Nicoleta Esinencu / Chişinău

Hier wird Frieden mit dem Panzer gemacht

Zwischen Punk-Nihilismus und Sowjet-Nostalgie: Eine Reise in die Republik Moldau und den Phantomstaat Transnistrien.

Dass die Republik Moldau im Bewusstsein der Deutschen nicht gerade einen vorderen Platz einnimmt, macht schon der Abflug in Frankfurt am Main auf skurrile Weise deutlich. Am größten Flughafen des Kontinents hat das Bodenpersonal keine Vorstellung davon, wohin die Reise gehen soll. Chiinu? Man vermutet, wir wollten nach Kiew oder Charkow. Man rätselt, welchen Namen einer französischen Stadt wir fehlerhaft aussprechen oder ob wir nach Afrika wollten. Wegen dieser Schwierigkeiten verpassen wir beinahe die halb leere Air-Moldova-Maschine. Von der verspiegelten Frankfurter Skyline bis nach Chiinu, der Hauptstadt des ärmsten europäischen Landes, sind es ganze zwei Flugstunden. Doch die Republik Moldau musste als Vorlage für die Bestseller-Satire über obskure postsowjetische Länder herhalten: Molwanien Das Land des schadhaften Lächelns.

In Chiinu regnet es in Strömen. Nach fünf Minuten Fahrt bleibt unser Taxi mit Motorschaden liegen. Es dauert, bis wir auf der breiten leeren Straße ein anderes finden. Irgendwann sind wir jedoch bei der Mutter einer Bekannten in einem verwinkelten Holzhaus angekommen. Am nächsten Morgen in der Stadt stechen sofort die vielen verschiedene Schriften und Sprachen ins Auge: Rumänisch in lateinischer und in kyrillischer Schrift und viel Russisch. Und jede Menge krude Mischformen. Manchmal kann das Geschick eines Landes von einer Schreibweise abhängen: Nach dem Zusammenbruch der UdSSR weigerte sich ein Teil der Moldauer, ihre Sprache (ein Dialekt des Rumänischen) weiterhin in Kyrillisch zu schreiben, wie es ihnen die Russen seit 1940 abverlangt hatten. Heute feiern die Moldauer nicht nur die Unabhängigkeit von der Sowjetunion (27. August), sondern auch den »Tag unserer Sprache« (31. August). Limba Noastr heißt seit 1994 die Nationalhymne der jungen Republik: Unsere Sprache ist ein Schatz / in der Tiefe vergraben / Eine Kette von edlen Steinen / Auf unserm Land verstreut.

Es gibt sie alle: Kommunisten, Nationalisten und Europa-Hasser.

Mit solcherart Nationalstolz tut sich die 1978 geborene Nicoleta Esinencu, eine der bekanntesten jungen Künstlerinnen aus Chiinu, schwer. Die Moldauer sind Patrioten / Auch wenn sie nicht so genau wissen, was ihr Vaterland ist, hat sie in einem Theaterstück geschrieben. Sie hat schon viele Moldauer mit ihren bissigen Texten geärgert und Rumänen, Deutsche, Niederländer oder Franzosen, die ihre Stücke mit Erfolg auf die Bühne bringen, begeistert. Denn Nicoletas Kritik an Nationalismen ist universal.

Nicoleta sieht aus wie Pumuckl in Blond. In ihrem Stück FUCK YOU, Eu.ro.Pa! (2005) hat sie sich mit den Illusionen der Rumänen und ihrer Landsleute über einen EU-Beitritt auseinandergesetzt. Die Veröffentlichung des Stücks im Begleitheft des Rumänischen Pavillons der 51. Biennale von Venedig löste eine solch heftige Kontroverse aus, dass das Stück der damals erst 23-Jährigen in Bukarest im Parlament diskutiert wurde. Wie kommt es, dass eine junge Frau aus einem armen Land (das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 100 Euro im Monat. Pensionäre erhalten 15 Euro) über die EU Witze macht?

