Spiegel des Wandels – Das 49. Theatertreffen in Berlin

Das Theatertreffen 2012 zeigte deutlich, was sich im deutschen Theater gerade ändert: Die Freie Szene gewinnt an Bedeutung, Formate und Produktionsweisen verändern sich und die Ensembles werden internationaler.
Alles neu in diesem Mai? Seit Januar residiert immerhin ein neuer Chef im Haus der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, bislang Schauspielchef der Salzburger Festspiele. Und auch die Leitung des Theatertreffens wurde neu besetzt: Nach neun Jahren folgte auf Iris Laufenberg ihre langjährige Kollegin Yvonne Büdenhölzer, die bislang den Stückemarkt, eine der Begleitveranstaltungen des Theatertreffens, geleitet hatte.
Schon das sprach gegen abrupte Neuerungen, die beim Theatertreffen ohnehin nur schwer durchzusetzen sind. Denn an der größten Setzung ist kaum zu rütteln: Die Auswahl der Stücke besorgt eine siebenköpfige Jury aus Kritikerinnen und Kritikern, die zwölf Monate lang Deutschland, Österreich und die Schweiz bereisten und in diesem Jahr aus insgesamt 430 gesichteten Inszenierungen in 66 Städten jene zehn „bemerkenswerten“ Aufführungen einluden, die zwischen dem 4. und 21. Mai in Berlin zu sehen waren. Was diese Auswahl diesmal präsentierte, setzte einen Trend zur Öffnung fort, der sich schon 2011 angedeutet hatte und dieses Jahr so deutlich wurde, dass sich nicht länger die Augen davor verschließen lassen: Im deutschsprachigen Theater findet ein Strukturwandel statt, der auch ästhetische Folgen hat und dessen Ende noch nicht abzusehen ist.
Stadttheaterproduktionen aus München, Hamburg, Bonn und Wien
Nie zuvor hat das Theatertreffen ein so breites Spektrum an ästhetischen Formaten und unterschiedlichen Produktionsweisen abgebildet. Das deutschsprachige Theater spielt längst in zwei völlig unterschiedlichen Szenen: den kräftig subventionierten institutionalisierten Stadttheatern, die unter zunehmendem Legitimations- und Produktionsdruck ächzen, und den Produktionen der Freien Szene. Diese fängt ihre notorische Unterfinanzierung durch ein internationales Kooperationsnetz und beträchtliche ästhetische Innovationslust auf. Beim Berliner Theatertreffen wurden beide Szenen deutlicher als je zuvor nebeneinander gestellt und in ihren Vernetzungsmöglichkeiten abgebildet.
Dem klassischen Stadttheater, das über Jahrzehnte das Theatertreffen geprägt hat, entstammen die beiden Inszenierungen der Münchner Kammerspiele. Karin Henkels Macbeth ist eine Inszenierung des Gender-Crossing mit dem weiblichen Macbeth Jana Schulz als traumatisiertem Krieger, und Johan Simons’ Sarah-Kane-Trilogie Gesäubert/Gier/4.48 Psychose denkt die drei letzten Stücke der englischen Autorin, die sich 1999 das Leben nahm, als einen langen Weg von der Liebes- in die Todessehnsucht zusammen.
Im Stadttheater Bonn hat Lukas Langhoff Ibsens Volksfeind entwickelt, dessen Dr. Stockmann mit dem afro-deutschen Schauspieler Falilou Seck einen „migrantischen Hintergrund“ bekam. Vom Hamburger Thalia-Theater kam – eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen – Nicolas Stemanns achtstündiger Faust 1 und 2, ein Marathon hinein in den Kopf des Faust im konzentriert monologischen ersten Teil und hinaus in die Welt der lustvoll montierten Zeichenvielfalt in Teil 2. Der Faust-Abend brachte Stemann den 3sat-Preis ein. Er ist wie Alvis Hermanis‘ Platonow vom Wiener Burgtheater – eine fünfstündige, hyperrealistische Tschechow-Exegese hinter einer undurchdringlichen imaginären vierten Wand – ohne die luxuriösen Produktionsbedingungen des Ensemble- und Repertoiretheaters kaum denkbar.
