Alte Musik aus Deutschland – Tendenzen

Forschergeist – das Festival für mittelalterliche Musik Montalbâne

Montalbane / Stefan SchweigerDer Kirchenraum von Sankt Marien ist der stimmungsvolle Konzertsaal des Festivals Montalbâne, Foto: Montalbâne / Stefan SchweigerDie Musik des Mittelalters wird häufig nur als Vorstufe der abendländischen Musiktradition gesehen. Aber das ist zu kurz gegriffen. Die Alte-Musik-Bewegung hat in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass es auch in der langen Zeitspanne zwischen 800 und 1400 hochbegabte Komponisten gegeben hat. Das Festival Montalbâne bestätigt das alljährlich.

Opernfreunde haben ihren „Grünen Hügel“ in Bayreuth, Liebhaber mittelalterlicher Musik zieht es zum „Weißen Berg“, dem Montalbâne in Sachsen-Anhalt. Gemeint ist der Kalksteinfelsen, auf dem die Neuenburg steht, oberhalb des Weinstädtchens Freyburg an der Unstrut. Die lateinischstämmige Bezeichnung stammt aus einem Ritterroman des Minnesängers Heinrich von Veldeke und verweist darauf, dass mit dem alljährlich im Juni stattfindenden Festival für mittelalterliche Musik auf eine lange künstlerische, aber auch auf eine beachtliche jüngere Tradition Bezug genommen wird.

Keimzelle Leipzig

Schlange stehen für die Kunst – das Publikum des Festivals sammelt sich vor Sankt Marien, Foto: Montalbâne / Stefan SchweigerMitte der Achtzigerjahre war Leipzig das Zentrum der DDR-Folkbewegung. Innerhalb dieser Szene fanden sich damals mehrere junge Leute zusammen, die gerade das Abitur absolviert hatten. Sie gründeten die Gruppe Ioculatores – das erste nennenswerte Ensemble für mittelalterliche Musik in der DDR. „Weil eben Leipzig zu dieser Zeit so eine Hochburg des Volkstanzes und auch der Folklorekonzerte war, sind wir dort praktisch mit reingerutscht,“ erinnert sich Gründungsmitglied Robert Weinkauf, heute als Musikmanager tätig. „Zwei der Ensemblemitglieder, Sebastian Pank und Veit Heller haben als Jugendliche Instrumente gebaut, weil es ja nicht möglich war, solche Dinger zu kaufen.“ Man trat mit selbstgezimmerten Fideln, Lauten und Schalmeien auf und beschäftigte sich auch theoretisch mit der Kultur des Mittelalters.

Die westeuropäische Alte-Musik-Bewegung mit ihren professionellen Mittelalter-Ensembles allerdings blieb zunächst unerreichbar. „Man hatte vielleicht mal eine Platte, die irgendjemand aus dem Westen mitgebracht hat, aber Konzerte waren so gut wie nicht möglich,“ erinnert sich die Fidelspielerin Susanne Ansorg. Mit Ehrgeiz und Experimentierfreude schafften es Ioculatores trotzdem in die erste Liga der Ensembles für mittelalterliche Musik. Nach der politischen Wende 1989 ging es dann rasant voran. Ioculatores luden Kollegen und Vorbilder wie das Ensemble Sequentia ein, damals in Köln, heute in Paris ansässig. Das Konzert im Frühjahr 1990 war die Geburtsstunde der Internationalen Tage der mittelalterlichen Musik, die seit 1999 Montalbâne heißen und bereits zahlreiche renommierte Künstler der Szene nach Freyburg an der Unstrut geführt haben.

Montalbâne und mehr

Zwischen Experiment und Tradition – zum Schlusskonzert des Festivals Montalbâne 2012 gehörte auch der Schwedische Jazzmusiker Ale Möller, der sich mit Mandola, Härjedalspipa und Sälgflöjt auf die skandinavische Spieltradition bezog, Foto: MontalbâneIoculatores sind inzwischen selbst Geschichte. Das Ensemble löste sich 2009 auf, weil seine Mitglieder durch andere berufliche Projekte mehr als ausgelastet waren. Mit Susanne Ansorg und Robert Weinkauf sind allerdings zwei ehemalige Mitglieder der Gruppe für die Programmgestaltung des Festivals verantwortlich, die die inhaltliche Linie weiterentwickeln. Schwerpunktthemen im Programm von Montalbâne waren bislang beispielsweise die weltliche Instrumentalmusik, der Minnesang in seinen diversen Ausprägungen, sogenannte „frühe Mehrstimmigkeit“ oder, wie im Jahr 2012, das Thema „Hyperborea – die Musik der Nordländer“. Es brachte Gruppen mit Namen wie Triskele, Ulv oder Skandinieki zum „Weißen Berg“ und warf Schlaglichter auf die enorm vielfältige Tradition mittelalterlicher Musik aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Island.

