Tasten und Ausprobieren – das Grips-Theater unter neuer Leitung

Nach 42 Jahren hat der Gründer des Grips-Theaters und Autor von „Linie 1“, Volker Ludwig, die künstlerische Leitung seines Hauses an seinen einstigen Schüler Stefan Fischer-Fels übergeben und sich in die Geschäftsführung zurückgezogen. Was folgte, war eine turbulente erste Spielzeit mit Experimenten, Flops und echten Hits.
Zwei veritable Paukenschläge hatte diese erste Spielzeit unter dem neuen künstlerischen Leiter des Grips-Theaters, Stefan Fischer-Fels, zu bieten. Der jüngste, kaum verhallt, war ein kulturpolitischer: Berlins weltberühmtes Kinder- und Jugendtheater stehe vor der Insolvenz, ließ das Haus im April 2012 über die Presse vermelden. Dem Alarmruf folgten eine Welle an Solidaritätsbekundungen und die Aufstockung der jährlichen Zuwendungen durch den Berliner Senat um 100.000 Euro. Was gleichwohl 50.000 Euro weniger als die Summe sind, auf die das Grips-Theater sein strukturelles Defizit beziffert. 2014 wird man mit dem Senat in weitere Verhandlungen treten, erklärt Grips-Gründer Volker Ludwig, der sich mit Beginn dieser Spielzeit auf die Geschäftsführung zurückgezogen hat.
Exzessives Schauspielertheater zum Saisonvorspiel
Der zweite Paukenschlag war ästhetischer Natur, und ihn besorgte Stefan Fischer-Fels noch im August 2011 als Saisonvorspiel höchstselbst. Als Gastspiel präsentierte er eine Erfolgsinszenierung aus seiner vorherigen Intendanz am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf: eine bestechende Adaption von Hermann Hesses Adoleszenzroman Demian in der Regie von Daniela Löffner. Es war ein Abend mit aggressivem Ausdrucksdrang, Nacktheit, Exzessbereitschaft und großer schauspielerischer Freiheit. Löffner, einst Regieassistentin bei Jürgen Gosch, verkörpert das Maß an Innovation und inszenatorischem Risiko, mit dem Fischer-Fels in den Jahren 2003–2011 Düsseldorf zu einem der profiliertesten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands gemacht hat.
Für das traditionell eher saubere, an Kabaretthumor und Typendramatik geschulte Grips-Theater wirkte diese Form des Schauspielertheaters allemal verstörend. Fischer-Fels bemühte sich sogleich zu versichern, dass er beileibe keine Kulturrevolution plane, allenfalls zarte Akzentverschiebungen hin zu jüngeren Regiehandschriften. Eine „freundliche Übernahme“ sollte es nach eigenem Bekunden werden.
Tatsächlich tritt Fischer-Fels, der von 1993 bis 2003 als Dramaturg am Grips-Theater groß geworden ist, als getreuer Erbe auf. Weiterhin stehen im vitalen Haus am Hansaplatz im (West-)Berliner Hansaviertel neue Dramatik und, mit geringfügigen Ausnahmen, zeitgenössische realistische Stoffe auf dem Spielplan. „Die Welt muss als veränderbare geschildert werden“, dieses Credo der Gründergeneration des Grips-Theaters gilt nach wie vor.
„Frau Müller muss weg“ rettet den Abendspielplan
Reibungslos verlief der Auftakt nicht. Das große Ensemblestück Schöner Wohnen (Regie: Franziska Steiof), ein dreistündiges Singspiel über eine Hausgemeinschaft, die sich der Gentrifizierung widersetzen will, floppte. Einen solchen Rückschlag verkraftet eine Bühne wie das Grips-Theater, das sich einen großen Teil seines Etats von 3,6 Millionen Euro (bei 2,7 Millionen Euro Subvention) im Abendprogramm erspielen muss (wo Linie 1 nach wie vor der Renner ist), nicht eben leicht.