Nicoleta winkt ab. Sie ist nicht EU-feindlich, findet aber die Hoffnungen, die viele Länder der Region mit einer Aufnahme in die Union verknüpfen, übertrieben. Auch kommt ihr der Gesinnungswandel heuchlerisch vor: »Zu meiner Schulzeit hätten sich viele Lehrer eher die Zunge abgebissen, als das Wort Europa auszusprechen. Wenn man es nicht vermeiden konnte, wich man auf Eurasien aus.«

Ihr intellektueller Punk-Nihilismus hat Nicoleta unter anderem ein Stipendium auf Schloss Solitude eingebracht. In diesen Monaten hat sie ein wenig Deutsch gelernt. Ihr Lieblingswort ist »Scheiße« oder, ihrer Aussprache gemäß, »Scheise«. Wir können keine 200 Meter durch Chiinu gehen, ohne dass sie irgendetwas als »Scheise« bezeichnet. Manchmal wechselt sie auch ins Englische, um ihrem Unmut über die verquere Situation, in der sich ihr Land befindet, Ausdruck zu verleihen. Come on!, sagt sie und rollt die Augen. Und ihr Its so crazy höre ich noch Wochen nach der gemeinsamen Reise im Schlaf. Wir befinden uns in einem verrückten Land mit einem verrückten Sprachengewirr, verrückten Kommunisten, Antikommunisten, Nationalisten, EU-Hassern und glühenden EU-Befürwortern, verrückten, stolzen und gebrochenen Menschen. Dabei lässt Nicoleta unter ihrer ruppigen Art eine zutiefst humane Weltsicht durchblicken. »Die Leute hier sagen, in der Republik Moldau solle es nach der Unabhängigkeit keinen russischen Einfluss mehr geben. Come on! Hier leben nun mal jede Menge Russen Sollen die sich denn in Luft auflösen? Nach 1991 gab es überall den Spruch Koffer! Bahnhof!

Russland!. Man hätte am liebsten alle Russen aus dem Land geworfen.«

Bei all den vielen Veränderungen ist Chiinu, Nicoletas Heimatstadt, wenigstens sein schlechter Ruf geblieben: Am Rande des russischen Imperiums gelegen, galt die Provinzstadt schon im Zarenreich, zu dem sie nach 1818 für einige Zeit gehörte, als übles Nest und wurde als Strafversetzungslager für Unzufriedene und Aufmüpfige benutzt. Der junge Alexander Puschkin, von 1820 bis 1823 nach Kischinjow verbannt, schrieb: »Oh Kischinjow, oh dunkle Stadt! Verfluchte Stadt Kischinjow, die Zunge wird nicht müde, dich zu beschimpfen«.

180 Jahre später holt Nicoleta Esinencu in ihrem Prosa-Essay Chiinu eine Stadt der Kopfschmerzen! zu einer Schimpftirade aus: »Die Chiinuer ziehen es vor, eine Eintrittskarte für das Historische Nationalmuseum zu kaufen, nur weil der Eintritt ins Museum billiger ist als der für ein öffentliches WC.«

Chiinu ist eine seltsame Metropole: stalinistische Prachtgebäude an breiten Alleen in der Innenstadt, gleichzeitig geduckte Häuser und viel Grün. Zum Abendbrot kommt der Schriftsteller und Herausgeber Vitalie Ciobanu vorbei (Jahrgang 1964), der vor 14 Jahren mit einem Kollegen die Kulturzeitschrift Contrafort (»Gegenkraft«) gegründet hat. Vitalie erzählt über die Anfänge von Contrafort: »Wir wollten uns von den älteren Kollegen absetzen, die nach dem Fall der Sowjetunion in nationale Mythen wie im 19. Jahrhundert verfielen. Wir wollten uns auch mit neuen Ideen und Tendenzen in den europäischen Literaturen synchronisieren. Und stilistisch wollten wir uns auch absetzen, wir haben uns als Anhänger der Postmoderne verstanden und uns Europäer genannt.«

Contrafort wurde zunehmend die Plattform für junge, innovative Literatur aus der Republik Moldau. Vitalie ist froh darüber, dass das Blatt bald in Rumänien Anerkennung fand und Schriftsteller aus Paris, Rom, Berlin, Prag und New York schon für die Zeitschrift geschrieben haben. Internationalität ist Vitalie, der Präsident des moldauischen PEN-Clubs ist und begeisterter Teilnehmer des »Literatur Express Europa 2000« (eines Projekts der LiteraturWERKstatt Berlin) war, sehr wichtig. Wie Nicoleta hatte er am Anfang die größten Schwierigkeiten im eigenen Land: Man beschimpfte ihn als »Elitisten«, »Freimaurer«, »Pro-Israelis« oder »Pro-Ungarn«. Als Ungarn wurden sie beschimpft, weil sie finanzielle Untersützung von der Soros-Stiftung erhalten hatten, die der ungarisch-jüdisch-amerikanische Investmentbanker George Soros, ein Überlebender der deutschen Besatzung von Budapest, gegründet hat.

