Bildende Kunst

Medienkunst in Deutschland

Mit Bjørn Melhus und der Gruppe „visomat.inc“ stellen wir Ihnen zwei Vertreter einer jungen Generation deutscher Medienkünstler vor, die das aktuelle künstlerische Schaffen in und mit den elektronischen Medien stark prägt. In seinen Videos, Videoinstallationen und Filmen erzählt Bjørn Melhus Geschichten von Menschen, deren Identitätssuche untrennbar mit unserer medialen Welt verbunden ist.

Anders dagegen die Gruppe „visomat.inc“ die sich Mitte der Neunzigerjahre konstituierte mit dem Ziel, Musik zu visualisieren.


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In der kleinen deutschen Stadt Wuppertal in Nordrhein Westfalen waren die Anfänge deutscher Videokunst. Beeinflusst von den Aktionen und Fluxus-Happenings seines Freundes John Cage experimentierte Nam June Paik 1963 in der Galerie PARNASS mit Fernsehern. Er manipulierte ihr Bild mit einem großen Magneten, sodass nur noch ein schmaler Strich auf dem Bildschirm zu sehen war. Auch andere deutsche Künstler gingen sehr kritisch und distanziert mit dem damals neuen Unterhaltungsmedium Fernsehen um. So begrub Wolf Vostell die Flimmerkisten und Günther Uecker durchdrang sie mit Nägeln. Die Kunst war noch stark vom Aufklärungswillen und dem Wunsch geprägt, ‘alternative’ Verwendungen der Technologie zu suchen und dem Fernsehprogramm „künstlerisch hochwertige“ Produktionen entgegenzustellen, wie es der Kulturkritiker Bazon Brock formulierte. Und auch heute noch ist die Auseinandersetzung mit den Populärmedien ein wichtiges Betätigungsfeld in der Medienkunst. Bjørn Melhus zählt zu den beachtetsten Videokünstlern in Deutschland. Bereits 1992 erhielt er den Bremer Videokunst-Förderpreis; wurde 1998 mit dem Marler Videokunstpreis, 2001 in Hannover mit dem Sprengel-Preis für Bildende Künste ausgezeichnet und stellt weltweit in wichtigen Museen und Ausstellungshäusern aus. Viele Festivals ehren ihn bereits mit umfangreichen Retrospektiven.

Geboren 1966, gehört Bjørn Melhus einer Generation an, die mit dem Massenmedium Fernsehen aufgewachsen ist, die Wirklichkeit immer auch als virtuelle Wirklichkeit erfährt und die – bewusst und unbewusst – Identifikationsangebote aufgreift, die das Fernsehen bereithält. Melhus erzählt in seinen Videos, Videoinstallationen und Filmen Geschichten von Menschen, deren Identitätssuche untrennbar mit unserer medialen Welt verbunden ist. Seine Amerika-Aufenthalte der vergangenen Jahre haben dazu beigetragen, dass er – vor allem über die Analyse amerikanischer Medienstrategien – in seinen jüngeren Arbeiten zunehmend globale, gesellschaftspolitische Zusammenhänge thematisiert.

Wir treffen Bjørn Melhus in der Ausstellung „Fast Forward“ des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe zu einem Interview, in dem wir der Frage nach dem Verhältnis des nach Identität suchenden Individuums zu unserer medialen Welt nachgehen. Insbesondere nimmt er vor dem Hintergrund der 1999 entstandenen Videoinstallation „Silvercity I+II“ Stellung zu der in seinen Arbeiten oft thematisierten Globalisierung medialer Codes. In dieser Installation kombiniert er die, jede Intimität vermeidenden und ins Leere laufenden, Gesprächsfloskeln zweier Cowboys mit Bildern von zwei Astronauten, die räumlich getrennt in ihren Kapseln um die Erde fliegen.

In „Sometimes“ und in der neuen Installation „Still Men Out There“ erfahren wir eine Welt der Verunsicherung und Bedrohung, in der sich Realität und Fiktion überblenden.

Fast immer konzipiert Melhus seine Arbeiten über den Ton, indem er auf gefundenes akustisches Material aus Filmklassikern, aus dem Fernsehen und der Popmusik zurückgreift, um dann seine imaginierten Bilder auf den Rhythmus dieser Klangkonstruktionen zu legen. Seine Figuren verkörpert er ausschließlich selbst. Diese treten auf unterschiedlichen Realitätsebenen in Kommunikation miteinander, die sich jedoch immer als gebrochener Dialog aus endlosen Wiederholungen und verzerrten Textfragmenten gestaltet. Denn jedes vermeintliche Gegenüber ist zugleich ein Alter Ego. Individuen wiederum existieren in Bjørn Melhus’ Videos oft nur noch als geschlechts- und erfahrungslose Klone der massenmedialen Gleichschaltung.

