Porträt Katja Haß

"Unbehagen auf der Bühne"

‚Blunt’, ‚Überleben’, ‚Nora’, ‚Bus’ und ‚Penthesilea’ – 5 exemplarische Räume der Bühnenbildnerin Katja Haß

Gegenleben

Gemessen an aktuellen Tendenzen im Bühnenbild stattet Katja Haß ihre Bühnenräume nahezu üppig aus. Für Elmar Goerdens Inszenierung von ‚Blunt’ hat sie 1995 einen düsteren, staubigen Raum gebaut, der ausschließlich aus Türen bestand. Diese alten Türen, von ihr in eine enge, verwinkelte Architektur gezwungen, führen zu einem verblüffenden Paradox: Türen, aber kein Ausgang, statt dessen unzählige geheimnisvolle Verstecke und Schlupfwinkel, in denen das lauert, was man gerne verborgen halten möchte.

Katja Haß stellt eine autonome Welt auf die Bühne und formuliert diese bis ins Detail aus. Jedem Raum liegt ein verborgenes Konzept zugrunde. Grundriss, Materialität, Farblichkeit, Objekte – alles ist miteinander gedacht und arbeitet für einen Grundgedanken. Es gibt nichts Zufälliges, nichts ‚Dazugestelltes’. Ihre Räume sind durchstrukturiert und in sich geschlossen. Sie transportieren eine eigene, vom Stück oft völlig unabhängige Geschichte – könnten auch allein für sich stehen. Trotz ihrer Eigenständigkeit sind sie immer eine sehr individuelle Antwort auf den Stücktext und bieten ihm wiederum die Möglichkeit, zu antworten.

Den Realismus verbiegen

Man könnte meinen, Katja Haß huldige dem Realismus. Einige ihrer Bühnenbilder scheinen auf den ersten Blick wie bloße Abbildungen der Wirklichkeit. Tatsächlich entstehen ihre Ideen oftmals durch Fotografien, die sie zum Teil selbst gemacht, zum Teil in Bildbänden gefunden hat. Als Schülerin von Erich Wonder und Anna Viebrock bezieht sie sich zunächst auf den grundrealistischen Bühnenraum, den sie dann allerdings in einem komplexen Vorgang der Aneignung ‚verbiegt’.

Sie erzeugt Irritationen durch eine geringe Verschiebung des Blickwinkels, einer Nuance im Grundriss, durch blinde Türen, Treppen, die ins Nichts führen. So erzeugt sie eine perfekte Illusion – Irritationen eingeschlossen. Ihr Bühnenbild für Stephan Kimmigs Inszenierung von ‚Überleben’ vom Staatstheater Stuttgart scheint auf den ersten Blick architektonisch-sachlich, was sich im Laufe des Abends als ‚falsch’ herausstellt. Die Figuren, Angehörige einer jüdischen Familie, befinden sich an einem von Grund auf fremden Ort, an dem andere Gesetze gelten als die sonst gewohnten. Der Raum, den wir als wirklichkeitsnah wahrgenommen haben, öffnet sich für Assoziationen, wirkt fremd und bedrohlich. Er steht als Metapher für das Leben der Figuren, das von Zerstörung geprägt ist. Er ist nicht Architektur, sondern eine ‚architektonische Innenwelt’.

Raumneurosen

Am Thalia Theater, wo Katja Haß seit 2000 kontinuierlich arbeitet, sind unter anderem Stephan Kimmigs Inszenierungen von ‚Nora’ und ‚Hedda Gabler’ entstanden. Für beide hat sie in erster Linie bürgerliche Wohnräume und in zweiter Linie hochneurotische Raumkonstellationen entworfen. Ob der anonyme, unfertige Prestige-Bau für 'Nora' oder die ambitionierte 'Blob-Architektur' für Hedda, es handelt sich um Gefängnisse für freiheitsliebende, in sich gefangene Frauen. Sie strahlen Kälte und Unpersönlichkeit aus, erzählen Geschichten über Brüchigkeit und baldigen Untergang. Sie sind nicht verlässlich und man kann sich in ihnen nur schwer orientieren. Die Menschen, die sie betreten, sind gezwungen, sich zu ihnen zu verhalten – zu der ihnen innewohnenden Schräglage oder wenn man will: zu ihrer Neurose. Nora, in einen Raum geworfen, den sie sich zwar gewünscht hat, der sie jetzt aber regelrecht bedroht, wirkt fremd und verlassen in ihrem 'Puppenheim'. Die anfangs auch von ihr vielbelächelte Welle im Boden wird ihr zum Stolperstein, Türen zu Angstpforten, Nischen zu Sackgassen und der Wintergarten, ein ehemals trostloser Rückzugsraum für die einsame, rauchende Nora, wird zur depressiven Endstation.

Verlorenheit und Morbidität

Katja Haß ist leidenschaftliche Leserin, und aus Büchern bezieht sie einen großen Teil ihrer wiederkehrenden Motive von Weltflucht, Verlorenheit und (Alb-) Traumhaftigkeit. Für ‚Der Bus’ von Lukas Bärfuß hat sie – weit entfernt von dem Wald, in dem das Stück eigentlich spielt – ein ‚Dach der Welt’ gebaut. Der zeltartige Bau, auf dessen Rücken die Geschichte um Glauben und Gewalt spielt, hat einen morbiden Charme, der sich aus den widerstreitenden Gefühlen von Freiheit und Angst speist. Verfall und Zerstörung sind für Katja Haß Leitmotive. Ihre Räume sind niemals leicht oder lebens-bejahend, sondern spiegeln die Komplexität und Abgründigkeit menschlicher Seelen wider.

Epische Bilder

Schaut man auf die Entwicklung des Bühnenbildes in den letzten Jahren, so zählt Katja Haß sicherlich zu einer seltenen Spezies. Sind zur Zeit authentische Materialien angesagt, so lässt sie kaschieren und bemalen. Ist Realität als Zitat oder Fundstück ein Thema, schafft sie eine entfernte, poetische Welt. Besteht alles auf Bruchstückhaftigkeit, so komplettiert sie ihre Bühnen. Sie besteht gegen jeden Trend auf Illusion und Epik. Ihre Bühnenräume sind überzogen von Patina, gleichen einem semiotischen Suchbild. Bestes Beispiel ist ihr Bühnenbild für 'Penthesilea': Ein Gemälde eines Bunkers, in dem trotz aller Isoliertheit alles möglich erscheint – sogar die unmögliche Liebe. In der undogmatischen Vermischung von greifbarem Raum und Traumort bieten er dem Regisseur die Möglichkeit, die in ihm gezeigten Geschichten und Figuren vielschichtiger Betrachtungsweisen auszusetzen.

Sonja Anders

Sonja Anders war Chefdramaturgin am Hamburger Thalia-Theater und ist seit der Spielzeit 2009/2010 Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Deutschen Theater Berlin.