Bildende Kunst

Enzian – Ein Künstlerbiotop in Berlin

Berlin war schon immer eine Stadt, die Künstler aus dem In- und Ausland angezogen hat. Neben den offiziellen kulturellen „Leuchttürmen“ existiert eine reichhaltige nicht-institutionelle künstlerische Vielfalt. Im „Enzian“, einer Kneipe im Stadtteil Kreuzberg, versammeln sich Maler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler oder auch Sprengkünstler, die ihr Leben der Kunst verschrieben haben. Porträt einer Szene abseits vom Mainstream.

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Autoren: Sabine Traut & Gavin Hodge
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Durch den Fall der Mauer im Jahr 1989 erfuhr Berlin einen Prozess der politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Veränderung. Nicht nur trat Ende der 1980er-Jahre eine neue Künstlergeneration aus Ost- und West-Berlin hervor, die Stadt wurde auch in immer stärkerem Maße ein Anziehungspunkt für Künstler aus dem In- und Ausland. Die Umbruchsituation forderte viele zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Entwicklung heraus. Es entstanden nicht-institutionelle Strukturen, die zur Vervielfältigung und Beschleunigung der Kunstproduktion beitrugen. Im Zuge des Umbaus der Stadt fanden sich zahlreiche temporär zu nutzende Orte, die von Künstlern und Kunstprojekten besetzt wurden.

Schauplatz dieser Entwicklung waren zunächst Brachgelände, Ruinen und nicht renovierte Gebäude in Berlin-Mitte, im Ost-Teil der Stadt. Im Laufe der 1990er-Jahre wurde Berlin dann mehr und mehr zum Anziehungspunkt für eine neue Kunst- und Galerieszene, die sich in den nach und nach sanierten Wohn- und Werkstattgebäuden etablierte. Allein 5.000 bildende Künstler leben und arbeiten heute in Berlin. Mit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin im Herbst 1999 wurde Berlin die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Damit begannen die in den 1990er-Jahren ausgebildeten Strukturen sich zu konsolidieren.

In die 1990er-Jahre fällt die Eröffnung des „Enzian“, einer Kneipe im West-Berliner Stadtteil Kreuzberg. Norbert Hähnel, der Inhaber, wollte ein Refugium für Musiker aus der Punk- und der NDW- (Neue Deutsche Welle) Szene und andere Künstler schaffen. Bekannt wurde Norbert Hähnel unter anderem als der selbsternannte „Wahre Heino“, der mit der Band „Die Toten Hosen“ auf der Bühne stand und deshalb von dem Schlagersänger Heino wegen Identitätsverletzung verklagt wurde. Er musste 20 Tage ins Gefängnis.

Pablo Picasso hat gesagt: „Wenn Kritiker sich treffen, reden sie über die Kunst. Wenn Künstler sich treffen, reden sie darüber, wo man die billigsten Pinsel kaufen kann.“ Bis heute ist das „Enzian“ ein Ort, an dem Künstler über Pinsel reden, sich aber auch darüber hinaus austauschen oder gemeinsam Projekte initiieren. Stammgast und Schauspieler Rainer Kühn hat eine One-Man-Show, die auf Texten von Karl Valentin, einem Münchner Kabarettisten der 1920er- und 1930er-Jahre, basiert. Die Designerin Franziska Schwarz hat es mit den von ihr entworfenen Hasen zu einiger Bekanntheit gebracht, Peter Ehrentraut experimentiert mit Sprengungen und deren Resultaten. Cornelia Renz ist Malerin, Marcel Bühler gestaltet Objekte, Collagen und Installationen. Der Inhaber Norbert Hähnel und Andy Laaf, einer der „Enzian“-Kellner und Schlagzeuger der Band „MAD SIN“, arrangierten gemeinsam „Das Lied der Baumwollpflücker“, einen Text von B. Traven, einem deutschen Schauspieler und Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Bassist der Band „Fehlfarben“, Michael Kemner, zeigt, dass man nicht einmal im Eisbärkostüm in Berlin auffällt. Und das alles zur Musik der „Fehlfarben“ und mit einem Live-Auftritt der „Gabys“.

Ein Porträt über die berauschenden und unerschöpflichen künstlerischen Möglichkeiten in der Hauptstadt Deutschlands.

Goethe-Institut e. V. 2006
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