Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Der deutsche Dokumentarfilm hat Zuschauer – aber kaum Budget

Es begann vor rund zehn Jahren: Zwei Dokumentarfilme – „Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders und „Black Box BRD“ von Andres Veiel – markierten den Beginn eines wahren Booms des Dokumentarfilms in Deutschland. Heute sind erfolgreiche Dokumentarfilme im deutschen Kino keine Seltenheit mehr. Internationale Produktionen wie „Bowling for Columbine“ oder „Nomaden der Lüfte“, aber auch nationale Produktionen wie „Rhythm is it“ oder „Prinzessinnenbad“ erreichen Zuschauerzahlen bis in Millionenhöhe.Goldene Zeiten also für den deutschen Dokumentarfilm? Nicht ganz. Zur Eröffnung des letztjährigen Dokfests Leipzig – des wichtigsten deutschen Dokumentarfilmfestivals – nahm Festivaldirektor Claas Danielsen dazu dezidiert Stellung: „Während künstlerische Dokumentarfilme mit Autorenhandschrift im Kino immer wieder Erfolge feiern, beobachte ich im Fernsehen seit Jahren die Verdrängung des Genres ins programmliche Abseits. (...) Festgefügte Sendungsrezepte haben das Medium erstarren lassen.“ Konkret vermisst Danielsen bei den Sendern die „Neugier, das Fremde zu erkunden und Vorurteile aufzubrechen“.
So mutig hatte das an öffentlicher Stelle schon lange niemand mehr gesagt – und damit die Krux thematisiert: Ohne die Beteiligung eines TV-Senders entsteht kaum ein Film in Deutschland. Für den künstlerischen Dokumentarfilm ist das besonders bitter. Hier wird neben der inhaltlichen Einflussnahme auch noch konsequent an den Budgets gekürzt. Und die Sendeplätze rutschen auf nachtschlafende Zeiten.
Erfolg im Kino – heimatlos im TV?
Statistisch gesehen steigt das Budget für nicht-fiktionale Produktionen in den Sendeanstalten zwar, doch bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass dies vor allem den zahllosen Reality-Shows, Doku-Soaps und Talkshows zugute kommt. Die Finanzierung anspruchsvoller Dokumentarfilme wird dagegen immer schwieriger.
Simone Baumann vom Vorstand der AG Dok: „Viele interessante Themen werden nicht weiterentwickelt, weil es für sie keinen Sendeplatz gibt. Investigative Formate sind schon gar nicht möglich. Die oft umfangreiche Recherchearbeit wird nicht bezahlt und es finden sich kaum Sendeplätze für Themen, die jenseits des jeweiligen Sendegebiets angesiedelt sind.“ Claas Danielsen bringt die ernüchternde Erfahrung vieler Dokumentarfilmer auf den Punkt: „Bieten Sie einem Redakteur mal einen Filmstoff über Afrika an, in dem es nicht um wilde Tiere geht.“
Nachwuchs: Mutige Themen – intenationale Allianzen
Im Nachwuchsbereich gibt es von Seiten der Sender schon mehr Spielraum. Oft sind hier andere Redaktionen zuständig und man beteiligt sich regelmäßig auch an künstlerischen Dokumentarfilmen. Mit gutem Grund, denn hier ist in den letzten Jahren ein beständiger Qualitätsanstieg zu verzeichnen. In der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino – ein Seismograf der nationalen Avantgarde – steigt seit fünf Jahren der Anteil an Dokumentarfilmen. In diesem Jahr machten sie über ein Drittel aus.
Doch selbst Preise verhelfen nicht immer zur öffentlichen Wahrnehmung: Insa Onken gewann 2009 mit Rich Brother den nationalen Wettbewerb des Dokfests Leipzig. Wenige Tage später wurde der ergreifende Film über einen jungen Boxer im Fernsehen ausgestrahlt – kurz nach Mitternacht ...
Nicht nur die Themen, auch die Strukturen von jungen Dokumentarfilmprojekten entstehen zunehmend in internationaler Kooperation. So auch bei dem Projekt The World from Dawn til Dusk, in dem junge Filmemacher weltweit den Tagesablauf ihrer Stadt beobachten. Offen für internationale Partner entsteht hier in präzisen Miniaturen ein globales Porträt.
Fremdgehen erwünscht
Alexander Kluge hat sie nie akzeptiert – die Grenze zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm. In seinen Filmen changieren beide Genres schon seit 30 Jahren. Doch erst im März 1995, als Lars von Trier und Thomas Vinterberg das Manifest Dogma 95 verkündeten, eröffnete sich international der Weg zu einer neuen Filmästhetik. Auf der Suche nach einer neuen authentischen Filmsprache wurden konsequent Elemente des Spielfilms und des Dokumentarfilms zusammengeführt.
Mittlerweile gehen immer mehr Dokumentarfilmemacher erfolgreich „fremd“. Zwei der bekanntesten deutschen Regisseure – Oscar-Preisträgerin Caroline Link und der vielfach ausgezeichnete Hans Christian Schmid – haben als Dokumentarfilmer angefangen, bevor sie Spielfilme drehten. Sie haben für sich schon lange die Aufhebung der Genre-Grenzen vollzogen und wechseln souverän zwischen ihnen hin und her.
Die spannendste Weiterentwicklung des Dokumentarfilms findet ebenfalls in einem Genre-Mix statt – dem „Animadok“. Waltz with Bashir (Ari Folman), der erste animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, verhalf dieser neuen Art von Film zum Durchbruch auf internationalem Niveau. Auf der Berlinale 2010 begeisterte Howl (Rob Epstein/ Jeffrey Friedman), in dem virtuos Animation und Spielfilmszenen miteinander verwoben werden.
Rote Karte für das Dokumentarfilm-Abseits
Mit dem Erfolg des Dokumentarfilms im deutschen Kino ist auch der Einfluss der Dokumentarfilmszene gewachsen. So ist seit 2005 die AG-Dok im Aufsichtsrat von German Films vertreten und hat ihren Anteil daran, dass deutsche Dokumentarfilme auch im Ausland auf wachsendes Interesse stoßen, wovon nicht zuletzt zahlreiche Auszeichnungen zeugen.
Mit Thomas Kufus ist im letzten Jahr einer der bekanntesten deutschen Filmdokumentaristen zum Vorsitzenden der Deutschen Filmakademie gewählt worden. Vielleicht gelingt es ihm und der engagierten Interessenvertretung der Deutschen Dokumentarfilmer, der AG-Dok, die Fernsehsender dafür zu sensibilisieren, dass der künstlerische Dokumentarfilm nicht mit einem Minimalbudget ausgestattet ins Nachtprogramm gehört. Mit angemessen finanzierten Dokumentarfilmen auf attraktiveren Sendeplätzen ließe sich mittelfristig vermutlich ein Gutteil des längst abgewanderten anspruchsvollen Publikums zurückzugewinnen.
ist Autorin und Dramaturgin. Sie arbeitet international als Kuratorin und Jurymitglied für Filmfestivals und lehrt am Deutschen Literatur Institut Leipzig Szenisches Schreiben für Film.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de











