Muriel Gerstner, die gebürtige Baslerin, bildet seit 2000 ein künstlerisches Team mit Regisseur Sebastian Nübling und Musiker Lars Wittershagen. Die kleine Theaterfamilie wurde mittlerweile durch ein weiteres Mitglied ergänzt: Der österreichische Autor Händl Klaus fühlt sich von den dreien zutiefst verstanden und verdankt ihnen mittlerweile die zweite Einladung zum Berliner Theatertreffen.
Assoziationsräume
Gerstners Ausstattung von Dunkel lockende Welt, dem dritten Theatertext des Tiroler Dramatikers, ist ein Beispiel für die Arbeitsweise und Gedankenwelt der Schweizerin. Läßt der Autor sein Werk in der leeren Leipziger Altbauwohnung, die die Mieterin Corinna gerade geräumt hat und in der Wohnung von deren Mutter, einer Biologin, spielen, so ist es eher ein Assoziations-Raum, den Gerstner in die Münchner Kammerspiele gebaut hat: eine halbrunde holzvertäfelte hohe Halle, Bonner Bundeskanzleramt, Aussegnungshalle und Maßkonfektionsgeschäft der 60er zugleich. Ein leerer Raum, den die Personen durch Schiebetüren betreten und verlassen. Und wenn sich das Holzfunier im dritten Bild in der Mitte teilt und in die Höhe hebt, verwandelt sich flugs der ganze Raum in eine Wohnzimmer-Vitrine mit Ausstellungsporzellan samt Urne und Scherenschnitt-Relief. Die Damen im Etuikleid - man geht nie ohne Handtasche und Handschuhe - der Herr im Anzug – Stilsicherheit und Perfektion kennzeichnen die Arbeit der Bühnenbildnerin, aber auch die Zeit, in die sie Figuren und Geschehen versetzt. Ihr modernistisches Edelholz-Gehäuse liefert so allen drei Figuren ein gemeinsames Parkett: Es definiert ein Klima glänzender Oberflächen, betonharter Perfektion, ungreifbarer Eleganz - kurz die Firniß der Nachkriegszeit über den Trümmern und Leichen der Vierziger Jahre.
Gerstners Raumklimata
Muriel Gerstner ist oft die erste im Team, die durch ihre Raumentwürfe entscheidende Interpretationen vornimmt.
Sie liest die Texte auf ihre Klimata, sie forscht nach Seelenlandschaften, sie übersetzt szenische Anweisungen in Räume, die den Figuren und ihrem Regisseur Widerstand bieten.
Lassen sich heute viele Theaterschaffende durch Filme inspirieren, so ist Muriel Gerstners cineastischer Kosmos vor allem von Hitchcock, Douglas Sirk und dem amerikanischen Kino der Vierziger geprägt. Zu Beginn der Proben von Dunkel lockende Welt brachte sie neben diversen Benimmbüchern Alfred Hitchcocks filmische Führung durch das Motel seines Psycho-Killers mit, die mit der spezifischen Mischung aus verschmitztem Suspense und britischem Humor genau den Ton der Unternehmung traf. Überhaupt sind es Muriels Sammel- und Fundstücke, mit denen sie versucht, das Klima ihrer Räume den Schauspielern zu vermitteln. Ob Fotos Lebender Bilder der Jahrhundertwende oder vom aufgebahrten Leichnam des toten Bayernkönigs Ludwig - sie denkt theatral und weiß, was ihren Regisseur Sebastian Nübling in Schwung bringt. Und daß er Platz braucht. Also Räume, die die Spieler nicht in konventionelle Sitz- und Steharrangements zwingen.
Theatrale Spielfelder
Treppen, Stadiontribünen für die wütenden Fußballfans der „Furiosi“ in Stuttgart, in die Salinenhalle der Salzburger Pernerinsel stellte sie ein trutzig, steiles Geviert als Burg von Marlowes Edward II, einen Block mit glatten Eskaladierwänden, den der Chor zu erklimmen hatte, während sie die Basler Spielfläche von Romeo und Julia durch ein überdimensionales Familiensofa rahmen ließ. Und in der Hamburger Krönung Richards III. ließ Gerstner die Töne, die Lars Wittershagen produziert, durch eine meterhohe Boxenwand zum Gegenspieler des egomanen Königsmonsters von Hanns Henny Jahnn werden. Für den hysterischen Infanten Don Karlos schuf sie in München einen Laufsteg, der zugleich Katafalk des toten Ahnen, Catwalk der schönen Königin und morbid gestylter Aufbahrungsort des todesverliebten Jünglings war. Mit ihrem Regisseur teilt sie die Liebe zu unheimlichem Doppelgängertum und elegantem Theaterzauber. Ihre Belesenheit und ihre Hinweise auf französische Theorie und freudianische Lesarten bringen die Dramaturgen ins Schwitzen und ihre freundliche, schweizerische Bestimmtheit manchen technischen Direktor ins Schleudern. Doch ich freue mich auf jede neue ihrer Variationen des „leeren Raums“.
Marion Hirte
Marion Hirte war von 2001 bis 2006 als Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen engagiert und hat Muriel Gerstner dort 2004 anlässlich ihrer ersten Zusammenarbeit, den Proben zu Schillers Don Karlos kennengelernt und ist seit dem mit ihr befreundet. Von Dezember 2005 bis zur Premiere am 1.Februar 2006 hatte sie zum zweiten Mal eine Arbeit von Nübling/ Gerstner/Wittershagen dramaturgisch begleitet: die Uraufführung von Händl Klaus' "Dunkel lockende Welt". Nach Lehraufträgen als Dozentin für Dramaturgie an der Universität Hamburg und an der Münchner „Otto Falckenberg“ Schauspiel-Schule ist sie in der Spielzeit 2007/2008 Chefdramaturgin am Schauspielhaus Graz. Seit 2008 ist Marion Hirte Professorin für Produktionsdramaturgie an der Universität der Künste, Berlin.