Als wir auf die Regierung und den Präsidenten Voronin zu sprechen kommen, bricht der sonst so besonnen wirkende Vitalie in einen Redeschwall aus. Er erzählt, dass die Regierung in den Nachrichtensendungen wieder die Zensur eingeführt habe. Eine »hinterwäldlerische regionalistische Isolation« nennt er das, was die Behörden in Chiinu betreiben. Dass Contrafort inzwischen vom Rumänischen Kulturinstitut unterstützt wird, hat bei den Verantwortlichen im Kulturministerium in Chiinu, die gegen eine Annäherung an das vergleichsweise mächtige Nachbarland sind, Argwohn hervorgerufen.

»Ich werde nie die Rolle eines Schriftstellers nur für Moldau akzeptieren«, regt sich Vitalie auf. »Ich schreibe in Rumänisch, ich will Zugang zu einer gewissen Universalität haben, Literatur kann nicht an nationalen Grenzen enden. Vor allem, wenn es um die gleiche Sprache geht. Wenn ich Österreicher wäre, würde das doch auch nicht bedeuten, dass mich die Literatur aus Deutschland nicht zu interessieren hat Und deshalb bin ich noch lange nicht für den Anschluss Österreichs an Deutschland!«

Während Vitalie die depressive Atmosphäre im Land beklagt, schenkt sich Nicoleta noch einen Wodka ein. Sie selbst verbringt mehr als die Hälfte des Jahres mit Theaterproduktionen und Stipendien im Ausland. »Die Republik Moldau interessiert sich nicht für mich, warum soll ich mich für das Land interessieren?«, sagt sie. Ihre Stücke werden in der Republik Moldau kaum aufgeführt, ihre Bücher nicht verlegt, weshalb sie sich einen Verlag in Bukarest gesucht hat. In Deutschland wird demnächst im Rahmen des Theaterfestivals »Moldova Camping« ihr Stück û.md aufgeführt.

»Aber das größte Problem ist natürlich Transnistrien«, meint Vitalie und seufzt. Die Pridnestrowische Moldauische Republik (PMR), auch Transnistrien genannt, ist ein prorussischer Phantomstaat mit stabilisiertem De-facto-Regime auf moldauischem Boden. Seit Ende 1991 regiert der Familienclan Smirnov das Land totalitär. In Transnistrien lagern heute sowohl die größten Weinvorkommen des ganzen ehemaligen Ostblocks wie auch das umfangreichste Arsenal an konventionellen Waffen auf europäischem Boden. Das von der moldauischen Regierung nicht kontrollierte Gebiet (so groß wie das Saarland) mit eigener Regierung, Währung und Grenzanlagen gilt als Geldwaschanlage, Drogen- und Schmuggelhölle, als black hole das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Republik Transnistrien.

»Berühmte russische Maler? Nur Amerikaner kaufen so etwas!«

Für die Moldauer ist die Präsenz der russischen »Friedenstruppen« eine Katastrophe. »Einen Friedensvertrag mit Transnistrien und eine Reintegration der Region in unser Land kann ich mir nicht ohne Demilitarisierung und Entkriminalisierung vorstellen sonst haben wir keine Europäisierung Transnistriens, sondern eine Transnistrisierung der Republik Moldau. Und dann sind wir noch mehr Bestandteil der russischen Einflusssphäre«, sagt Vitalie und fährt leise fort: »Mit diesem Problem hat die Republik Moldau keine Chance, EU-Mitglied zu werden.«Come on! Nicoleta rollt mit den Augen. Vitalie greift weder zu den Windbeuteln noch zum Wodka, er legt einen Stapel Contrafort auf den Tisch.

Foto: Florin Tabirta

Am nächsten Tag fahren wir für knapp eine Woche in dieses Gebiet, das auch als »Museum des Kommunismus« bezeichnet wird. Das sichtbarste Kulturgut sind die zahlreichen Lenin-Denkmäler. Ansonsten Plattenbauten, leere Straßen, wucherndes Grün, Militär ein Drittel der Region ist militärisches Hoheitsgebiet. Its crazy. Im Heimatkundemuseum bewundern wir eine Lenin-Andachtsstätte. Auf so engem Raum sind wohl noch nie derart viele Lenin-Büsten, -Skulpturen, -Gemälde, gestickte, gehäkelte Lenins, aus Melonenkernen zusammengesetzte Lenins und so weiter versammelt worden. Außer bei Frau Bondarenko im Büro der kommunistischen Oppositionspartei in der Hauptstadt Tiraspol. Aber hier entdecken wir auch noch Stalin. Frau Bondarenko ist studierte Juristin mit dem militärischen Rang eines Majors. Fragen nach illegalem Waffenhandel in Transnistrien kontert sie thematisch passend: »Selbst wenn Sie mir eine Kalaschnikow an die Schläfe halten würden, würde ich Ihnen hierauf keine Antwort geben!«