Der Anspruch des Festivals Montalbâne ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Musikerlebnisse miteinander zu verbinden. Aus diesem Grund, so betont Leiterin Susanne Ansorg, finden die Konzerte auch nicht im Freien statt, sondern in Sankt Marien, der Stadtkirche von Freyburg an der Unstrut, und in den Sälen der mittelalterlichen Neuenburg. „Es gibt seit vielen Jahren in Deutschland eine sehr starke Szene kommerzieller mittelalterlicher Musik, die auf den Märkten stattfindet und die mit dem, was wir bei Montalbâne machen, nichts gemeinsam hat außer einigen Instrumenten. Um keine Irritationen zu erzeugen haben wir uns konsequent gegen die Outdoor-Variante entschieden.“

Florierende Szene

Stars der Szene – im Jahr 2010 präsentierte das Ensemble Sarband seine Mischung aus Orient und Okzident beim Festival, Foto: Montalbâne / Stefan SchweigerDie Pflege der Tradition floriert seit mehr als drei Jahrzehnten auf vielfältige Weise. Die meisten Musiker etwa, die beim Festival Montalbâne gastieren, haben ihre Ausbildung an der renommierten Schola Cantorum Basiliensis in Basel absolviert. Diese private Hochschule für Alte Musik ist das führende Institut seiner Art weltweit. Viele Ensembles ehemaliger Schüler von Andrea Marcon bis Rolf Lislevand sind inzwischen international aktiv, Solisten wie der Countertenor Andreas Scholl haben von dort aus ihre Karriere gestartet. Universitäten wie die Folkwang Universität der Künste in Essen bieten darüber hinaus einen Master of Music-Abschluss in Musik des Mittelalters an und unterstützten damit die künstlerische Professionalisierung der Szene.

Der Umgang mit mittelalterlichen Instrumenten wie zum Beispiel Fidel oder Schalmei unterscheidet sich von dem mit einer modernen Geige oder Oboe vor allem dadurch, dass es kein überliefertes Regularium in Sachen Spieltechnik gibt. So mussten und müssen die Musiker experimentieren. Hilfreich sind dabei Abbildungen, etwa in mittelalterlichen Büchern, oder bestimmte alte Spieltechniken, die in der Volksmusik, wenn auch oft modifiziert, überlebt haben. Aus der Volksmusik lassen sich auch einzelne Formen und Gattungen mittelalterlicher Musikstücke rekonstruieren, wenn, wie zum Beispiel beim Minnesang, handschriftlich nur einzelne Melodien überliefert sind.

Forschung und Experiment

Entsprechend gestaltet sich auch die Forschung: Zunächst werden, falls vorhanden, die schriftlichen Quellen gesichtet, danach wird das vielfältige kulturelle Umfeld der Zeit über Texte und Abbildungen erkundet und schließlich verfolgt man Traditionen bis zum Ursprung zurück. Die Erkenntnisse, die so gewonnen werden, sind nicht sämtlich verifizierbar, das Ganze ist ein stetiges „Herantasten“ an die mittelalterliche Musik. So ändert sich auch die Interpretation immer wieder. Das gleiche Stück, gespielt von zwei verschiedenen Ensembles, kann deshalb je nach Quellenlage und Deutungsvorgabe völlig unterschiedlich klingen. Die zahllosen „Spielleute“ auf deutschen Mittelaltermärkten und erst recht die populären „Mittelalter-Rockgruppen“ sind dagegen kaum in der Forschung aktiv. Sie präsentieren ein Mittelalter, wie sie es sich vorstellen und wie sie denken, dass es beim Publikum ankommt.

Auch Grenzüberschreitung gehört zum Konzept – das albanische Ensemble Camen beim Schlusskonzert des Festivals Montalbâne 2011, Foto: MontalbâneWährend also auf der einen Seite auf den Mittelaltermärkten der Spaß an der Camouflage und ein zumeist auf Liebhaberei basierendes Musikantentum dominiert, sind auf der anderen Seite viele Ensembles aktiv, die oft auf einzelne Aspekte spezialisiert die Klangwelt des Mediävalen erforschen. Ars Choralis Coeln oder das Tübinger Ensemble Officium widmen sich beispielsweise der Vokalmusik, andere, wie das Münchner Pera Ensemble und das Ensemble Sarband, erforschen die Verbindungen von Orient und Okzident, während Gruppen wie Estampie die Übergänge zur Spielmanns- und Volksmusik erkunden. Nicht zuletzt aber gehört die Musik des Mittelalters inzwischen zum Repertoire zahlreicher Spezialisten für Alte Musik. Denn was einst Tüftler wie Ioculatores begeisterte, ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Und Festivals wie Montalbâne sind Instanzen, die dabei helfen, dass daraus kein Mummenschanz des Kommerzes wird.

Claus Fischer
arbeitet als Musikjournalist und Spezialist für Alte Musik für verschiedene Medien und Rundfunkstationen wie beispielsweise Kulturradio rbb.

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September 2012

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Musical instruments cembalo keyboard; Foto: Jorge Royan