Institutionen, Bühnen, Festivals

Nicht nur Mittler des Worts – die deutschsprachigen Theaterverlage

Tobias Philippen und Marc Schäfers, Leiter des im Herbst 2008 gegründeten Labels schaefersphilippen; Foto: Meyer OriginalsKaum ein Berufszweig im Theater wurde in letzter Zeit so gefördert, gefeiert, mit Preisen und Stipendien überhäuft wie vorzugsweise junge Dramatiker. So flächendeckend funktioniert mittlerweile die Flüsterpost zwischen Schreibakademien, Stückemärkten und Dramaturgien, dass kein halbwegs vielversprechendes Talent mehr ernsthaft fürchten muss, unentdeckt zu bleiben.

Doch auf dem Weg vom Schreibtisch auf die Bühne lauern noch immer Klippen, denen ein Autor nicht ohne Rückendeckung begegnen sollte. Hier liegt das Arbeitsfeld der Theaterverlage, von denen es im deutschen Sprachraum circa zwei Dutzend gibt, die auf Sprechtheater spezialisiert sind. Das Spektrum reicht von den 1849 gegründeten Felix Bloch Erben über den ebenfalls traditionsreichen Drei Masken Verlag, den Verlag Hartmann & Stauffacher, die Theaterabteilungen der großen Buchverlage S. Fischer, Rowohlt und Suhrkamp, bis hin zu Newcomern wie schaefersphilippen, die sich explizit auch um nicht nur literarische Projekte kümmern. Nach wie vor erfolgreich sind der 1969 gegründete Verlag der Autoren mit seinem bewährten Autoren-sind-Gesellschafter-Modell, der Kiepenheuer Bühnenvertrieb, der Zusammenschluss Pegasus, Verlag Autoren Agentur mit Schwerpunkten auf angelsächsischer und skandinavischer Dramatik, der 1990 neu organisierte, frühere DDR-Verlag henschel SCHAUSPIEL sowie eine Reihe kleinerer Unternehmen wie der Theaterstückverlag oder der vor allem auf englischsprachige Werke spezialisierte litag Theaterverlag. Im Namen ihrer Autoren kümmern sie sich um Verträge, Rechte und Tantiemen und eine sinnvolle Vermarktung ihrer Schützlinge.

„Tante Emma-Laden statt Supermarkt“

Corinna Brocher, Leiterin des Rowohlt Theater Verlags; Foto: VerlagEin Hauptproblem liegt nach wie vor darin, dass Uraufführungen wegen der überregionalen Presseresonanz begehrt sind, viele Stücke dann aber nur selten oder gar nicht nachgespielt werden. Daher ist es entscheidend, so Corinna Brocher, Leiterin des Rowohlt Theater Verlags, „es so einzufädeln, dass die Uraufführung einen Standard hat, der andere Theater motiviert zu sagen, das wollen wir auch.“ Voraussetzung dafür ist natürlich die sorgfältige Auswahl der Autoren. „Wir haben uns nie als Supermarkt, immer als Tante Emma-Laden verstanden“, erklärt Brocher, die in ihrem Programm sowohl viele Briten wie Sarah Kane, Marc Ravenhill oder Simon Stephens als auch René Pollesch, Händl Klaus und Elfriede Jelinek vereint.

Beziehungsstifter

Wichtigste Grundlage für nachhaltigen Erfolg und damit Hauptziel der Bemühungen aller Theaterverlage ist es, langfristige und belastbare Arbeitsbeziehungen zwischen Autoren und Theatermachern zu stiften. „Früher waren das Intendanten und Dramaturgen, heute sind es die guten Regisseure,“ stellt Uwe B. Castensen, Leiter der Theaterabteilung des S. Fischer Verlags, fest. Die Fürsorgepflicht eines Theaterverlags liegt für ihn im genauen Sondieren des Terrains, „wie arbeiten Theater, welche Regisseure sind da, wie kümmert man sich um Autoren?“ Denn nach wie vor gilt, „wenn bei einem neuen Autor die Uraufführung in die Hose geht, ist er versenkt.“

Kaum ein Stück ohne Auftrag

Eine immer größere Rolle spielen dabei Werkaufträge der Theater. Kaum ein halbwegs durchgesetzter Autor schreibt heutzutage noch ‚ins Blaue hinein‘, was nicht zuletzt am höheren Auftragshonorar im Vergleich zur regulären Urheberrechtsabgabe pro verkaufter Karte liegt. Zudem können Produktionsbedingungen und mögliche Besetzung bereits in den Schreibprozess einbezogen werden.

Trotzdem „die Liebe der Theater zu jungen Dramatikern ist manchmal sehr kurzfristig und hängt davon ab, wie ein Autor in das Marketingkonzept eines Theaters passt,“ stellt Guido Huller vom Drei Masken Verlag fest. Inhaltliche Aspekte spielten da manchmal nur eine untergeordnete Rolle. Fest steht, dass die Verlage von der aufwändigen Betreuung junger Autoren nicht leben können und in finanzieller Hinsicht auf anderes Stammkapital wie eine gut sortierte Backlist mit Klassikern, Boulevardstücken und – wenn auch nicht in erster Linie – Medienrechten an Roman- und Filmadaptionen angewiesen sind.

Lobbyarbeit für freie Gruppen

Steffen Weihe; Leiter von Pegasus, Verlag Autoren Agentur; Foto: Johannes ZacherAuf den neuen Trend zu teilweise kollektiv entwickelten Projekten, die mittlerweile fast schon zum Mainstream am deutschsprachigen Stadttheater geworden sind, setzen die beiden innovativsten Köpfe der Verlagsbranche Tobias Philippen und Marc Schäfers. Unter ihrem im Herbst 2008 gegründeten Label schaefersphilippen vertreten sie neben traditionellen Stückeschreibern auch schwer einzuordnende Künstler wie den Musikliteraten PeterLicht und freie Theatergruppen wie andcompany&Co., Hofmann & Lindholm und Rimini Protokoll, die 2007 überraschend den Mülheimer Dramatikerpreis gewannen. Was die Verlagsarbeit betrifft, beschreiten sie damit neue Wege, denn „Nachspiel ist natürlich in diesem Bereich entweder gar nicht möglich oder wird von den Urhebern nicht gewünscht,“ erklärt Marc Schäfers. „Es geht eher um eine komplette Betreuung. Was kann anstelle eines Nachspiels mit einem Text, einer Idee oder einem Konzept noch passieren? In welchem Medium kann etwas stattfinden?“

Vertrauen schaffen

In der Praxis ist das eine intensive Lobbyarbeit für Inhalte, die im Verhandlungsstadium meist noch gar nicht greifbar sind. Denn auch wenn sich die Theater in letzter Zeit für prozessorientiertes Arbeiten geöffnet haben und auf Impulse durch freie Künstler warten, gibt es nach wie vor Berührungsängste und Ressentiments. „Genau da kommen wir ins Spiel“, so Schäfers, „indem wir versuchen, mit einer zunehmenden Expertise in diesem Bereich zu vermitteln und um Geduld und Verständnis auf beiden Seiten zu bitten.“ Und das Konzept funktioniert, das haben die letzten 18 Monate gezeigt – nicht so sehr als Gegenmodell, sondern als zeitgemäße Weiterentwicklung des bestehenden Verlagssystems.

Silvia Stammen
ist freischaffende Kulturjournalistin in den Bereichen Theater, Performance und Tanz. Sie schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Theater heute, ballettanz und tanzjournal.

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Januar 2010

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