Nicoleta Esinencu / Chişinău

Nicoleta Esinencu - Ein Porträt

Nicoleta Esinencu stammt aus Chişinău in der Republik Moldau, die mehrheitlich rumänischsprachig ist. Sie wurde 2005 schlagartig in der Republik Moldau und in Rumänien bekannt – mit ihrem Theaterstück „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ Die Veröffentlichung des Stückes im Reader des Rumänischen Pavillons der 51. Biennale von Venedig (2005) verursachte eine politische Kontroverse in Moldau und Rumänien; das Stück war Gegenstand einer langanhaltenden Diskussion in der Öffentlichkeit über die Freiheit der Kunst und lieferte aufgrund seiner Europa-kritischen Haltung Diskussionsstoff für drei parlamentarische Anfragen. In der Republik Moldau wurde das Stück gar abgesetzt, konnte aber unter einem neuen Titel wieder gespielt werden.

Die Attacken gegen das mit dem rumänischen Theaterpreis Dramacum 2 ausgezeichnete und mittlerweile weltweit aufgeführte Bühnenstück richteten sich zwar vordergründig gegen die politische Haltung, die drastische Sprache und den direkten Ton, entsprangen aber einem viel tieferen Dispositiv: dem gekränkten Selbstbild der postkommunistischen Gesellschaft, das die Autorin aus der Perspektive einer doppelten Ausgrenzung (als moldauische Rumänin und als Frau) zertrümmerte. Die postkommunistische Gesellschaft Rumäniens, die ihre kommunistische Vergangenheit abgelegt und sich geschichtsblind einer neuen Ideologie, dem Europäismus, zugewandt hat, fühlte sich provoziert, herausgefordert, gedemütigt.

Das noch schmale Bühnenwerk der jungen Autorin Nicoleta Esinencu zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: den kraftvoll-aggressiven Sound und die Kritik am Identitätsumbildungsprozess Moldaus und Rumäniens vom kommunistischen Einheitsstaat zur postkommunistischen Gesellschaft, unter deren demokratischer Oberfläche die alten Macht- und Geschlechterverhältnisse weiter wirken. Ihre Stücke umkreisen Themen wie Arbeitsmigration und Rassismus, soziale Kälte und Religionswahn, Nationalismus und Frauenunterdrückung. Nicoleta Esinencu ist die zornige Stimme einer nach politischer und sozialer Orientierung suchenden jungen Generation, die sowohl mit den Denkschablonen des Staatskommunismus als auch mit den leeren Versprechungen des Kapitalismus aufgewachsen ist.

Die Republik Moldau, das Herkunftsland der Autorin, mit ihrer mehrheitlich rumänischen Bevölkerung ist eine doppelt vergessene Welt, seit Rumänien 2007 in die EU aufgenommen wurde und seine Ostgrenzen abgeriegelt hat. Obwohl rumänischer Herkunft, benötigen Bürger aus Moldau ein Visum, um nach Rumänien einzureisen. Von Rumänien und der EU gewissermaßen aus Europa hinausgedrängt, bleibt die Republik Moldau auf unabsehbare Zeit von ökonomischem Wohlstand, politischer Stabilität und kultureller Integration ausgesperrt. Die junge Generation sieht keine Zukunft und wandert aus.

Foto: Florin Tabirta

Anders dagegen Nicoleta Esinencu, die trotz langjährigen Aufenthalten und Stipendien im Westen ihrem Land nicht den Rücken kehrt, sondern immer wieder zurückkehrt in dieses vergessene Land, um für Veränderungen einzutreten. Nicoleta Esinencu arbeitete von 2002-2005 als Dramaturgin am unabhängigen Theater Eugène Ionesco. Inzwischen hat sie ihr eigenes freies Theater in Chişinău aufgebaut, das unter dem Namen Mobile European Trailer Theatre firmiert. Der Name ist Programm, denn Nicoleta Esinencu ist dafür bekannt, ihre Theaterarbeit auch an unkonventionellen Orten zu realisieren.

Kraftvoll und provozierend, aber auch anrührend und zart – mit scharfem Blick und geschliffener Sprache zerlegt Nicoleta Esinencu die Tabus einer Welt, die aus den Trümmern der sozialistischen Utopie hervorgegangen ist und sich von Gewalt und Gier nährt. Und auch Zuschauer im Westen haben es nicht leicht, ihre Stücke zu ertragen, insbesondere an Stellen, wo die Autorin Figuren voller Fremden- und Frauenhass sprechen lässt. Es muss sein. Nicoleta Esinencu spricht aus, was die Bewohner dieser neuen Welt denken, wie sie fühlen und was sie begehren: den Selbsthass der Erniedrigten und Gedemütigten wollen sie loswerden und weitergeben.

Veränderung setzt Erkenntnis, Konfrontation, Kritik voraus. Darin besteht das ästhetische Programm Nicoleta Esinencus: in der gespiegelten Welt des Theaters die Wahrheit über die reale Welt anschaulich und ertragenswert machen.

Marius Babias und Sabine Hentzsch

Aus dem Vorwort zu: „Nicoleta Esinencu. A(II)Rh+“. Der deutsch-rumänische Band, der Theaterstücke, kurze Erzählungen und Essays enthält, erschien im Rahmen des Projekts „Kunst im öffentlichen Raum Bukarest 2007“ im Verlag der Buchhandlung Walther König und bei IDEA Design&Print Cluj-Napoca, herausgegeben von Marius Babias und Sabine Hentzsch.