Jazz aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Ästhet im Hintergrund – der Arrangeur und Komponist Claus Ogerman

Claus Ogerman ProductionClaus Ogerman in den Siebzigern, Foto: Claus Ogerman ProductionIhn selbst kennt man kaum, aber viele der Lieder, bei denen er mitgewirkt hat. Claus Ogerman hat mit Frank Sinatra und George Benson gearbeitet, mit Quincy Jones und Diana Krall. Er ist einer der prägenden Arrangeure der vergangenen Jahrzehnte und wurde deshalb mit dem Echo Jazz 2012 für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Ein Porträt des Meisters im Hintergrund.

Claus Ogerman macht sich nichts vor: „Arrangeure sind eine aussterbende Gattung. Pop wird heute zu 99 Prozent elektronisch hergestellt. Ganz selten engagiert ein Produzent da noch lebendige Musiker. Sinfonieorchester werden in den USA beispielsweise nicht mehr im Studio aufgenommen, außer die Ensembles produzieren sich selbst. Die Plattenfirmen jedenfalls haben das komplett aufgegeben. Was man bekommt, sind meistens Konzertaufnahmen oder gute Proben – der Versuch, noch das Beste daraus zu machen.“

Ihn selbst betrifft dieser grundlegende Wandel nur noch am Rande. Genau genommen hat Claus Ogerman bereits 1979 aufgehört zu arrangieren, als die sich rasant entwickelnden Keyboards in einem ersten Schub des Fortschritts den teuren Studioorchestern das Wasser abgruben. Er konzentrierte sich darauf, das Geschaffene als Verleger zu verwalten und wäre wahrscheinlich auch nicht in das aktive Business zurückgekehrt, hätten sich nicht ein paar alte Freunde sehr um ihn bemüht. Im vergangenen Jahrzehnt griff er noch einmal zur Partitur um der Jazz-Sängerin Diana Krall einen orchestralen Rahmen zu geben. Durchaus mit einem Hintergedanken: Denn die Plattenfirma versprach, im Gegenzug für Ogermans Engagement auch dessen eigene sinfonische Werke zu veröffentlichen.

Von Schlesien bis New York

Diana Krall sang, Claus Ogerman arrangierte – ein erfolgreiches Gespann bis hin zum Grammy, Foto: Robert Maxwell / Universal Music GroupEs war noch einmal ein Arbeiten wie damals, mit 80-köpfigem Orchester und einem Budget, das Opulenz erlaubte. Die Krall-Alben The Look Of Love (2001) und Quiet Nights (2009) wurden Erfolge, für das Arrangement des Titelsongs von letzterem bekam Claus Ogerman 2010 sogar einen Grammy überreicht, den zweiten nach George Bensons Soulful Strut (1979). Doch zu mehr war er mit Ausnahme eines Albums mit dem Pianisten Danilo Perez nicht zu überreden. Verständlich, wenn man sich klar macht, dass er eigentlich schon mit genügend Größen des Geschäfts gearbeitet hatte.

Der Weg in die Liga der illustren Persönlichkeiten allerdings war kurvig und von vielen Zufällen geprägt. Claus Ogerman wurde 1930 im schlesischen Ratibor, dem heute polnischen Racibórz, geboren. Als Kind lernte er Klavier, hörte während der Jahre des Nationalsozialismus zuweilen Jazz im Volksempfänger, studierte aber nach Kriegsende klassische Musik in Nürnberg. Erste Jobs führten ihn als Orchesterpianist in Big Bands etwa von Kurt Edelhagen. Und über den Saxofonisten Max Greger, für den er in den Fünfzigerjahren viel arrangierte, landete Ogerman in München, wo sein Verlag noch heute ein Büro unterhält.