Während des Interviews stellen wir auch frühe Arbeiten vor. So beschreibt Melhus mit dem Video „Das Zauberglas“ (1991) die Wirkungsmechanismen zwischen Ich und Medium in Form eines Telemärchens: Ein junger Mann bemüht sich, in einen Dialog mit der jungen Frau zu treten, die er auf einem Fernsehbildschirm sieht. Sie stellt sein weibliches Alter Ego dar. Doch bleibt der Bildschirm eine unüberwindbare Grenzlinie, die den Kommunikationsversuch an der Scheibe fehlschlagen lässt.

„visomat inc.“ (Torsten Oetken, Gereon Schmitz, Michael Weinholzner) wenden sich auch der Populärkultur zu. Sie konstituierten sich Mitte der Neunzigerjahre als Bestandteil des Berlin-spezifischen Crossover von Medienkunst und Clubkultur mit dem Ziel, Musik zu visualisieren. Indem sie den Videomix als Bild- und Kommentarebene gleichberechtigt zum Musikmix des DJ positionieren, schaffen sie ein visuelles und technologisches Pendant zum elektronischen Minimalismus der zeitgenössischen Musikproduktion.

Durch ihre Videoinstallationen im Berliner Klub „WMF“ tragen sie maßgeblich zur Entstehung der VJ-Szene bei. Die von „visomat inc.“ dort installierte Medienarchitektur unterstützt verschiedenste Funktionalitäten, die zum Teil zum ersten Mal überhaupt definiert wurden: Neben dem obligatorischen DJ-Arbeitsplatz wurde hier ein VJ-Modul eingerichtet, das Livemixen von visuellem Material zum fest installierten Bestandteil eines Clubabends macht.

„visomat inc.“ arbeiten im besten Sinne von Techno somit an der Schnittstelle zwischen visueller Dienstleistung, der Gestaltung von Ambienten und der künstlerischen Arbeit, die Analyse und Kommentar subtil einer Funktion unterordnet, die im Vordergrund steht.

Wir treffen die Gruppe in ihrem Atelier und in ihrer vollautomatischen „Automatenbar“, einem privaten Club in Berlin-Mitte. Sie berichten über ihr neuestes Projekt „DIN-AV“, einem DVD-Sampler mit Videos von zehn jungen Berliner Videokünstlern. Mit dieser Zusammenstellung, die auch viele Hintergrundinformationen zu den vertretenen Bild- und Tonkünstlern beinhaltet, wird erstmals eine größere Zahl von eigenständigen künstlerischen Videos veröffentlicht, die sich über ihre visuelle Sprache und dem Spannungsverhältnis zwischen Klang und Bild definiert, wie es die Clubszene charakterisiert.

Im KuBus-Beitrag lernen wir die gestalterischen Konzepte dieser Künstler und Künstlerinnen kennen, wie sie für ihre Arbeit gesampeltes Material wie Testbilder, technische Grafiken und dokumentarisches TV-Footage nutzen oder JPEGs aus dem Netz und Fragmente aus Videospielen verwenden, die mit selbst produziertem Material wie etwa abstrakten grafischen Elementen gegengeschnitten werden. Oder die sich, wie es Ute Härting, alias „U-Matic“ macht, bewusst Fehlern und Bildstörungen bedienen. Modulationen der Wiederholungen von Bild- und Tonfragmenten prägen ihren Stil.

Wir verfolgen in einem Ausschnitt aus der „Sechs-Minuten-Terrine“ der VJ-Gruppe „Pfadfinderei“ den beschleunigten, rhythmisierten Bildschnitt, der sich an einer Klang-Komposition aus Geräuschen, die beim Pasta-Kochen entstehen, orientiert. In, von visomat gemeinsam mit Jan Jellinek, produzierten „Modell Statt Berlin“ werden Aufnahmen eines aus der DDR-Zeit stammenden Stadtmodells von Ost-Berlin farblich verfremdet, Bildteile gedehnt oder optisch verschoben und von einem ruhigen und gleichzeitig verspielten Soundtrack begleitet.
Goethe Institut e. V. 2004
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Dossier: Medienkunst in Deutschland

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