Gespräche über Kultur sind nicht in ihrem Interesse. »Die Menschen hier wollen keine moderne Kunst. Nur die realistische Kunst kann zum Menschen sprechen.«Die Rückfrage, was sie denn von berühmten russischen Malern wie Kandinsky oder Malewitsch halte, missfällt ihr.

»Die hatten nur im Ausland Erfolg. Das ist keine gute Kunst.
Amerikaner kaufen so etwas.«

Am Ende überreicht uns Frau Bondarenko ein selbst verfasstes Theaterstück. Es geht um Soldaten, die um ihren Lohn betrogen worden sind. Wir befinden uns mitten im (ewigen) Klassenkampf. Das Stück ist in der Antike angesiedelt - auch Kleopatra taucht dort auf.

Von der Zweckfreiheit der Kunst hält auch der Direktor des staatlichen Radios wenig. Der große beleibte Mann ist erst vor einem halben Jahr vom Innenministerium auf seinen Posten gehievt worden. Der Besuch in seinem Büro artet zu einem Monolog über die Unterdrückung der Pridnestrowier durch die Moldauer aus. Während er spricht, hält er ein ausgestrecktes Teppichmesser in Richtung Nicoleta, der einzigen Moldauerin in der Runde (»Scheise«). Auf dem Tisch steht eine russische Fahne. Über dem Direktor hängen christliche Ikonen an der Wand. Größer ist nur das Bild von Präsident Smirnov (Its crazy). Am Ende gibt es wieder ein Geschenk. Selbst verfasste Lyrik: »Der gute Weg« religiös-nationalistische Erbauungspoesie. Später wird Nicoleta dichten: Um welche Grenze es geht, zählt nicht mehr. Hier wird der Frieden mit dem Panzer gemacht.

Das wichtigste Kulturgut Transnistriens ist wahrscheinlich im Moment der Sport, genauer gesagt, der Fußball. Das Stadion an der Stadtgrenze von Tiraspol wirkt nicht nur angesichts der tristen Plattenbauten pompös. Kaum jemand würde ausgerechnet hier eine der modernsten Sportanlagen Südosteuropas vermuten. Neben dem schicken »Sheriff-Stadion« gibt es ein Dutzend Trainingsplätze, eine riesige Halle und sogar eine Sheriff-eigene Fußballakademie. Während Arbeiter sich für 50 Euro im Monat um die akkurat angelegten Blumenbeete kümmern müssen, entsteht neben dem Areal gerade ein 5-Sterne-Luxushotel. Der bombastische Sportpalast lässt Nicoleta gleich an Ceauescus Casa Popolurui denken, das Sinnbild für absurden Machtmissbrauch. Die megalomane Sportanlage ist dem armen Land nur möglich, weil der Namensgeber des Clubs gleichzeitig Inhaber des größten Unternehmen des Landes ist: Tankstellen, Supermärkte, Fernsehen und Radio, eine Kognak-Fabrik beinahe alles, was man in Transnistrien zu Geld machen kann, befindet sich in Besitz von Sheriff.

Wie es der Zufall will, ist der Besitzer dieses Monopolunternehmens der Sohn des Präsidenten. Der Club stieg in kurzer Zeit in die 1. Liga auf. Dort dominiert er heute seine Gegner: Im Mai wurde der FC Sheriff zum achten Mal in Folge moldauischer Fußballmeister. Als einziger Club weit und breit kann Sheriff es sich leisten, ausländische Spieler zu verpflichten, darunter nicht nur rumänische, sondern auch brasilianische und afrikanische Legionäre.

