Roland Schimmelpfennig

Hier und Jetzt

Eine Hochzeitsfeier an einem Sommerabend unter freiem Himmel. Es ist spät und immer noch warm. Einige Gäste haben Musikinstrumente dabei. Sie spielen hin und wieder ein paar Takte einer Melodie. Es wird viel gegessen und getrunken. Eine Frau spricht in einen Kinderwagen. In der Mitte der Tafel sitzen die Braut und der Bräutigam.
Sie dachte, eine Kutsche würde sie zur Kirche fahren, und sie dachte, das kann doch nicht sein, dass mein Bräutigam völlig betrunken auf die eigene Hochzeit kommt. Es geht um die Geschichte von Katja und Georg. Wie sie ist, was früher war und was später sein könnte. Wie Georg, der Verlassene, möglicherweise den Verstand verliert und mit seinem Blasinstrument, einem alten Horn, draußen vor der Stadt durch die Wiesen und Wälder irrt.
Plötzlich beginnt es zu regnen. Schnee fällt auf die Erde. Der Mond geht auf, es wird Nacht und es könnte Frühling werden. Vielleicht hört man ein paar Vögel. Das Hier und Jetzt. Das Jetzt oder nie. Früher oder bald. Leider nicht. Zu spät, zu früh. Jetzt nicht. Das Nie mehr.
(Schauspielhaus Zürich, Fischerverlag, Theater und Medien)
Stimmen zum Stück:
„Es ist, wie oft, ein rätselhaftes Stück, das Roland Schimmelpfennig geschrieben hat, vertraut und undurchsichtig. Lebensfetzen, die er wiederholt und variiert, ergeben ein angedeutetes Panorama des Seins und eine liebevolle Entlarvung einer erschöpften Gesellschaft im Endstadium. Es ist das Panorama einer Gesellschaft. Es ist das Panorama einer Gesellschaft, die in sich selbst verschlossen ist, die nicht mehr aus sich heraus brechen kann. Schwertkampf und Huckepack kommen über diese Leute wie von einem anderen Stern. Vielleicht sind wir auch nur eine der merkwürdigen Tierarten, von denen hier nebenbei erzählt wird. Vielleicht kann man vom Menschen nur mehr als Biologe erzählen.
Die hohe Kunst von Schimmelpfennigs „Hier und Jetzt ist dabei der eigenartige, verhaltene, poetische Ton, der bei der Verschmelzung der verschiedenen Ebenen entsteht: Diese Stück ist banal, es ist lakonisch, es ist skurril, es ist melancholisch, es ist heiter und es ist geheimnisvoll – und des ist das alles zusammen. Roland Schimmelpfennig: ein Meister der sanften Ironie.
(Peter Michalzik, Mülheimer Theatertage 2009)


„Eine Geschichte so simpel und rätselhaft, so banal und grausam wie das Leben. Es ist die Geschichte von Katja, die im Elektromarkt Martin kennen lernt, ihren Partner Georg erst betrügt und dann verlässt, was diesen in den Wahnsinn treibt und sie selbst – die ihn nicht vergessen kann – schliesslich auch. Erzählt wird in Bruchstücken, man weiss nicht, ob in der Erinnerung oder als Prophezeiung (schliesslich sitzen Katja und Georg als Brautpaar am Tisch), dann wieder gleichzeitig wie die Geschehnisse stattfinden.

Die Zeit, sie spielt keine Rolle an diesem Theaterabend, dessen zweieinhalb Stunden selbst wie im Flug vergehen. Unversehens ist es Herbst, spritzt eine Frau schweren Regen aus einem Gartenschlauch. Dann kommt der Winter, die Hochzeitsgäste stehen auf dem Tisch und werfen weisse Federchen in die Luft – und setzen sich wieder hin und reden weiter. „Das macht doch nichts“, ruft eine, wenn jemand zum x-ten Mal etwas zum Besten gibt, „dafür sind doch die Geschichten da, dass wir sie immer wieder erzählen und immer wieder hören.“ (…)
Das Leben als Erzählen, das Erzählen als Leben, als Hinausschieben des Todes, der überall lauert (…).“
(Felizitas Amman, Nachtkritik 25.04.2008)
Technische Daten:
Uraufführung 25.04.2008, Schauspielhaus Zürich, Schiffbau-Halle 1
Regie Jürgen Gosch
Bühne Johannes Schütz
Personenzahl 5 Damen, 6 Herren
Rechte S. Fischer Verlag GmbH
Theater & Medien
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