Porträt Olaf Altmann

Demnächst feiern die beiden ihre "Silberne". Die Orestie des Aischylos, die im September 2006 im Deutschen Theater Berlin Premiere hat, wird - wenn sie richtig gezählt haben - die 25. Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Michael Thalheimer und dem Bühnenbildner Olaf Altmann sein. 25 Räume. Jeder Raum einfach, jeder vollkommen anders, jeder mit einer Idee verknüpft, die sich als eine spezifische Idee für Bühne und Regie erinnern lässt, also als eine Idee für ein Stück. 25 Bühnen an zehn deutschen Theaterhäusern allein für Michael Thalheimer, insgesamt sind es mindestens noch einmal so viele. Und viel kommt einem das vor allem deshalb vor, weil jede dieser Bühnen von sich behaupten darf, ein Raum zu sein, der für sich steht. Ein Raum wie eine (dramaturgische) Idee. Weil jede dieser Bühnen eine spezifische technische Möglichkeit in sich birgt, die das leistet, worum es am Theater geht: Verwandlung. 25 Verwandlungsmöglichkeiten hat Altmann für Thalheimer erfunden, jede für sich ist ein Patent. Dabei ist Olaf Altmann, geboren in einer nach Karl Marx benannten Stadt, die längst wieder ihren alten Namen Chemnitz trägt, auch nicht älter 40. Er hat aber früh angefangen.
Die Anfänge
Nicht als Bühnenbildner, sondern als Stukkateur. Das war eine der wenigen Möglichkeiten, die ihm offen standen, nachdem er von der Schule geflogen ist - obwohl es ihm persönlich peinlich ist, muss man die Gründe wohl als "politische" bezeichnen. Stukkateure waren gesucht, bedeutende Berliner Kulturstätten der DDR wie zum Beispiel das Deutsche Theater (zu seinem hundersten Geburtstag 1983) wurden aufwändig und mit internationaler Finanzhilfe restauriert. Olaf Altmann lernte Berlin und die Decke des Deutschen Theaters "auf Montage" kennen und ging mit dem Baumaterial um, das er aus dem Künstleratelier eines Onkels gut kannte. Dann wurde er Bühnentechniker in seiner Geburtsstadt, weil ihm das Milieu mehr behagte und weil das Theater Ende der 80er-Jahre der einzige Ort in Karl-Marx-Stadt war, wo man ungestört bis in die Puppen unter sich sein und trinken konnte. Die Materialien, mit denen er da zu tun hatte, waren die gleichen, aus denen nun seine Bühnen sind: ausschließlich die Grundmaterialien des Theaters. Sperrholz, Stahlblech, Nessel, Molton, Samt. Und die Bühne selbst, in ihren Grundmaßen und Eigenschaften.
Gestalter der leeren Bühne
Für seine Arbeit als Bühnenbildner hat er das schönste Motto formuliert, das sich denken lässt. Auf die Frage, durch welchen Kommentar er sich verstanden fühle, antwortete er mit dem sehr endgültigen Satz: "Es ist schwer, eine bessere Bühne zu bauen, als die leere Bühne es ist." Daraus besteht seine Arbeit: Aus einer leeren Bühne eine bessere leere Bühne zu machen, oder wenigstens eine andere leere Bühne. Als er anfing, damals zur Wendezeit in Karl-Marx-Stadt, gab es dort, wenn nicht gerade Frank Castorf mit dem kongenialen Hartmut Meyer vorbeischaute, immer nur "Möbelbühnenbilder". Altmanns erstes Bühnenbild bestand aus einem Schaukelstuhl, aber nur aus einem. Später gab es gar keine Möbel mehr.
Maß nehmen - die Entwürfe von Olaf Altmann
Vielleicht ist das schon zuviel verraten, aber weil es so charakteristisch ist, muss es raus: Altmann zeichnet nicht. Er, der nie etwas bei sich hat, trägt nur das Stück mit oder in sich herum, solange bis ihm etwas einfällt. Dann geht er in sein Atelier, das Besenkammer zu nennen schon eine Übertreibung wäre, zieht eins der sieben Grundmodelle von den Theatern, an denen er gegenwärtig arbeitet, heraus, und schneidet mit dem Cuttermesser die Bühne zurecht. Es gibt schwarze Modellpappe, weiße Modellpappe und, falls es auf Sperrholz hinausläuft (eine Zeitlang galt Altmann als Sperrholzbühnenbildner), nimmt er Balsa. Er packt das Modell zusammen und verabredet sich mit Michael Thalheimer zum "heiligen Moment". Sie reden sich heran, manchmal eine ganze Nacht lang, bis das Modell endlich doch enthüllt wird. Sein Traum, sagt Olaf Altmann, wäre, wenn man gar nichts mehr bauen müsste, sondern nur noch beschreiben: So und so stelle ich mir das vor. Den Rest erledigt dann der Konstrukteur des Theaters.

