Porträt Jens Kilian

Jens Kilian ist ohne Zweifel einer der erfolgreichsten Bühnenbildner Deutschlands, hat er doch mit allen wichtigen Regisseuren des zeitgenössischen Theaters gearbeitet. Dimiter Gottscheff, Christof Nel, Karin Beier, Thirza Brunken, Jossi Wieler, Joachim Schlömer, Martin Kusej und Johan Simons sind über Jahre seine Partner gewesen und sind es noch, wie etwa Johan Simons, für den er gerade das Bühnenbild einer Aufführung der Orestie in Gent entwickelt. Jens Kilian ist zudem in allen Sparten bewandert, stattet Tanztheater, Oper und Schauspiel aus. Er hat nicht wie seine namhaften Kollegen Anna Viebrock, Bert Neumann oder Martin Zehetgruber durch die Allianz mit einem Partner einen unverwechselbaren Stil entwickelt, sondern immer wieder in wechselnden Arbeitsverbindungen neue ästhetische Herausforderungen und Lösungen gesucht. "Stil ist Stillstand", hat er einmal in einem Interview behauptet, und wenn man seine Bühnenbilder betrachtet, bleibt er den Beweis seiner Originalität und Vielfalt tatsächlich nicht schuldig.

Für Thirza Brunkens Ladykillers baute er ein roasrotes überdimensionales Barbyhaus; für Joachim Schlömers Fit for life ein riesiges, aufklappbares Trampolin; für Stecken, Stab und Stangl einen Veloursraum mit Aussegnungshalle, in dem die Schauspieler mit ihren Jelinekschen Sprachkaskaden ins Bodenlose versinken; für Karin Beiers Schöne Bescherungen der vermeintlichen Weihnachtsidylle einen weißen Wohntempel mit kalten Schick.... Aus seinen vielen Bühnenbildern lassen sich dennoch zwei ästhetische Grundkonzeptionen erkennen: entweder entwickelt Kilian aus einer strengen Reduktion und Abstraktion einen leeren Raum, in dem die Menschen, vereinzelt und ausgestellt, nur im Spiel ihr eigenes Überleben sichern oder aber er steckt sie in hyperreale Welten, die noch im kleinsten Detail das Soziogramm einer pathologischen Gesellschaft widerspiegeln.

Kilians leere Räume
Ein Beispiel für seine leeren Räume ist das Bühnenbild für Elementarteilchen, wo Kilian zunächst einmal entscheidend in die Architektur des Bühnenraumes eingreift, indem er die Bühne selbst zur Zuschauertribüne macht und den Zuschauerraum zu einem Teil der Bühne. Hat er erst mal das Verhältnis des Schauspielers zum Zuschauer neu definiert, so lässt er die Menschen auf einem welligen Holzboden laufen, der ihnen die Sicherheiten ihrer Biografien nimmt. Bretter, die die Welt bedeuten, die aber längst nicht mehr gerade sind. Lässig gehend, stehend oder stolpernd rekonstruieren die Schauspieler darauf die Lebensgeschichten der Brüder Bruno und Michel. Zwischendurch steigen sie aus, werden selbst zu Zuschauern, deren Blicke sie immer wieder im Rücken haben und deren Sozialisation sie mit ihren Erzählungen über die Auswüchse von Individualismus und Sexualität nur allzu genau widerspiegeln.
Hyperrealistische Bühnenbilder
Für die Salzburger Festspiele hat Jens Kilian in die Felsenreitschule einen cinemaskopisch wirkenden, gigantischen Betonraum eingebaut, ein Rohbau, in dessen Mitte nur das Herrschaftszimmer des gnädigen Tito mit allen Insignien der Macht ausgestattet ist. Schon durch das Bühnenbild wird in Mozarts La clemenza di Tito der Regent entlarvt, der sich im Akt der Begnadigung selbst feiert und für seine Untertanen bloß die Kleinfamilienzelle übrig hat - Sinnbild einer Welt, in der die Gleichschaltung aller Lebensverhältnisse die Grundbedingungen für Kontrolle und Manipulation der Massen bis ins 21. Jahrhundert hinein ist. Solch ein Raum übersteigt die Realität, auf die er Bezug nimmt, und zeigt den symbolischen Gehalt einer Machtstrategie, die sich in der Architektur manifestiert.

Diese gleichsam hyperrealen Räume hat Jens Kilian in seiner Zusammenarbeit mit Jossi Wieler oftmals ins Surreale gewendet. Bei Leonore Carringtons Fest des Lammes baute er zunächst einen sterilen, weißen Salon in Bauhausstil, der die Lebenswelt eines satten Großbürgertums präsentiert, um dann im dritten Akt hinter dieser Fassade eine gigantische Küche im Schlachthausformat vorzuführen. In der unterdrückten Sexualität dieser neurotischen Existenzen lauert die tierische Gier und tödliche Lust, symbolisiert in den abgehängten Schafsleibern und Schweinebäuchen hinter dem riesigen Herd, der zugleich wie ein Altar wirkt. Hier wird dann auch das Stubenmädchen Violet mit dem Messer verführt und der Lust geopfert.

Fokus auf die Gegenwart
Kilian gelingt es immer wieder, die zitierte Realität in seinen Räumen zu brechen durch eine Kombination von Zeichen, die entweder in einer extremen Vergrößerung kalt und stilisiert erscheinen oder eigentlich nicht zueinander passen: so etwa, wenn die Welt der Alkestis in eine moderne, edle Palisanderlounge versetzt wird, deren Fensterlosigkeit und abführende Treppe bei allem Schick an Bunker und Tod denken lässt, noch dazu, wenn eine Stelle mit Grabsteinen und Opferkerzen diesen Raum als indirekte Lichtquelle dekoriert. Ob Kilian die einzelnen Elemente eines Bühnenraumes ins Symbolische überhöht oder ins Surreale wendet, immer fokussiert er die Aussage eines Stückes auf unsere Gegenwart hin. Er scheut dabei Bezüge zu Film, Videokunst, Lifestile und Moden nicht, weil er sie nicht imitiert, sondern mit anderen Elementen kombiniert und so gleichsam eine andere Realität schafft: "Ich glaube, dass die Magie des Theaters immer noch einen speziellen Ort erfordert, einen Ort, der so nirgends existiert.", so hat Jens Kilian einmal seine Aufgabe als Bühnenbildner beschrieben. Und um dieser Aufgabe immer wieder gerecht zu werden, braucht er die beständige Lust auf Neues und die spielerische Auseinandersetzung mit den Einflüssen der Gegenwart. Er selbst wirkt dabei bescheiden und bodenständig. Er, der früher immer zum Film wollte und von Freunden und Verwandten aus dieser Branche ausgebildet wurde, weiß, wie wichtig Perfektion, Professionalität und Handwerklichkeit sind. Und genau dieser Anspruch verbindet sich mit seiner künstlerischer Originalität als Bühnenbildner. Sein Erfolg spricht für sich.

Marion Tiedtke

Marion Tiedtke ist Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen und hat Jens Kilian in verschiedenen Produktionen an diesem Haus kennen gelernt und mit ihm zusammen auch an der Inszenierung 'La clemenza di Tito' in der Regie von Martin Kusej für die Salzburger Festspiele gearbeitet.