Elegante Streicher, jazzige Gitarre – in jungen Jahren ließ sich auch George Benson von Claus Ogermans Arrangements umrahmen, Foto: Greg Allen / Universal Music GroupAls er sich ein wenig Geld erspart hatte, reiste er 1959 erstmals nach New York, um sich in der Metropole des Jazz umzusehen. Fasziniert vom urbanen und künstlerischen Flair blieb er dort, bekam über den Talentscout und späteren Vize-Präsidenten von Mercury Records Quincy Jones den Fuß in die Tür des Business. Ogermans Bewährungsprobe als Arrangeur, Leslie Gores It's my Party (1963), wurde zum Hit, er durfte weitermachen und galt schnell auch in Jazzkreisen als Garant für orchestrale Vielfarbigkeit. So arbeitete er für Salomon Burke und Ben E. King ebenso wir für Bill Evans, Johnny Hodgers, Wes Montgomery. Entertainer wie Sammy Davis Jr. und Frank Sinatra buchten ihn, vor allem aber entwickelte sich eine enge Freundschaft zu dem brasilianischen Komponisten Antonio Carlos Jobim, dessen Bossa-Himmel Ogerman mit Streichern umwölkte. Es folgten die fetten Siebzigerjahre, wo er Stars wie dem Gitarristen George Benson für Breezin’ (1976) zeitlos pointierte Orchesterklänge verordnen durfte.

Erst die Kassette, dann das Internet

Doch dann änderte sich der Trend. Punk, Elektro-Pop, Fusion Jazz forderten karge oder innovative synthetische Sounds, der klassische Sound kam aus der Mode. Im Rückblick sieht Claus Ogerman diese Entwicklung, die ihn damals zum Rückzug aus dem Tagesgeschäft bewog, milde: „Der große Fortschritt der Avantgarde hat zunächst wenig gebracht. Man muss ja auch an den Hörer denken, den man sich wünscht, und das ist in meinem Fall eher der Hörer traditioneller Musik. Ich glaube, man kann das Dissonanzlevel alle paar Jahre ein wenig anheben, aber die Harmonie ganz zerstören, das geht nicht. Das führt zu nichts.“

Music in petto für Jahrzehnte – Ende der Siebzigerjahre zog sich Claus Ogerman aus dem Tagesgeschäft zurück, Foto: Claus Ogerman ProductionUnd es würde auch nicht zu Claus Ogerman passen. Er ist ein analoger, konservativer Mensch. Man findet keine E-Mail-Adresse, unter der man ihn erreichen kann, und auch sein Musikverlag in München kommt bislang ohne Website aus. Lediglich eine Telefonnummer gesteht er den Notwendigkeiten des Kommunikationszeitalters zu. Das ist gewagt und zugleich konsequent. Denn Claus Ogerman ist Komponist, Arrangeur und Verleger der alten Schule. Er versteht es, mit wunderbarer Leichtigkeit ein Orchester zu leiten und dessen Klang ansprechend und wirkungsvoll zu gliedern. Seine Werkzeuge sind Stifte und Partituren, nicht Loops und Programme.

Er hat genug geschaffen, um auf Jahre hinaus mit dem Sichten und Ordnen des Lebenswerks beschäftigt zu sein. Auch die Angst vor dem Zusammenbruch der Musikindustrie hat Claus Ogerman längst hinter sich gelassen, weil sie für ihn nichts Neues mehr ist: „Es ging ja schon vor mehr als dreißig Jahren mit der Einführung der Musikkassette los. Damals konnte man den ersten Schub des Absackens der mechanischen Rechte spüren. Inzwischen aber hat die Technik einfach Fakten geschaffen, die wir nicht mehr ändern können. Auf der anderen Seite gehen die Menschen immer noch gerne ins Konzert.“

Kein Grund zur Sorge also, solange Musik zum Leben der Menschen gehört. Vielleicht sogar arrangiert im Stil eines „echten 360-Grad Musikers“ – wie Quincy Jones ihn bezeichnete. Antonio Carlos Jobim meinte einmal: „Es war für mich nicht nur eine Freude mit Meister Claus Ogerman zu arbeiten, sondern ein Muss“. Denn längst schon beziehen sich jüngere Kolleginnen wie Maria Schneider auf ihn und Pop-Größen wie Phil Collins, Prince, Jay-Z erklären sich zu seinen Fans. Eine gute Basis, um nicht vergessen zu werden, auch ohne das grelle Rampenlicht der Berühmtheit.

Ralf Dombrowski
arbeitet als Musikjournalist für die Süddeutsche Zeitung, den Bayerischen Rundfunk und zahlreiche Fachpublikationen.

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Juli 2012

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