Volksbühne, wiederbelebt
Der Rest war Berlin. Für die Wiederauferstehung der seit Jahren so lustlosen Volksbühne stand Herbert Fritschs hysterisch-lustvolles (S)panische Fliege-Panoptikum, eine entfesselt übersteigerte Virtuosenshow nach einer Post-Jahrhundertwendeklamotte des Boulevard-Teams Arnold und Bach. Auch René Polleschs hoffnungslose Liebessuche im Dschungel der Netzwerke, Kill your Darlings – Streets of Berladelphia, kam von der Volksbühne, koproduziert mit dem Teatro Stabile de Torino und gefördert durch den Fonds Wanderlust der Bundeskulturstiftung, der seit 2009 internationale Koproduktionen unterstützt. Dem Performer Fabian Hinrichs, der, umgeben von 15 Berlinern Bodenturnern, den Text im Alleingang bestritt, bescherte die Inszenierung den in diesem Jahr von Nina Hoss verliehenen Alfred-Kerr-Preis.
Die freie Szene: kollektiv und international
Mit der dritten Volksbühneneinladung landete die Auswahl indirekt schon in der Freien Szene. Denn John Gabriel Borkman, das vermutlich ungewöhnlichste Spektakel, das je das Theatertreffen erreicht hat, ist die Produktion einer Freien Gruppe, die am Stadttheater andockte, um danach wieder weiterzuziehen – vielleicht ein Zukunftsmodell, das künftig auch die Aktion Doppelpass der Bundeskulturstiftung befördern will. Das deutsch-norwegische Duo Vegard Vinge und Ida Müller sprengte mit ihrer Ibsen-Performance im ausgetüftelten Puppen- und Horrorhaus aus Pappmaché jedes Zeitmaß – bis zu zwölf Stunden schickten sie ihre Zuschauer in eine finstere Amoklauf-Welt – und jede Als-ob-Verabredung (nicht nur im artistischen öffentlichen Urinieren Vinges in den eigenen Mund). Eine irre, kompromisslose Kunstbehauptung jenseits aller Stadttheaterbetriebsamkeit, undenkbar im Normalfall des Repertoire- und Ensembletheaters.
Das gilt auch für die beiden anderen Freie-Szene-Produktionen, die in Berlin zu sehen waren. Die deutsch-englische Performance-Gruppe Gob Squad hat in zweijähriger Arbeit mit Kindern in Gent Before your very eyes entwickelt, in dem sich die jungen Laienspieler in Konfrontation mit ihrem jüngeren Selbst, aufgezeichnet in Videos, auf eine Reise im Fast-Forward-Modus in ihr zukünftiges Leben bis zum Tod begeben. Und der Schweizer Milo Rau und sein Institute for Political Murder sind für ihr Recherche-Projekt Hate Radio nach Ruanda gereist, um dort mit Überlebenden des Genozids eine Radiosendung nachzuinszenieren, die im vergnügten Gestus der Pop-Moderation zum Massenmord aufruft. Beide Inszenierungen sind im Kollektiv entstanden und beide bedurften deutscher Übertitelung: aus dem Englischen und Flämischen, dem Französischen und dem Hutu-Dialekt Kinyarwanda. Auch das ein Novum beim Theatertreffen, das von der Internationalisierung der koproduzierenden Freien Szene erzählt.
Das maßlose Schaffen
Die neue Theatertreffen-Leitung, die auch schon den traditionell nur mit Stücktexten befassten Stückemarkt um ein Projekt-Labor und die Fokusierung auf Autorenkollektive erweitert hatte, griff die von der Theatertreffen-Auswahl implizit thematisierten Strukturveränderungen im Rahmenprogramm sehr bewusst auf. So gab es ein Forum Kulturpolitik, das Politiker an die neuen Entwicklungen heranführen sollte, einen „open campus“ zum wissenschaftlichen Austausch über Geschlechterpolitik und Vielsprachigkeit und einen „Künster-Gipfel“, zu dessen Einleitung die dänische Performance-Künstlerin Signa zum „maßlosen Schaffen“ aufrief: ein Plädoyer für Verausgabung und Leidenschaft. Einiges davon war beim 49. Theatertreffen in Berlin zu sehen.
ist Theaterkritikerin und Redakteurin bei Theater heute. Sie war von 2005 bis 2007 Jurorin des Berliner Theatertreffens und ist seit 2010 in der Jury der Mülheimer Stücke.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2012
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de













