werden.
Im Jahr 2000 widmete sich Volker Schlöndorff in Die Stille nach dem Schuss dem Thema RAF. Mit dem Film, der sich mit dem Alltag einer Ex-Terroristin im Exil der DDR auseinandersetzt, gelingt ihm eine sensible Betrachtung gleich mehrerer heikler Themen jener Zeit. Er verfolgt die Anpassung einer Radikalen an ein ruhiges, spießbürgerliches Leben im real existierenden Sozialismus und er benennt die Unzufriedenheit wie die naive Erwartungshaltung, mit der die Menschen in ihrer Umgebung der Wiedervereinigung entgegensehen. Ein Film, der in jeder Facette Authentizität bietet, weil sich dafür mit dem Regisseur aus dem Westen und dem Autor Wolfgang Kohlhaase aus dem Osten zwei unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungswerte zusammenfanden.
Differenzierte Sicht verhindert keinen kommerziellen Erfolg
Facetten der Ereignisse im November 1989 und die Situation in der DDR transportierten Kinofilme inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus. Es waren vor allem der mit Preisen überhäufte, als der Wendefilm überhaupt geltende, eher mit komischen Momenten aufwartende Good Bye Lenin!, den Wolfgang Becker 2003 inszenierte und das Stasidrama Das Leben der Anderen (2006), für das Florian Henckel von Donnersmarck 2007 den Oscar erhielt.
Dass solche differenziert und einfühlsam erzählten Geschichten einem kommerziellen Erfolg nicht entgegenstehen, beweisen beide. In den ersten Monaten nach dem Kinostart brachte es Good bye Lenin auf sechseinhalb, Das Leben der Anderen bis April 2009 auf 2,4 Millionen Besucher. „Vielleicht kommt die DDR jetzt noch mal verstärkt ins Kino“, schrieb der in der DDR aufgewachsene Autor des Drehbuchs der Komödie Sonnenallee, Thomas Brussig, in der Süddeutschen Zeitung. Aber das sei jetzt leichter und schwieriger zugleich: „Leichter, weil wir uns nun vorstellen können, einen realistischen DDR-Film auch mal freiwillig zu sehen, und schwieriger, weil mit Das Leben der Anderen Standards gesetzt sind, hinter die wir nicht mehr zurück wollen.“
ist freie Journalistin und Autorin.
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September 2009
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