Klassische Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Sommerliche Musiktage Hitzacker – Tradition trifft Zukunft

ECM Records / Marco BorggreveSommerliche Musiktage Hitzacker – Kammermusik ganz nah dran, Foto: Sommerliche Musiktage Hitzacker / Florian GraserDie Sommerlichen Musiktage Hitzacker gehören zu den wichtigsten Kammermusik-Festivals in Deutschland. Hier treffen Spitzenmusiker auf ein wissbegieriges Publikum. Und das soll auch unter der neuen Leiterin Carolin Widmann so bleiben.

Die niedersächsische Kleinstadt Hitzacker liegt im ehemaligen Zonenrandgebiet an der einstigen deutsch-deutschen Grenze. Für Carolin Widmann ein Grund, ihre erste Saison unter das Motto Exil zu stellen – ein sprödes und zugleich ungemein facettenreiches Thema. In einigen Konzerten sind jene Komponisten zu erleben, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus dem deutschsprachigen Raum fliehen mussten – wie Arnold Schönberg, Erich Wolfgang Korngold oder Friedrich Hollaender. Oder es geht um die Stadt Wien als Drehscheibe für Fluchten ins Exil. Carolin Widmann fasst das Thema Exil aber noch weiter: So beleuchtet gleich das Eröffnungskonzert am 28. Juli 2012 das innere Exil, das Komponisten erfahren haben – beispielsweise Ludwig van Beethoven wegen seiner Taubheit oder Robert Schumann kurz vor seiner Einweisung in die Nervenheilanstalt. Und der Bariton Matthias Goerne besingt in Liedern von Franz Schubert die Nacht oder auch Träume als Zufluchtsorte.

Musikerin als Leiterin

Die neue Leiterin der Sommerlichen Musiktage Hitzacker Carolin Widmann, Foto: ECM Records / Marco BorggreveCarolin Widmann hat sich als Geigerin einen Namen gemacht und insbesondere als Interpretin von zeitgenössischer Musik. Die gebürtige Münchnerin und Schwester des Komponisten Jörg Widmann setzt somit eine Tradition der Sommerlichen Musiktage Hitzacker fort, denn fast ausnahmslos standen seit Gründung im Jahr 1946 Musiker an der Spitze des Festivals. Ebenso findet in Hitzacker von Anbeginn die Neue Musik ein Forum. Carolin Widmann hat 2012 beispielsweise die Komponistin Rebecca Saunders eingeladen, die sie aus persönlicher Zusammenarbeit kennt. Passend zum Thema Exil kommt Saunders als „Composer out of Residence“. Die Engländerin lebt seit 20 Jahren in Deutschland, studierte bei Wolfgang Rihm und wird in ihrer Heimat inzwischen nicht mehr als englische Komponistin wahrgenommen. „Sie musste zu uns nach Deutschland ins ästhetische Exil kommen“, erzählt Widmann, die unter anderem im Rahmen der Hörer-Akademie gemeinsam mit der Künstlerin Hintergründe und Grundzüge ihrer Arbeit erkunden wird. Die Hörer-Akademie hat sich in den vergangenen Jahren zu einem weiteren Markenzeichen der Sommerlichen Musiktage Hitzacker entwickelt. In Werkstattgesprächen und in Vorträgen mit Musik erweitert das Publikum seinen Horizont.

Sommerliche Musiktage Hitzacker – Kammermusik ganz nah dran, Foto: Sommerliche Musiktage Hitzacker / Florian GraserUnd es ist ein besonderes Publikum, das in die abgelegene Kleinstadt pilgert. „Interesse und Wissbegier ist bei den Festival-Besuchern in größtem Maße da“, sagt Carolin Widmann. Und das war für die Mittdreißigerin einer der entscheidenden Punkte, warum sie „ja“ gesagt hat, als man sie fragte, ob sie die künstlerische Leitung des einwöchigen Festivals übernehmen wolle. „Ich hätte keine Lust, erst ein Interesse wecken zu müssen. Deshalb ist es für mich das ideale Festival. Ich stoße hier auf offene Ohren, wenn ich eine musikalische Entdeckung vorstelle.“

Tradition mit Ausblick

Pilgern zur Musik – der „Festival-Walk“ in Hitzacker, Foto: Sommerliche Musiktage Hitzacker / Dorothee M. KalbhennCarolin Widmanns Vorgänger war Markus Fein, der zehn Spielzeiten prägte. Der Musikwissenschaftler modernisierte das älteste Kammermusik-Festival Deutschlands sanft, aber konsequent. Neben der Hörer- und der Jugend-Akademie mit dem Projekt „Clip ’n’ Concerts“ sowie Meisterkursen für Laien etablierte er ungewöhnlich konzipierte Konzerte. So etwa den „Festival-Walk“, einen musikalischen Spaziergang, den Carolin Widmann – wie vieles andere – in das Programm ihrer Antrittssaison übernommen hat. „Ich habe das Festival in sehr guter Form übergeben bekommen“, freut sie sich. „Eigene Akzente werde ich setzen, indem ich zum Beispiel die Moderne noch gleichberechtigter ins Programm nehme. Und mir liegt daran, vernachlässigte Kompositionen und Werke mit seltenen Besetzungen aufzuführen.“ Neu ist im Jahr 2012, dass Teilnehmende der Festival-Kurse „Profis unterrichten Laien“ mit der Camerata Bern im Abschlusskonzert auftreten – dem familiären Charme des einwöchigen Musikfestes entsprechend.

Feature zur Jugend-Akademie Hitzacker 2011

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker empfindet Carolin Widmann als Oase inmitten einer karger werdenden Kammermusik-Szene in Deutschland. „Die Gelder werden knapper und sie werden eher in Mega-Events gesteckt. Zugleich gibt es so viele wunderbare Kammermusiker – auch in der jüngeren Generation.“ Und gerade dem Nachwuchs fehlen zunehmend Möglichkeiten, praktische Erfahrungen bei der Aufführung von Kammermusik zu sammeln. Für Widmann, die auch als Geigen-Professorin an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig unterrichtet, eine fatale Entwicklung. Deshalb hat die Festival-Chefin für ihre erste Saison in Hitzacker beispielsweise mit der Isländerin Elfa Rún Kristinsdóttir bewusst eine noch unbekannte, doch hochtalentierte Geigerin engagiert. Ganz im Sinne eines kammermusikalischen Mentoring-Gedankens, der in die Zukunft weist.

Dagmar Penzlin
ist ausgebildete Musikwissenschaftlerin und Redakteurin. Sie arbeitet als Musikjournalistin vor allem für den Deutschlandfunk, das Deutschlandradio Kultur und für ARD-Hörfunkprogramme.

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Juli 2012

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