Während ansonsten in dem zweigeteilten Land zumindest offiziell kein gutes Wort übereinander gesagt wird, sind beim Fußball plötzlich alle vereint. Da auch die FIFA Transnistrien nicht anerkennt, spielen die Clubs in der Divizia Naional, der moldauischen Liga. »Natürlich gibt es auch Spannungen zwischen den Anhängern«, sagt Andrej, »aber es kommt nie zu ernsthaften Konflikten.«

Andrej muss es wissen. Schließlich ist der 24-Jährige, der perfekt deutsch spricht, beim FC Sheriff für Visa-Angelegenheiten und die Arbeitserlaubnis ausländischer Spieler zuständig. Die wundersame Wiedervereinigung im Stadion kann aber auch er nicht ganz erklären.

»Die Situation ist paradox«, sagt er und lächelt verlegen. Natürlich gehe es auch um Geld und Renommee. Weil das Stadion eines der wenigen in der Region ist, das internationalen Standards entspricht, muss das Nationalteam oft im Stadion von Sheriff spielen. Wie etwa am 19. August, wenn die deutsche U-21-Nationalelf dort ein Qualifikationsspiel für die Junioren-Europameisterschaft bestreitet.

Dann jubeln transnistrische und moldauische Fans gleichermaßen ihrer Mannschaft zu. Doch vermutlich haben die deutschen Spieler keine Ahnung, welch seltenes Spektakel sie in Tiraspol erleben werden: Die transnistrische Polizeikapelle, dirigiert von einem Geheimdienstoffizier, gibt die feindliche Nationalhymne zum Besten.
Und über dem Sheriff-Stadion wird die ansonsten verhasste moldauische Fahne wehen. Eine Zeit lang hatte Transnistriens Präsident Smirnov die Spiele mit den Moldauern in einer gemeinsamen Nationalelf verboten.Dann ließ er sich überzeugen, dass es keine bessere Möglichkeit gibt, seine separatistische Republik im Ausland zu präsentieren.

Auf dem Rückweg von Transnistrien passiert man innerhalb weniger Kilometer so viele Grenzen und Grenzposten wie nirgendwo in Europa.

Die Grenze zur Ukraine im Osten mitgerechnet, sind es sieben Kontrollen, die man über sich ergehen lassen muss, wenn man nach Rumänien will. Für die knapp 200 Kilometer von Tiraspol braucht man viel Geduld.

Wir sind wieder in Frankfurt gelandet. Verspätet. Ein Koffer ist auch noch weg. Und niemand weiß, mit welcher Maschine wir gekommen sind.

»Aus Kiew?« »Charkow?« »You French?«
Air Mongolia«?Jetzt geht das wieder los.

Nicoleta Esinencus Stück »û.md« sowie »Grüsse aus Transnistrien« (Dückers/Esinencu) werden im Rahmen des Festivals Moldova Camping, eines Projekts von sauerbrey|raabe, büro für kulturelle angelegenheiten, in Deutschland aufgeführt. Künstler aus der Republik Moldau sowie die österreichisch-pridnestrowische Künstlergruppe Kollektiv Fischka stellen das unbekannte Land im Berliner HAU 2 vor

Termine: 15.6. Moldova Camping in Braunschweig, 19.30 Uhr - 17.6.

Moldova Camping in Berlin, HAU 2, 19.00 Uhr - 18.6. um 20.00 Uhr

Moldova Camping

Die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers hat mit der moldauischen Theaterautorin Nicoleta Esinencu die Republik Moldau/Transnistrien bereist. Anlass war das Festival Moldova Camping, das im Juni in Deutschland stattfindet und neue Stücke aus dem wenig bekannten Land präsentiert. Im Jahre 1991 hatte sich die damalige Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) für unabhängig erklärt, woraufhin die prorussische Region Pridnestrowien (oder Transnistrien) ein Jahr später ebenfalls ihre Autonomie ausrief.

Erst russische Streitkräfte beendeten den Bürgerkrieg zwischen der jungen Republik Moldau und der abtrünnigen Provinz. Bis heute sind russische Truppen auf transnistrischem Gebiet stationiert. Es herrscht lediglich EU-Waffenstillstand - völkerrechtlich anerkannt ist Transnistrien nicht. In beiden Ländern spricht man Rumänisch: Bis 1940, als Bessarabien in Folge des Ribbentrop-Molotow-Pakts an das Sowjetreich abgetreten wurde, gehörte die Region (nicht jedoch Transnistrien) zu Rumänien. Zwischen Rumänien und der Republik Moldau verläuft seit 2007 die EU-Außengrenze.

Der Text erschien im Feuilleton von DIE ZEIT Nr.25 vom 12. Juni 2008, Seite 49

© Tanja Dückers