Bildlich gesprochen, könnte man die Herangehensweise von Olaf Altmann an ein neues Bühnenbild mit der Arbeit eines Schneiders vergleichen. Zuerst nimmt er die Maße. Dann liest er das Stück (und zwar wirklich, mit einer Genauigkeit, die Dramaturgen beschämen kann). Dann fertigt er das dem Anlass angemessene Bühnenkleid. Dann darf die Bühne ausgehen, darf inszeniert und bespielt werden. Und um Mitternacht, wann immer das im Stück ist, gibt es meistens eine Verwandlung. Altmann macht Cindarella-Bühnenbilder. Was vorher schön war, ist nachher hässlich, was vorher außen war, ist nachher innen, was vorher oben war, ist nachher unten. Selbst wenn, wie in "Lulu" oder "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", die Veränderung eine unmerkliche ist, ist sie am Ende eine totale. Die Welt steht auf dem Kopf, wo sie nach Michael Thalheimers Meinung sowieso steht, und vielleicht steht sie damit gerade richtig.

Unmöglichkeit des Verborgenen
Gefragt, wie er seine Rolle in der Zusammenarbeit mit Michael Thalheimer beschreiben würde, gibt er zur Antwort: "Ich bin für den Raum und das Licht verantwortlich." Man könnte auch sagen: Olaf Altmann ist für die Sichtbarkeit verantwortlich. Olaf Altmann schafft Bühnen, die es Schauspielern unmöglich machen, sich zu verstecken. Wenn man nur einen Fuß in der Tür hat, ist man bereits vollkommen da. Wer sich an der Seite oder am Rand verkrümelt, wird dabei komplett gesehen, so wie er da am Rand steht, und schwupps, schon ist es ein inszenatorischer Vorgang. Und weil Olaf Altmann nicht nur die Bühne, sondern oft auch die Kostüme und immer auch das Licht macht, gibt es keine dunklen Flecken, nur den ganzen Raum, mit Menschen darin. Und weil es keine Möbel gibt, können die Menschen sich nicht nur nicht verstecken, sondern nicht einmal sich setzen. Wenn sie Glück haben, gibt es Schlitze, die sich öffnen, aber oft sind da auch nur Wände, gegen die man anrennen muss, bis das Blut spritzt. Damit ist die Firma Thalheimer & Altmann berühmt geworden, mit einem Liliom, der sich den Schädel und alles andere auch noch einschlug, woraufhin ein ehemaliger Oberbürgermeister im Parkett rief "Das ist doch ein anständiges Stück!"

Aber zum Wesen der Anständigkeit gehört es, Dinge verborgen zu halten. Das ist Olaf Altmanns Sache nicht.

Roland Koberg

Roland Koberg, geboren 1967 in Linz, arbeitete als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker und veröffentlichte Bücher über Claus Peymann (Berlin 1999) und - gemeinsam mit Verena Mayer - über Elfriede Jelinek (Reinbek 2006). Von 2001 bis 2009 war er Dramaturg am Deutschen Theater Berlin. Seit der Spielzeit 2009/2010 ist er, ebenfalls als Dramaturg, am Schauspielhaus Zürich.