Im Februar folgte der Befreiungsschlag. Lutz Hübners landauf, landab gespielte Komödie Frau Müller muss weg ist am Hansaplatz von Filmregisseur Sönke Wortmann wunderbar anstrengungslos, mit punktgenauem Dialogwitz inszeniert worden. Das rasante Schauspiel um einen Elternabend mit manisch erfolgsbesessenen Erziehungsberechtigten und einer Lehrerin unter Rechfertigungsdruck ist der Hit der Saison.
Problemstücke
Im Kinder- und Jugendprogramm blieben vergleichbare Treffer aus. Lutz Hübner schrieb mit Held Baltus erstmals ein Kinderstück, das von Nachwuchsregisseur Jörg Schwahlen zwar musikalisch peppig mit Stummfilmanleihen inszeniert wurde, aber in seiner Fabel doch arg wackelte: Der kleine Baltus muss sich darin mit den Wünschen seiner alleinerziehenden Mutter arrangieren, auch mal abends auszugehen, um einen Freund zu finden. Das gelingt ihm leidlich. Den anrückenden neuen Lover schlägt er jedenfalls sogleich in die Flucht. Mit der verstörenden psychologischen Anlage dieses Problemstücks wurde die ursprüngliche Zielgruppe (ab 6 Jahren) verfehlt, weshalb das Grips die Altersschwelle für das Publikum inzwischen angehoben hat.
Von Robert Neumann geradezu bestechend inszeniert, aber inhaltlich nicht minder problematisch ist das Jugendstück Die besseren Wälder (mit dem Martin Baltscheit 2010 den Deutschen Jugendtheaterpreis gewann). Hier wird ein verwaister Wolf von Schafen adoptiert, was spätestens in seiner Pubertät zu hartnäckigen Identitätsproblemen führt. Dass mit der Grundkonstellation „Jäger unter Opfern“ kaum die Migrationsgeschichte zu erzählen ist, die die Grips-Dramaturgie in den Begleittexten gern nahelegen möchte, wurde bei der Stückauswahl offensichtlich übersehen.
Straffällige Jungs beim Kochkurs
Mehr von den erzählerischen Qualitäten des Grips-Theaters ist in Über Jungs von Komödienspezialist David Gieselmann zu finden. Wir treffen auf vier jugendliche Raufbolde und Schwerenöter, die zu einem Kochkurs als „Antiaggressionstraining“ verurteilt sind. Mit knackigem Jargon traktieren sich die vier, und als schließlich die Messerstecherin Alex zur Truppe hinzukommt, weht sogar ein Hauch von Verliebtheit über die Kochtöpfe.
Dass Jungregisseurin Mina Salehpour das Stück, das weniger eine Geschichte als eine Zustandsbeschreibung bereithält, immer mal wieder mit aufheiternden Choreografien und Zitaten aus Film und Fernsehen auflockert, dämpft den Realismus der Charakterstudie. Statt Schlaglichter auf prekäre Biographien gibt es poppige Abziehbilder.
Ein so stimmig erzähltes und modern inszeniertes Stück wie So lonely (Regie: Franziska Steiof, nach dem Roman von Per Nilsson), mit dem das Grips-Theater 2011 den IKARUS-Preis für die beste Jugendtheaterproduktion an Berliner Bühnen gewann, fehlte in dieser Spielzeit. Wobei der Erfolg von So loneley in aktuelle Saison hineinlappte, als Brückenschlag gewissermaßen. Regisseurin Franziska Steiof gehört seit Jahren auch zum Team um Stefan Fischer-Fels; die Schauspieler (Robert Neumann und Jennifer Breitrück) sind feste Größen im Grips-Ensemble, das Fischer-Fels nahezu vollständig von Ludwig übernommenen hat.
Experimente mit neuen Regiehandschriften unter Wahrung der zeitgenössischen realistischen Erzählansprüche des Grips-Theaters prägten also diese erste Spielzeit unter der neuen Leitung. Es gab Rückschläge und Aufbäumen, Tasten und Ausprobieren – das alles gehört zur Kunst. Zu vitaler Kunst jedenfalls.
ist Redakteur des Internetportals www.nachtkritik.de und Theaterkritiker für Theater heute, die Berliner Zeitung und die Märkische Allgemeine Zeitung.
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Juni 2012
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